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10. Mai 2017 | Autor: Jennifer Gregorian

Ehe ist der Tod

Manchmal nur der psychische, oft auch der physische. Über Zwangsheirat von minderjährigen Mädchen.

Junge, minderjaehrige Braut / © ruslanshug - Fotolia.com
Junge, minderjaehrige Braut / © ruslanshug - Fotolia.com

In vielen streng islamischen Kulturen, im  hinduistischen Sri Lanka, bei den Jesiden, bei Sinti und Roma, im christlichen Griechenland sowie in Albanien, Bangladesch, China, Indien, Italien, Jordanien, Kongo, dem Kosovo, Marokko, Nigeria, Jemen,Vietnam, in der Türkei und in vielen weiteren Ländern werden Mädchen und Frauen, manchmal auch Männer, gegen ihren Willen verheiratet. (Quelle: Terres des Femmes, Amnesty International und eigene Recherchen). In der Regel werden die minderjährigen Mädchen einem erwachsenen oder gar alten Mann anvertraut, der sie nach Herzenslust misshandeln und vergewaltigen darf. Sie sind ihm aufgrund ihrer Position (Frauen gehören noch nicht zur Menschheit), des rechtlichen Status, ihres Alters, der fehlenden Lebenserfahrung und der nicht vorhandenen Bildung komplett ausgeliefert. Zumeist sterben die Mädchen nach der ersten Vergewaltigung psychisch. Von lebhaften Kinder, die gerne ausgelassen spielten und an vielen Dingen interessiert waren, bleibt nur eine Hülle mit einem leeren Blick übrig. Allein der Nachwuchs erhellt manchen von Betroffenen den tristen Alltag, der aus Hausarbeit, Schlägen und Vergewaltigungen besteht. Unter starken Schmerzen und mit einem hohen Risiko müssen diese Mädchen viel zu früh Kinder austragen. Dabei haben sie selbst noch einen Kinderkörper. Der Besitzer und ihre beiden Familien sind aber erst zufrieden, wenn die sie Söhne gebiert. Diese sind ihr ab der Geburt höher gestellt. Sie muss also ihre eigenen Wächter zeugen und sie aufziehen. 

Für Mädchen in solch einer prekären Lage endet das Leben sehr früh: Meistens werden sie zwischen 12 und 14, oft aber schon mit 8 Jahren, an einen alten Mann verschachert. Es bleibt ihnen keine Zeit, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, zu spielen, Kind zu sein, zur Schule zu gehen, sich beruflich zu etablieren, Freundschaften zu schließen usw. Kurz, es bleibt ihnen keine Zeit zum Leben. Sie dürfen sich nie verlieben und erhalten nicht die Möglichkeit einer freiwilligen Familienplanung. 

Sehr häufig erliegen die Kinderbräute ihren Verletzungen aus der Vergewaltigung in der Hochzeitsnacht. Das ist zwar äußerst tragisch und brutal, aber sie haben das Elend dann wenigstens hinter sich. 

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Ausbrecherinnen zahlen einen hohen Preis

In einem restriktiven Staat, in welchem Frauen gar keine Rechte haben, ist an Ausbruch nicht zu denken. Mädchen und Frauen haben nur eine minimale Chance, der Gefangenschaft zu entkommen, wenn sie in einem als emanzipiert geltendem Rechtsstaat leben oder zumindest Kontakte zu solch einem haben.
Brechen Mädchen aus ihrem Gefängnis mit täglicher Folter aus, zahlen sie einen hohen Preis. Oft endet der Fluchtversuch tödlich. Aber was haben sie schon zu verlieren?

Sollte die Flucht glücken, müssen sie mit ihrer kompletten Familie brechen. Dabei sind Familienbande in Kulturen mit Zwangsheirat sehr stark. Das bedeutet eine hohe psychische Belastung, vor allem ein schlechtes Gewissen. Es ist aber nicht „nur“ der Familienclan, die Ausbrecherinnen müssen ihre gesamte bisheriges Existenz hinter sich lassen, auch die beste Freundin, die Nachbarn, die Heimat, … alles.

Ferner werden diese Mädchen zu unselbständigen Sklavinnen erzogen, so dass sie allein in der Außenwelt schwer zurecht kommen. Viele von ihnen könne weder lesen noch schreiben. Sie müssen erst lernen, zu leben. Wenn sie da keine kompetente Unterstützung haben, sind sie verloren.

Ein weiterer Faktor, der den Versuch, aktiv am Leben teilzunehmen, dauernd beschattet, ist die ständige Gefahr. Die Herkunftsfamilien trachten den Abtrünnigen in der Regel nach dem Leben. Nur durch ihren Tod kann die Familienehere nämlich wieder hergestellt werden. Die Mädchen müssen in der Anonymität abtauchen, wobei es ratsam ist, Namen und Aussehen zu wechseln. Dennoch müssen sie mit dem Risiko leben, dass Mitschüler, Freunde, Nachbarn oder Bekannte, sie an ihre Familie verraten, auch wenn es nur versehentlich geschieht. Oft werden Freunde, Mitschüler, Arbeitskollegen, Lehrer oder Jugendamtsmitarbeiter von den Angehörigen der Geflohenen bedroht und erpresst, damit sie Informationen herausrücken. Die Betroffene muss vielleicht öfters ihren Wohnsitz oder gar das Land wechseln und ständig auf der Hut sein. Die Verbrecherclans lässt man stattdessen frei schalten und walten. Die Opfer erhalten von Rechts wegen erst Hilfe, wenn es zu spät ist, etwa wenn das Messer schon im Rücken steckt. Nur in wenigen, als besonders gefährlich eingestuften Fällen, erhalten sie Personenschutz. Mädchen und Frauen, mit solchen verbrecherischen Clans im Rücken, leben gefährlicher als Wirtschaftsspione. Im Gegensatz zu Letzteren werden sie aber von niemandem beschützt. Allerdings haben sie zurzeit ausschließlich die Wahl zwischen dem sofortigen Tod (psychisch ohnehin, physisch vielleicht auch) oder der andauernden Gefahr.