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16. Mai 2016 | Autor: Jennifer Gregorian

"Weiblichkeit" und "Männlichkeit" – Konstrukte unabhängig von Frau und Mann

Was ist "Weiblichkeit", bzw. "Männlichkeit"? Inwiefern haben sie etwas mit der Biologie zu tun? Haben Sie das überhaupt? Sind wir etwa alle verhinderte Transgender? Diesen Fragen gehen wir in folgendem Artikel nach.

Transgender Symbol / Urheber: Rumpusparable / CC BY-SA 3.0
Transgender Symbol / Urheber: Rumpusparable / CC BY-SA 3.0

"Weiblichkeit" und "Männlichkeit" sind Überbegriffe für jeweils eine Reihe von Charaktereigenschaften, Kompetenzen, Inkompetenzen und Interessen. So assoziiert man mit "Weiblichkeit" z. B. Emotionalität, Einfühlungsvermögen; die Fähigkeit, mit Kindern umzugehen, zu kochen und zu putzen; körperliche Schwäche, Unfähigkeit für logisches Denken, Interesse für Kleidung, Schmuck, Babys usw. Mit Männlichkeit verbindet man Durchsetzungsvermögen, logisches Denken, körperliche Stärke, ein Unvermögen mit Kindern umzugehen und zu kochen sowie sich in andere hinein zu versetzen, und Interesse für Autos, Karriere etc.

Die Aspekte, die unter "Weiblichkeit" subsumiert werden, dichtet man den biologischen Frauen an und die Aspekte der "Männlichkeit" den biologischen Männern. Zur Frau oder zum Mann zwangsoperierte Intersexuelle sind davon nicht ausgenommen.
Der differentialistische Feminismus dekonstruiert diese Zuschreibungen nicht, sondern nimmt sie als gegeben hin. Er bemüht sich um eine Gleichstellung von "Weiblichkeit" und "Männlichkeit". Allerdings werden diese Konstrukte der Vielfalt der Realität nicht gerecht und verfestigen noch die Ungleichheiten. In Wirklichkeit sind wir alle "männlich" und "weiblich" (hier ausgehend von den obigen Konstrukten) zugleich. Einige haben mehr von der einen Seite, andere mehr von der anderen, ganz unabhängig ob sie biologisch weiblich oder männlich sind. Im Laufe eines Lebens können sich auch noch Verschiebungen ergeben, etwa neue Interessen.

Allerdings ist die sichtbare Realität nicht wirklich so vielfältig. Ein gängiges Bild ist beispielsweise ein starker Mann, der einer zerbrechliche Dame in High-heels den Koffer trägt und die Tür aufhält. Auch in Berufen, die Kraft oder logisches Denken erfordern, sind Frauen geringer vertreten. Der unkritische Beobachter leitet daraus eine natürliche Disposition für das eine oder das andere Konstrukt ab. Allerdings muss man dafür nicht einmal ein unkritischer Beobachter sein: Diese Disposition wird uns in allen Lebensbereichen als selbstverständlich präsentiert. Wer wird schon die Norm und die Normalität hinterfragen?


Der Grund weshalb sich Frauen eher "weiblich" verhalten und Männer eher "männlich“ liegt in einer jahrhundertelangen Konditionierung. Nun mögen einige zurecht fragen, weshalb lassen sich Frauen dahingehend konditionieren (bei Männern taucht die Frage nicht so häufig auf, da ihre Zuschreibungen ihnen überwiegend Vorteile verschaffen)? Die Betreffenden unterschätzen dabei den Einfluss der Eltern und der Umgebung auf ein kleines Kind, dem man sagt, es könne dies und jenes nicht. Es ist auch stark prägend, wenn gewisse Interessen und Eigenschaften nicht gefördert oder gar unterdrückt und bestraft werden. Auf diese Weise werden Männer und Frauen (unabhängig der Biologie), also Gender, konstruiert. Im Erwachsenenalter verfestigen Medien, Werbung, öffentliche Diskurse, Standards, … die konditionierten Charakteristika und somit die Verbindung der Konstrukte mit biologischen Geschlechtern.  Allein schon die Bezeichnung soll diese willkürliche Verbindung darstellen.

Im Prinzip sind wir alle mehr oder weniger Transgender, genauer verhinderte Transgender. Wobei der Begriff, bzw. die Zuordnung obsolet wäre, wenn alle Menschen das sein und tun dürften, was ihnen gefällt.