Mit der Nutzung unserer Webseite stimmen Sie zu, dass wir Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen.

Suche öffnen
06. Februar 2017 | Autor: Jacky Alien the Strande

Zum Glück kinderlos

Kolumne

Die Wiederkehr der Nazis hatte ich so gar nicht auf dem Schirm. Aber da sie nun da sind, bin ich einfach nur froh, dass ich keine Kinder habe.

Verzweiflung / © Merrou - Fotolia.com
Verzweiflung / © Merrou - Fotolia.com

Eigentlich bin ich hier bei Spezialinfo für die allgemeine Erheiterung zuständig, ich bin Satire-Bloggerin. Doch nun beschäftigt mich ein ernstes Thema, über das man schwerlich Witze machen kann: Seit ich denken kann, wollte ich immer Kinder haben. Viele Kinder, am besten so vier bis fünf Stück. ich wollte heiraten und mit meinem Mann, den Kindern und ganz vielen Tieren auf einem Bauernhof leben. Daraus wurde allerdings nichts: Ich bin über 30, wohne in einer Großstadt, mein Beziehungsstatus ist kompliziert, Kinder sind nicht in Sicht und mit den Viechern klappt es irgendwie auch nicht. Überhaupt hat es mit dem Plan nicht hingehauen. Bis 2015 war ich deswegen leicht geknickt. Aber mittlerweile bin ich froh, dass alles anders gekommen ist. Europa zerfällt in faschistische Diktaturen. In Deutschland wird eine rassistische Partei in den Bundestag einziehen. Der Rechtsextremismus in Europa und den USA hat enorme Ausmaße angenommen. In den USA gehört er bereits zur Staatsform, in einigen europäischen Staaten ebenfalls, weitere werden nachziehen.

Ich werde in den Untergrund gehen und kämpfen. Schließlich bin ich frei und ungebunden. Gut, dass ich keine eigene Familie gegründet habe. Was hätte ich meinen Kindern denn sagen sollen? "Es ist völlig egal, ob ihr zur Schule geht, denn ihr werdet eh nie erwachsen. Ihr werdet nämlich schon vorher sterben." Oder: "Ihr müsst nicht Deutsch lesen und schreiben lernen. Wer weiß, wohin uns die Flucht verschlägt und welche Sprache dort gesprochen wird." 

Banner 300x250
Banner 300x250


"Die werden dir nichts tun. Du kannst hier ohne Probleme weiter leben.", diesen gutgemeinten Rat höre ich öfter von Freunden und Bekannten. Ich bin halb Zigeunerin bulgarischer Abstammung, lebe aber sehr westlich-freiheitlich, also gar nicht traditionell. Mir ist schon bewusst, dass wir Zigeuner diesmal nicht so weit vorne auf der Abschussliste der Nazis stehen, wie einst unsere Vorfahren. Im Gegenteil: Manche von den Rechtsextremen finden uns sogar toll und meinen, man müsse uns schützen. Wie wir zu der Ehre kommen, ist mir schleierhaft. Sie - sowie auch viele andere Menschen -  sprechen dabei stets von "Sinti und Roma". Das soll nun, im Gegensatz zum Begriff "Zigeuner", politisch korrekt sein. Dabei bin ich weder das eine noch das andere. Aber das ist ein anderes Thema. Auch wenn wir (noch!) nicht auf der Naziabschussliste stehen, glauben meine Freunde etwa, ich würde stillhalten, während Moscheen und Synagogen niedergebrannt werden? Während Moslems und später Juden ein Erkennungszeichen, ähnlich dem Judenstern, tragen müssen? Während muslimische Geschäfte geplündert und die Besitzer enteignet werden? Während Behinderte in Lager außerhalb der Städte eingepfercht werden (etwa in der Lüneburger Heide, wie es ein AfD-Funktionär vorgeschlagen hatte)? Während Frauen komplett entrechtet und zu versorgenden Gebärmaschinen degradiert werden? Während Homosexualität wieder zur Straftat erklärt wird und Homosexuelle inhaftiert werden? Wie sollte ich da nur wegsehen? Den Fehler hat die Mehrheit der Deutschen 12 Jahre lang gemacht. In der Schule haben wir gelernt, solche Tendenzen zu erkennen und uns dagegen zu stellen. Ich konnte es schon nicht mehr hören! Das Thema kam mir schon förmlich bei den Ohren raus. Aber kaum sind die Nazis wieder da, läuft ihnen das Pack hinterher. Ein Großteil ist unfähig, sie zu erkennen, da sie sich anders nennen und in blau statt in braun daher kommen. Einige wollen diese offensichtlichen Zusammenhänge nicht sehen, weil sie es so hip finden, in der Nazicommunity. Jeder Looser ist dort vermeintlich der große Checker. Außerdem haben die Assis endlich mal was zu tun und dazu auch noch zig Sozialkontakte. Das Ganze funktioniert genauso wie jede beliebige Sekte. Diese Menschen sind sozial ausgehungert, weil sie es verlernt haben, aufeinander zuzugehen und zu kommunizieren. Infolgedessen opfern diejenigen, die von der Naziideologie gar nicht so überzeugt sind, ihren muslimischen Nachbarn und das allein reisende Flüchtlingskind. Die Community ist wichtiger. Sie gibt ihnen etwas, was sie schon lange vermisst haben. 


Damals in der Schule habe ich nicht verstanden, wie das passieren konnte. Wie so viele Menschen bei dem Wahnsinn mitmachen konnten. Ich habe mir gewünscht, einen näheren Einblick in diese Zusammenhänge zu bekommen. Das hätte ich mir mal lieber nicht wünschen sollen ... Nun wünsche ich mir, ich wäre irgendwo in Asien geboren worden und hätte nichts von diesem ganzen Wahn mitbekommen.