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08. Dezember 2016 | Autor: Alice

Der Psycho im Gym

08.12.2016 – Food & Training Diary von vegan Kampfsport und FitnessFreak, Alice

Frau in Gefahr  © Haymo Joseph - Fotolia.com
Frau in Gefahr © Haymo Joseph - Fotolia.com

Ich wurde noch nie überfallen, angerauscht, belästigt oder dergleichen. Dennoch verfüge ich über die Gabe, Psychos zu erkennen. Also ich sehe es einem Kerl an, wenn er verrückt und insbesondere wenn er pervers ist. Bisher lag ich damit niemals falsch. So einer ist bei uns im Gym, also in der Männerabteilung, versteht sich von selbst. Zu den Ladys gehe ich momentan aber gar nicht mehr, da ich zum Glück keine Verletzung habe und auch nicht krank bin. Dort gibt es nämlich nicht genug Gewichte und keine Hantelbanken, um richtig trainieren zu können. Also könnte ich nur nach OPs, Verletzungen und Erkrankungen hin. 

Aber nun zurück zum Psycho: Der hat gemerkt, dass ich ihn identifiziert habe. Unglaublich, was sich alles auf der nonverbalen Ebene abspielt. Jetzt denkt ihr vielleicht: Diese Alice ist verrückt. Vielleicht!? Aber ich habe mich, wie bereits erwähnt, bislang noch nie getäuscht. Der Typ saß eine gefühlte Ewigkeit an einer Bizepscurl-Maschine, von der aus man den Sandsack direkt im Blick hat. So lange Bizeps zu trainieren, ist nicht gesund. Männer und generell Menschen, die korrekt trainieren, machen so etwas nicht. Allenfalls Tussis, die 100 Mal drei Kilo hin und her bewegen (um sexy zu sein, aber keine Massen anzusetzen). Mir war schon klar, dass er mich beobachtet. Aber ich habe meine Übungen weiter gemacht. Von so einem Wicht lasse ich mich nicht aus dem Konzept bringen. Das Blöde war nur, dass er nun meine Skils kennt, zumindest ein Repertoire davon. Wenn er mich also angreifen wollte, wüsste er, was ihn erwartet. Wo die meisten mich jedoch unterschätzen, ist meine Kraft. Sie denken: "Die hat zwar Techniken drauf, aber sie ist ein Mädchen." Meine Techniken sind aber für den Arsch. Na ja, so schlecht sind sie auch wieder nicht. Aber meine Stärken liegen woanders: Wenn ich mal jemanden mit der rechten Graden, dem Haken oder dem Ellenbogen erwische, gehen für unbestimmte Zeit die Lichter aus. Den Psycho würde ich auch umhauen. Der ist allenfalls 1,80, wiegt geschätzte 90 Kilo (davon ist vieles nur Fett), ist etwa 60 Jahre alt und etwas ungelenkig. Dazu bewegt er weniger Gewicht als ich. Er hat Knasttatoos an der Hand. Ich schätze, dass er wegen einer Geschichte mit einer Frau gesessen hat. Er hasst Frauen. Ich bin nicht die Zielgruppe seiner Opfer, dafür bin ich zu wenig Frau. Aber das ist auch etwas, was er hasst. Also eine Frau, die kein Opfer ist, die stark ist und sich wehren kann. Der würde mich nie unbewaffnet und von vorne anfallen oder zum Kampf herausfordern. Wie die ganzen feigen Arschlöcher würde er sich nur hinterrücks an eine Frau rantrauen und an mich erst recht, wenn überhaupt. Mir macht er aber keine Angst! 


