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06. Mai 2017 | Autor: Jennifer Gregorian

Keine Ursachen für Transgender

Sucht die Wissenschaft nach Ursachen für Abweichungen aus der zugeordneten Geschlechterrolle,  ist das der falsche Ansatz.

F.U.S.I.A. board director Sebastian Berggren demonstrates the concept of dual gender as featured in Wild Side Story, 1999 / Assistant on assignment for F.U.S.I.A. / gemeinfrei
F.U.S.I.A. board director Sebastian Berggren demonstrates the concept of dual gender as featured in Wild Side Story, 1999 / Assistant on assignment for F.U.S.I.A. / gemeinfrei

Als Transgender bezeichnet man Personen, die sich ihrer zugeordneten Geschlechterrolle nicht konform verhalten. Es existieren viele Theorien zu den Ursachen dieser Abweichungen. Dennoch, die Wissenschaft hat es bislang nicht geschafft, das Phänomen zu erklären. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, da die Fragestellung falsch ist. Man sollte eher untersuchen, weswegen sich Menschen rollenkonform verhalten. Da stößt man schon sehr bald auf Erziehung, Konditionierung und das Selbstverständnis innerhalb des entsprechenden Lebensraumes. Es ist ähnlich wie mit der religiösen Orientierung: Kinder aus muslimischen Familien, die in einem islamisch geprägten Land leben, werden in der Regel selbst zu gläubigen Muslimen. Dasselbe gilt für Christen, Juden, Jesiden usw. Auch was das Ausmaß der Rollenkonformität und die Wahrscheinlichkeit, aus der "Rolle zu fallen" anbelangt, passt das Beispiel mit der Religion. Ist das Land, in dem eine muslimische Familie lebt, beispielsweise, nicht islamisch, besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder dem Glauben abschwören. Oder Kinder eines säkularen Staates, in dem die Mehrheit christlich ist, werden eher zu Atheisten als Kinder die in einer hoch konservativen katholischen Provinz aufwachsen. 
Ferner spielt auch das Gesetz eine Rolle. In vielen Staaten und sogar in einigen Ländern der USA ist es bis dato verboten, äußerlich von der vorgeschriebenen Genderrolle abzuweichen. In vielen streng islamischen Staaten wird diese Art der Nonkonformität sogar mit dem Tod sanktioniert. Da ist es selbstverständlich, dass nur ganz wenige Mutige aus dem Gefängnis der Genderrollen ausbrechen. Ist es hingegen erlaubt oder in bestimmten Kreisen gar angesagt, sich von den verkrusteten Strukturen zu emanzipieren, werden sicherlich auch Personen zu Transgendern, die sich bislang in ihrer zugewiesenen Rolle gar nicht so schlecht gefühlt hatten.
Aus dieser Perspektive erübrigt sich die Frage zur Nonkonformität. Es gibt einfach Menschen, die Dinge hinterfragen und über den Tellerrand blicken. Allerdings stellen diese Personen in keiner Kultur und in keinem Land die Mehrheit. Das wiederum erklärt, weswegen Transgender in der Minderheit sind.


Das Rollenverhalten nichts mit Natur oder Biologie zu tun hat, wird an dem Wandel der Geschlechterrollen im Laufe der Geschichte und den kulturellen Differenzen dieser Rollen deutlich. Würde es sich um festgelegte biologische Dispositionen handeln, wie einige Forscher meinen, könnte es keinen Wandel und keine interkulturellen Unterschiede geben.
Die biologistische Argumentation kann zudem schon durch einfachste offensichtliche Aspekte widerlegt werden. Weder Kopfform, Größe oder Beschaffenheit unterscheiden sich bei Menschen mit eher weiblichen und ihren Artgenossen, mit eher männlichen Geschlechtsmerkmalen (biologisch sind alle Mischformen), so sehr, dass Männer kein Kopftuch tragen und Frauen kein Auto fahren oder kein Werkzeug bedienen könnten. Auch haben Frauen nicht etwa drei Beine, so dass sie nur Röcke und keine Hosen tragen könnten, wie es beispielsweise bei traditionellen Sinti und Roma praktiziert wird. Ferner existiert keine körperliche Disposition, wonach Männer keinen Schmuck, keine Schleifen, Spitzen, Rüschen oder High-heels tragen könnten.


Geschlechterrollen sind also rein politische, kulturelle und soziale Konstrukte, die jederzeit dekonstruierbar sind (Judith Butler). Ferner stellen die Rollen, mit ihrem Agglomerat an Erwartungen, Zwänge dar. Individuen sind sehr unterschiedlich und ecken an diesen starren Konstrukten stets an - einige mehr und andere weniger, je nach Charakter. In Saudi Arabien, Jemen, Pakistan, Libanon etc. ecken als "Frauen" definierte Menschen bereits an, sobald sie versuchen zu leben. Jedes kleinste Anzeichen einer Persönlichkeit wird sanktioniert, nicht selten mit Mord. In den westlichen Gebieten, die sich als emanzipiert ansehen, ecken die betreffenden Personen an, sobald sie in einer "Männerdomäne" Fuß fassen möchten, außerordentliche sportliche Leistungen erbringen, einen Managerposten der Babypause vorziehen, sich nicht schminken, genderbasierte Gewalt ansprechen usw.

Die heutige Wissenschaft betrachtet Transgender allerdings überwiegend als Abweichung, wenn nicht sogar als Krankheit und versucht krampfhaft, Ursachen dafür zu finden – bislang ohne Erfolg. Dabei sind die starren Konstrukte der Genderrollen (trotz ihrer interkulturellen und historischen Wandelbarkeit) die kranken und krankmachenden Elemente.

Damit alle Menschen frei leben können und ihre Potentiale optimal entfalten, ist es dringend notwendig, die Genderrollen und Gender im allgemeinen abzuschaffen.