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02. Dezember 2017 | Autor: Jennifer Gregorian

Kein Wechselmodell auf Zwang – Mütterinitiative #MIA setzt sich zur Wehr

Das Wechselmodell, bei welchem Kinder jeweils die gleiche Zeit bei jedem getrennt lebenden Elternteil verbringen, soll, wenn es nach der FDP ginge, auf Zwang eingeführt werden. Das würde die ohnehin schon desolate Situation von Mutter und Kind weiter verschlimmern. Natürlich machen sich Väterrechtler, Männerrechtler und andere Sexistenvereine dafür stark. Spezialinfo hat hierüber mit der Mutterinitiative MIA gesprochen.

Streit Eltern / © THAMRONGPAT - Fotolia.com
Streit Eltern / © THAMRONGPAT - Fotolia.com

Wenn Kinder getrennter Eltern abwechselnd bei jedem Elternteil wohnen, kann das durchaus ganz nett sein. Mit Betonung auf „kann“. Das Wechselmodell ist in vielen Fällen kontraproduktiv. Die FDP will es aber als Zwang einführen. Zu den Folgen des Wechselmodells auf Zwang sowie zu den thematischen Hintergründen hat Spezialinfo (SpIn), Cosmina Herrstein, Mitbegründerin der "Mütterinitiative für Alleinerziehende" (MIA) befragt.

SpIn: Was bedeutet das Wechselmodell?

MIA: Das Wechselmodell, auch Doppelresidenz genannt, bedeutet, dass Kinder getrennter Eltern abwechselnd bei Mama und Papa leben. Der Wechsel kann beispielsweise Woche für Woche abwechselnd erfolgen, oder aber auch tageweise. Für die betroffenen Familien bedeutet dies oft einen großen Organisationsaufwand.

SpIn: Eine gute Sache, insofern die sich die Eltern miteinander arrangieren und auch das Kind mit dem Wechsel einverstanden ist. Was wenn nicht?

MIA: Wenn die Eltern nach der Trennung ständig miteinander streiten, besteht die Gefahr, dass die Kinder in einer Art „Kriegszone“ zwischen heillos zerstrittenen Eltern groß werden. Eine furchtbare Vorstellung. Außerdem ist es im Wechselmodell auch aus rein praktischen Gründen notwendig, dass die Eltern eine sehr gute und respektvolle Kommunikation pflegen. Denn eigentlich muss man sich fast täglich über Dinge, wie die Kontrolle der Hausaufgaben oder den nachmittäglichen Turnunterricht absprechen. Damit das gut funktioniert, müssen die Familienmitglieder auch nach der Trennung noch harmonisch miteinander umgehen und sich regelmäßig austauschen.

SpIn: Die FDP möchte das Wechselmodell auf Zwang einführen. Wie wahrscheinlich ist es, dass sie es durch kriegt?

MIA: Grundsätzlich stellt sich die FDP gerade gegen den Bundesgerichtshof, der ein solches Modell per Zwang eher für ungeeignet hält, wenn nicht von den Beteiligten sehr strenge Voraussetzungen erfüllt werden. Auch der Kinderschutzbund, weitere Kinderschutzorganisationen und wichtige Experten aus der Wissenschaft sehen das Wechselmodell auf Zwang kritisch. Repräsentative Forschungen gibt es hierzu wenige. Ob die FDP dies wirklich alles ignorieren wird, um Familienkonstellationen auf Gedeih und Verderb zu regulieren, wird sich in Kürze zeigen.

SpIn: Wie stehen die anderen Parteien dazu?

MIA: Die meisten anderen Parteien wollen an der Einzelfallprüfung festhalten. Denn nur so hat derRichter die Möglichkeit, sich die einzelne Familie konkret anzuschauen und zu fragen: „Was ist denn überhaupt das Beste für das Kind?“

SpIn: Was hätte das Wechselmodell auf Zwang für Konsequenzen?

MIA: Viel mehr Kinder als bisher würden in den Nachtrennungsfamilien zerrieben werden. Sie müssten Spannungen und Konflikte aushalten und auf ihre bisherige Bezugsperson weitgehend verzichten. Die meisten Erwachsenen empfinden ja beispielsweise schon eine Fernbeziehung für anstrengend.  Und das soll gerade für Kinder, deren Eltern sich überhaupt nicht verstehen, der Normalzustand werden? Kinderpsychologen schlagen, beispielsweise in Frankreich, bereits Alarm. Dort wird das Wechselmodell sehr recht häufig praktiziert und auch angeordnet. Mit dem Effekt, dass von Kinderärzten zunehmende Entwicklungsstörungen beobachtet werden. Denn besonders die Kleinen erleben das Wechselmodell als ein Trauma, weil es einen wiederholten Verlust der Menschen und der Umgebung bedeutet, während sie gerade nach dem Auseinanderfallen der Familie Stabilität brauchen.