Nun aber weiter zu den Indizien, weshalb ich ihn für einen Psycho halte. Bislang haben wir nur mein gutes Gespür und die Tatsache, dass er mich beobachtet hat und dafür unnatürlich lange an dem Bizepsgerät rumgemacht hat. Er hat das Gym gleichzeitig mit mir verlassen. Ob das ein Zufall war? Dann standen wir also beide vor dem Fahrstuhl. Er hämmerte immer wieder auf den Knopf sah sich um, sah mir aber nicht in die Augen. Der Schweiß lief ihm von der Stirn und er zitterte. Dieses Zittern kenne ich von anderen Perversen. Jetzt denken einige von Euch vielleicht: „Der Arme Mann hat Parkinson und Alice interpretiert da was rein.“ Dagegen spricht, dass er im Gym noch nicht gezappelt hat. "Es reicht, wenn man einmal den Knopf betätigt.", meinte ich. Er drehte sich mit gesenktem Kopf zu mir um, grunzte und hämmerte noch heftiger auf den Knopf. Eigentlich hätte ich unter solchen Umständen die Treppe nehmen sollen. Eigentlich sollte man das immer tun! Wozu geht man ins Gym, wenn man danach auf faul macht? Aber ich entschied mich, nicht die Treppe zu nehmen. Das hätte nach einer Flucht ausgesehen. Stattdessen stieg ich mit dem Psycho in den Aufzug. Sollte er mich nur mal anhusten, würde ich ihn zusammenfalten. Aber wahrscheinlich würde nichts geschehen. Für eine wie mich muss er aufrüsten. So war es auch. Der Typ stand mit dem Rücken zu mir und grunzte und zitterte vor sich hin. Anschließend öffnete ich ihm die Ausgangstür, ohne ihn den Rücken zu zudrehen. Dass eine Frau ihm die Tür aufhält, muss er als Entwürdigung empfunden haben. Die musste er aber hinnehmen. Und er musste einen Weg wählen, d. h. nach links oder rechts gehen. Er konnte mir also nicht "zufällig" folgen. Und er trabte in die Richtung, in die ich nicht musste. Hätte er meine Route gewählt, wäre ich einen kleinen Umweg gelaufen. Schließlich soll er meinen Weg nicht kennen. Er ist mir auch nicht im Nachhinein gefolgt.

Was jedoch äußerst merkwürdig war: Ich begegnete ihm an den beiden Folgetagen, und zwar ganz woanders: einmal in der Bahn zur Arbeit und einmal auf dem Weg zur Selbstverteidigung. Das kann auch ein Zufall gewesen sein. Kann ...


Was ich euch sagen will, Mädels: Lasst euch nicht einschüchtern oder von euren Vorgaben abbringen, weil ein Irrer Euch Angst machen will. Aber seid vorsichtig! Ihr müsst wissen, was ihr könnt, mit wem ihr es aufnehmen könntet, und wo eure Grenzen sind. Diese Grenzen sind nur eine momentane Info zur Orientierung. Es sind keine statischen Grenzen, ihr könnt sie immer weiter verschieben. Das mache ich auch. Wichtig ist, die Psychos zu erkennen und wachsam zu sein. Wenn ihr denkt, dass ihr dem betreffenden Kerl zu dem aktuellen Zeitpunkt nicht gewachsen seid, dann sucht den Schutz der Menge. Kurz nach der OP hätte ich auch einen Teufel getan, mit dem Irren allein in den Aufzug zu steigen. Des Weiteren dürft ihr nicht zeigen, dass ihr Angst habt, also falls ihr Angst habt. Am besten ist es, keine zu haben und sich Handlungsstrategien zurecht zu legen. Aber wenn man Angst hat, kann man das in dem Moment nicht ändern. Die perversen Typen sind wie Hunde (nicht falsch verstehen: ich habe nichts gegen Hunde, ich mag sie, diese Kerle jedoch nicht). Sie nehmen die Angst als Einladung zum Angriff. Hunde sind aber viel schlauer, sie können die Angst riechen. Die Arschlöcher können das nicht. Wir können ihnen also absolute Überlegenheit und Gelassenheit vorspielen, während wir kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehen. Damit hat sicher die eine oder andere schon ihr Leben gerettet.

Passt auf euch auf!
Eure Alice