Mit der Nutzung unserer Webseite stimmen Sie zu, dass wir Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen.

Suche öffnen
29. Juni 2015 | Autor: Jennifer Gregorian

Vegan ist Mangelernährung

Parodie

Fleischesser behaupten ja öfters, vegan sei eine Mangelernährung. Manchmal haben Sie damit Recht.

Zu Besuch bei Chrissy und Jonas. Es gibt Nudeln mit Gulasch. Weißmehlnudeln, was sonst? Wenn man davon absieht, dass Teile eines Schweins in der Pfanne brutzeln, könnte man sagen, es riecht lecker. Aber das ist nicht unser Essen, wir bekommen einen Extratopf. Darin schwimmen Champignons, Möhren und Zucchini in einer Brühe aus Öl und Wasser, gewürzt mit Salz und Pfeffer. Wem läuft da nicht das Wasser im Mund zusammen? Ich frage mich, wie ich das runter kriegen soll und sinne nach einer Ausrede. Dass mir plötzlich schlecht wird, kann ich nicht bringen. „Mein Kind ist krank“. – das wär’s. Aber ich habe kein Kind. „Ich habe einen wichtigen Termin vergessen und muss ganz schnell los.“ Ich bin zwar verpeilt, aber nicht so verpeilt. Dazu kennen mich die Gastgeber zu gut. Ich schaue zu meinem Mann und merke, dass er das gleiche denkt. „Können wir die Verhandlung vertagen, wir müssen was besprechen.“ Ne, das klappt nur bei Gericht. Bevor mir eine adäquate Ausrede einfällt, ist das Verhängnis schon angerichtet: Die Köchin, die artgerechter Weise auch noch Mutter und Hausfrau ist, versteht ihre Berufung.

Möglichst viel Kalorien auf möglichst wenig Nährwert und noch weniger Geschmack verteilt

„Das reicht schon, danke!“
„Nur so wenig?“
„Ja, Nudeln esse ich immer nur 30 Gramm, trocken gewogen.“ – Das stimmt nicht ganz: Je nachdem was es dazu gibt, esse sich zwischen 40 und 70 Gramm, aber Vollkornnudeln, am liebsten mit Bärlauch- oder Spinatpulver abgeschmeckt und vor allem nicht zu Brei zerkocht.
„Bist Du auf Diät?“
„Ähhh, ja.“
„Du hast doch noch nie eine Diät gemacht und warst immer ein Gegner von Diäten.“
„Ähhh, ich habe meine Meinung geändert, das ist auch eine spezielle Diät.“ („Die iss nichts, wenn Du irgendwo eingeladen bist Diät“ verkneife ich mir.)

Ein böser Blick von der Seite, dem auch etwas Verzweifeltes inne wohnt. Frauen sind ja immer auf Diät, als Mann kann man das nur bringen, wenn man mindestens 200 Kilo wiegt. Also Pech gehabt, mein Lieber! Das sind die seltenen Vorteile der normativen Konditionierung der Frau.

„Bitte keine Sauce, nur etwas Gemüse, ohne Flüssigkeit.“, Ich denke mit Grauen an den Fettanteil der Brühe. Wenn ich mir schon mal eine fette Kaloreinbombe reinziehen will, ist es ein saftiges paniertes Schnitzel oder eine ganze Packung Bratwürste und zum Nachtisch Torte mit Sahne oder Tiramisu. Aber bitte keine Öhlbrühe!!!

Sogar die Matschenudeln sind fettig: Beim Kochen hat Chrissy eine Tasse Öl in den Pott geschüttet, „… damit sie nicht aneinander kleben.“ Das tun sie dennoch, weil sie zu lang gekocht haben. Komischerweise kleben bei mir die Nudeln nie aneinander, ganz ohne Öl. Es sei denn ich checke gleichzeitig meine Nachrichten bei Facebook, Google+ und Xing, schreibe einen Artikel, lege mir die Klamotten für den nächsten Presstermin zurecht, lade meine Kamera auf, füttere die Katzen, öffne dem Nachbarn die Tür, Koche Kaffe und telefoniere mit dem Finanzamt. Aber das Hardcore-Multitasking wollte ich mir eh abgewöhnen: Nur noch drei Sachen gleichzeitig! Ich bin schließlich nicht mehr die Jüngste.

Matschig ist auch das Gemüse. „Willst Du nicht noch etwas mehr Gemüse.“, fragt die Hausherrin. „Nein. Danke, das reicht. Ehrlich gesagt, ist gekochtes Gemüse nicht so wirklich mein Fall.“ Sie schaut mich ganz entsetzt an: „Was isst Du denn dann überhaupt als Veganer???“ Ich komme nicht dazu, zu antworten, da sich ein weiterer Gast zu Wort meldet. „Die Enkelin der Freundin meiner Schwiegermutter war mal Vegetarierin – also Vegetarier nicht Veganer! Fast zwei Jahre lang – nee, ich glaub, sogar zweieinhalb. Dann hat sie Anämie bekommen und ihr Arzt hat gesagt, sie muss wieder Fleisch essen.“

Erbärmliches veganes Menü

Mmmh lecker! Alle bis auf meinen Mann und mich sind begeistert. Mitleidig blicken sie auf unsere Teller. Die Kommentare lassen auch nicht lange auf sich warten:
„Werdet ihr davon satt? Also ich würde davon nicht statt werden.“
„Schmeckt das so überhaupt?“
„Also ich könnte nicht so leben.“
„Bei der Ernährung fehlen Euch Eiweiß und wichtige Aminosäuren.“
„Das ist doch eine Mangelernährung.“

Und was soll ich dazu sagen? Sie haben alle Recht!