SpIn: Wäre es nicht wünschenswert, dass Väter endlich zur Pflicht gerufen werden? Aber werden sie das wirklich?

MIA: Neben dem Sorgerecht gibt es auch eine gesetzliche Sorgepflicht. Aber wenn sich ein Elternteil partout nicht um ein Kind kümmern will, kann man es rein faktisch kaum gegen seinen Willen zwingen. Die wenigsten Mütter werden beispielsweise ihr Kind bei einem Vater abgeben, der gar keine Lust darauf hat, es zu betreuen. Andersrum gilt dies natürlich genauso.

SpIn: Andersherum gefragt: Werden Männer nicht aus ihrer Pflicht als Väter entlassen, wenn sie nicht per Gesetz zum Wechselmodell veranlasst werden?

MIA: Nein. Unwillige Väter werden auch zukünftig nicht zu einem Wechselmodell gezwungen werden. Ein Wechselmodell per Zwang hätte also lediglich weitere Rechte, aber keinerlei Pflichten für Väter zur Folge. Zugespitzt könnte man sagen: Auch wenn sich der Vater vor der Trennung kaum für sein Kind interessiert hat, kann er die Betreuung nach der Trennung hälftig einklagen. Selbst dann, wenn er in dieser Zeit sein Kind gar nicht selbst betreut, sondern die Betreuungsaufgaben an Dritte delegiert. Eine Mutter ist nach der Sichtweise der Doppelresidenzbefürworter von dem guten Willen des Kindesvaters abhängig.


SpIn: Ferner werden Väter auch von den Unterhaltsleistungen befreit … Können Sie die Zusammenhänge und die daraus entstehenden Problematiken näher erläutern?

MIA: Dadurch, dass das Kind im Wechselmodell bei beiden Elternteilen lebt, besteht ein hoher finanzieller Aufwand für beide Seiten. Da deshalb die Unterhaltsleistungen wegfallen bzw. nur ein Einkommensausgleich stattfindet, der oft marginal ausfällt, müssen beide Elternteile in der Regel ganztags arbeiten. Fremdbetreuung wird daher im größeren Maße beansprucht werden. Das zeigen zumindest unsere Erfahrungen mit Kindern, die im Wechselmodell leben.
Generell ist es schwierig, dass Frauen, die bisher wenig oder Teilzeit gearbeitet haben, dann Knall auf Fall eine Ganztagsstelle brauchen. Man hat schon nach der Unterhaltsreform gesehen, dass dies oftmals schwierig bis unmöglich ist. Diese Lücke würde vermutlich nur mit staatlichen Leistungen geschlossen werden können.

SpIn: Durch das Wechselmodell sollen auch Frauen und Kinder zum Kontakt mit ihrem Peiniger gezwungen werden ….

MIA: Das werden sie bereits durch die derzeit geltenden Umgangsregelungen. Früher konnte man Frauen und Kinder recht effektiv vor einem gewalttätigen Vater schützen. Nach der Familienrechtsreform in den letzten Jahren hat das Umgangsrecht des Vaters aber plötzlich einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Das wirkt sich schon ganz konkret auf Beratungsstellen und Gerichte aus. Dort heißt es oft: „nur, weil er die Mutter schlägt, ist er noch kein schlechter Vater“. Dabei sind für Kinder auch passiv miterlebte Gewalterfahrungen hoch traumatisierend. Das Zwangswechselmodell würde diese Problematik sicherlich noch verschärfen. Denn es ist bewiesen, dass die statistisch gefährlichste Zeit im Leben einer misshandelten Frau die Zeit kurz nach der Trennung ist. Oft kommt es in der Übergabesituation der Kinder zu neuer Gewalt gegen sie.

SpIn: Bei öffentlichen Diskursen rund um das Wechselmodell werden vorrangig die „Väterrechtler“ sowie Vertreter anderer extrem patriarchaler Organisationen angehört, Betroffene oder Sie von MIA hingegen kaum. Wie kommt das?

