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03. August 2018 | Autor: Jennifer Gregorian

„Wir haben nichts davon gewusst“

Tödliche Ignoranz, Opportunismus und Angst

Bloß nicht über de eigenen Tellerrand blicken: Ehepartner, Kinder, Enkelkinder – das reicht! Es muss reichen und es ist okay. Zugleich ist es fatal. Diese Abgrenzung und der Egoismus sind ganz natürlich. Aber wir haben es in der Hand, wie wir uns abgrenzen, wie rigoros, mit wie viel Härte und wie sehr wir Dritten damit schaden. 

Screenshot Doku: Davon haben wir nichts gewusst" - Die Deutschen und der Holocaust
Screenshot Doku: Davon haben wir nichts gewusst" - Die Deutschen und der Holocaust

In den 30ern und 40ern waren die Menschen in Deutschland nicht schlechter und auch nicht blöder, als wir heute. Im Gegenteil: Wir sind schlechter und blöder, als sie, da wir nichts aus der Geschichte gelernt haben und gerade voll dabei sind, sie zu wiederholen. Außerdem gibt es hierzulande sowie in ganz Europa keine Wirtschaftskrise, sondern die Wirtschaft floriert. (Die wirtschaftlichen Probleme wurden einst zur Erklärung des Aufstiegs der NSDAP herangezogen.) Also können wir getrost aufhören, mit dem Finger Richtung Vergangenheit zu zeigen. Stattdessen sollten wir uns einen Spiegel vorhalten. 

Badespaß neben dem KZ, eine gängiges Bild. Badeurlaub am Mittelmeer, man gönnt sich ja sonst nicht. Schließlich hat man hart dafür gearbeitet. Und damit die Invasoren auch gefälligst ertrinken, bevor sie einem den „wohlverdienten“ Wohlstand streitig machen, wählt man die NSDAP, pardon, die AfD. 

Auch heute haben gute Menschen Angst vor Muslimen, einst waren die Juden der Anlass für Sorgen, Angst und Schrecken. Die Angst vor Juden ist absurd, das weiß mittlerweile jeder aufgeklärte Bürger, es sei denn, es handelt sich um die Rothschilds, die jüdischen Reptilien-Aliens oder andere Strippenzieher der Welt. Aber der Islam ist böse und gefährlich, Muslime sind Terroristen, außerdem vergewaltigen sie Frauen und fressen Kinder. Das ist allgemein bekannt. Daran glaubt auch fast die Hälfte der Deutschen. Klar wäre sie einverstanden, wenn man Muslime kennzeichnen, enteignen und ausweisen würde, wie einst die Juden. Einige würden das Potenzial nutzen und die Muslime in Arbeits- und Vernichtungslager stecken – gebaut sind die Teile ja schon. Wieder würde die kommende Generation unangenehme Fragen stellen. Und wieder würden wir sagen: „Wir haben nichts gewusst. Wir haben nichts mitbekommen.“ Einige werden wirklich nichts mitbekommen, oder sie würden sagen: „Ich habe mitbekommen, dass die Muslime/Juden nach Libyen/Polen gebracht wurden. Das war auch gut so, aber umbringen hätte man sie nicht müssen.“ – wie die eine Zeitzeugin im Video. Viele würden mitmachen und wiederum viele würden davon wissen, es gutheißen und anschließend mit einer faulen Ausrede ihr Weiterleben sichern und vor sich selbst rechtfertigen.

Wir haben es verwirkt, über die Generation unserer Großeltern zu urteilen, wir sind schlimmer

„Einer alleine hätte nichts bewirken können, aber die Millionen, die mit den Machenschaften der Nazis nicht einverstanden waren, hätten den Massenmord verhindern können.“, bemerke der Moderator der Doku treffend. Genau das trifft auf die aktuelle Situation zu: Die über 80 Millionen könnten die AfD und ihre Folgen verhindern. Ein einzelner allein kann nichts ausrichten. Aber die Faschisten, die gemessen an der Gesamtzahl der Bevölkerung (noch) wenige sind, sind gut organisiert, sehr engagiert und aufgrund der bereits immanenten hierarchischen Struktur auch sehr leicht zu lenken und zu instrumentalisieren. Zu recht ruft Schauspielerin Iris Berben zu mehr Zusammenhalt und Widerstand gegen den Faschismus auf. Das wird sehr wahrscheinlich nicht passieren. Immer noch erkennen viel zu wenige die Gefahr, andere nehmen sie nicht ernst. Die expliziten Gegner des Faschismus sind nicht geeinigt. Eine Einigung und einheitliche Handlung wird schon aufgrund der nicht hierarchischen, freiheitlichen Ausrichtung schwierig, aber nicht unmöglich. Lasst uns Iris Berben folgen! 

„Davon haben wir nichts gewusst" - Die Deutschen und der Holocaust