MIA: Einige Väterrechtsorganisationen sind innerhalb der Parteien, insbesondere der FDP, sehr gut vernetzt. Und das, obwohl sie oft mit frauenfeindlichen Parolen auffallen und den Schulterschluss zu Männerrechtsorganisationen pflegen, die nach Politexperten eindeutig dem rechten Spektrum zuzuordnen sind. Aber man erhoffte sich von den Vätern wohl Wählerstimmen. Christian Lindner ging ja auch ganz offensiv mit pro-Väterrechtlichen Slogans in den Wahlkampf. So heizt man Konflikte natürlich an. Wir machen uns große Sorgen, dass dies ein Kampf ist, der auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird.

SpIn: Legen Ihnen derartige Organisationen noch mehr Steine in den Weg?

MIA: Viele frauen- und mütterrechtliche Aktivistinnen wurden in letzter Zeit anonym bedroht oder beleidigt. Bloggerinnen wir Christine Finke werden teilweise öffentlich gedemütigt. Es ist manchmal schwer, Frauen unter diesen Umständen zu überzeugen, politisch tätig zu werden und sich für ihre Rechte einzusetzen. Frauen sind leichter einzuschüchtern.

SpIn: Betroffene sprechen in dem Kontext mit dem erzwungenen Wechselmodell von einem „Krieg der Geschlechter“. Wie kann man sich diesen Krieg vorstellen?

MIA: Väterrechtsgruppen fordern das Wechselmodell per Zwang oder sogar ein Widerspruchsrecht des Vaters gegen das Sorgerecht der Mutter. Gleichzeitig soll ein werdender Vater sogar ein Widerspruchsrecht gegen diese Vaterschaft haben. Den Unterhalt wollen sie ganz abschaffen. Die Rechte der alleinerziehenden Mütter sollen also verringert oder abgeschafft werden, wie ein Blick in die Programme der entsprechenden Vereine zeigt. Wir fragen uns, wo die Rechte des Kindes dabei bleiben. Väterrechtsorganisationen sehen Kinder nicht als Individuen. Ihre Sichtweise auf Kinder ist rein materiell; die genau hälftige Betreuungszeit der Eltern wird als oberstes Kindeswohlkriterium angesehen, alle anderen Kriterien werden komplett ausgeblendet. Dass Unterhalt ja zum Beispiel nicht der „verhassten Ex“ zu Gute kommt, sondern dem Kind, darüber fehlt die Reflektion.

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SpIn: Was stimmt nicht mit unserer Justiz?

MIA: Sie ist hoffnungslos überlastet. Richter haben in aller Regel den Schreibtisch voller Akten und müssen diese abarbeiten. Vorzugsweise, ohne ein Urteil schreiben zu müssen, weshalb die Parteien oftmals mehr oder weniger unter Druck gesetzt werden, einen Vergleich abzuschließen. Dies gilt auch für die Jugendämter. Die würden sich vermutlich gerne in die Einzelfälle reinknien, haben aber aufgrund der Arbeitsbelastung gar keine Chance dazu. Der Einfachheit halber etablieren sich also bei den Beteiligten oft Glaubenssätze, mit denen dann viele unterschiedliche Konstellationen über einen Kamm geschert werden. „Das Kind braucht Mutter und Vater gleichermaßen“, ist etwa so ein universeller Satz. Der mag ja auch in den allermeisten Fällen stimmen. Wenn der Vater aber gewalttätig ist oder  nicht in der Lage, die Elternebene von der Paarebene zu trennen oder seine Missachtung gegenüber dem anderen Elternteil zur Schau stellt, ist diese Einstellung aber zum Wohl des Kindes überdenkenswert.

SpIn: Gibt es Anlaufstellen und Hotlines für betroffene Mütter?

MIA: Es gibt einige überschaubare private Initiativen für betroffene Mütter. Diese werden aber von Frauen betreut, die selbst mit Kindern und Job mitten im Leben stehen. Sie können dem Andrang derzeit kaum gerecht werden. Dabei gibt es großen Beratungsbedarf. Aufgrund der langen Wartezeiten bei Therapeuten und Hilfseinrichtungen wird es für Mütter in Trennungssituationen auch immer schwieriger, Hilfe zu finden. Dabei nehmen Scheidungen und der Status „Alleinerziehend“ statistisch zu.

SpIn: Kommen wir jetzt mal zu Ihnen: Wann und mit welcher Intention wurde MIA gegründet?

Es gab immer wieder Gruppen im Netz, die Mütter in familiengerichtlichen Verfahren und dem Gewaltschutz beraten haben. Hieraus haben sich Aktivistinnen zusammengefunden, die auch politisch etwas bewegen wollten. Der letzte Wahlkampf hat sich ja dazu angeboten. Außerdem galt es auch, eine Gegenbewegung zu den Väterrechtsvereinigungen zu schaffen, die zwar sehr laut und aggressiv agieren, bei denen uns aber oftmals der Blick auf das Kind und dessen Bedürfnisse fehlte.

SpIn: Wer sind MIA?

MIA: Die überwiegend Frauen, die sich bei MIA zusammengefunden haben, sind häufig schon lange für Frauen- und Mütterrechte aktiv. Aber auch neue Mitglieder sind sehr gerne bei uns gesehen. Oft berichten Frauen, die sich zum Beispiel gerade von ihrem Mann getrennt haben oder die in ihrer Beziehung Gewalt erleiden mussten, dass die politische Arbeit sie stark macht und ihnen Kraft gibt. Genau das wollen wir auch erreichen.

SpIn: Besteht MIA ausschließlich aus Müttern, oder ausschließlich aus Frauen?

MIA: MIA besteht vorwiegend aus Müttern. Aber da wir auch feministische Themen wie den Gender Pay Gap auf der Agenda haben, ist das natürlich kein Muss. Wir werden sogar tatkräftig von einzelnen Männern unterstützt. Die müssen aber damit leben, dass wir in erster Linie für Mütter da sind, denn Väter und Männer sind unserer Meinung nach bereits gut vertreten. Die Interessen der Frauen kommen da oftmals zu kurz. Das ist bei Müttern ja auch nachvollziehbar: Welche Alleinerziehende hat denn mit Kinderbetreuung und Job noch Kapazitäten, um sich politisch zu engagieren? Dem Missstand wollen wir mit der Arbeit über das Netz abhelfen. Um sich einzuloggen, einen Link zu teilen, eine Mail zu schreiben, da helfen schon zehn Minuten am Tag. Das reicht schon, um Dinge zu verändern.

SpIn: Ist die Initiative bundesweit aktiv?/Wie viele Mitglieder haben Sie?

MIA: Wir sind derzeit in der Gründungsphase mit knapp 100 Aktiven. Wir sind überregional, möchten aber perspektivisch auch gerne Ortsgruppen gründen. Derzeit arbeiten wir noch in Arbeitsgemeinschaften zu Sachthemen.

SpIn: Was sind ihre Ziele?

MIA: Wir möchten den Müttern eine Stimme geben, da diese in der politischen Landschaft derzeit oft untergehen. Gerade Themen, die Frauen zu Gute kommen, wie das Rückkehrrecht in Vollzeit oder Quoten werden seit geraumer Zeit hartnäckig blockiert oder ausgesessen. Uns ist daran gelegen, steuerliche Gerechtigkeit für Alleinerziehende zu erreichen und die Arbeitswelt mütter- und väterfreundlicher zu gestalten. Dazu gehören auch flexible Arbeitszeiten und nach Bedarf die Möglichkeit eines Home-Offices. Für die meisten Alleinerziehenden braucht es ebenfalls bessere Hilfsangebote vor Ort, etwa in Krankheitsfällen. Nicht zuletzt wollen wir uns vernetzen und uns gegenseitig kraftvoll unterstützen.

SpIn: Was konnten Sie bislang erreichen?

MIA: Wir haben politische Organisationen und Politiker beraten und konnten oft zur Aufklärung beitragen. Zum Beispiel wird immer öfter behauptet, dass es Kinder im Wechselmodell besser geht, als wenn sie hauptsächlich bei einem Elternteil wohnen. Das entspricht aber nicht dem aktuellen Stand der Forschung, was wir nachweisen konnten, indem wir in Kontakt mit Wissenschaftlern traten. Es gibt vielmehr Hinweise darauf, dass selbst bei allen positiven Voraussetzungen ein Wechselmodell für Kinder bis zum Alter von 4 Jahren Nachteile für Kinder hat (Studie Kaspiew et al.). Es wurden in Studien unabhängige und signifikant schädliche Auswirkungen in Bezug auf mehrere Ergebnisse im Bereich der emotionalen und verhaltensbezogenen Regulation nachgewiesen (McIntosh). Darüber, dass Wechselmodelle per Zwang Konflikte minimieren, gibt es keine wissenschaftlich validen Nachweise.

SpIn: Wo kann man Sie finden?

MIA: Wir sind im Internet vertreten unter MIA – Mütterinitiative für Alleinerziehende.

SpIn: Wie kann man sie unterstützen?

MIA: Wir freuen uns schon, wenn Sie unserer Seite folgen und sich über uns informieren. Wer mitmachen will, kann sich gerne an unsere Orgagruppe wenden.

SpIn: Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg und Engagement!