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30. Januar 2019 | Autor: SpIn

„The Creepy Line“ - Doku über sich bemitleidende Rechtskonservative und eine abgehängte Generation

„The Creepy Line“ Filmplakat / SpIn
„The Creepy Line“ Filmplakat / SpIn

Ein kritischer Film über den Einfluss von Google und Facebook – das hört sich erst mal spannend an. Ich denke da in die Social Bots, welche die AfD genutzt hat, um Wahlstimmen zu generieren. An „Reconquista Germanica“, an die ganze Hetze; an Kinderpornoringe, die sich in geheimen Facebook-Gruppen vernetzen und den massiven offen gezeigten Rassismus in Google Plus-Gruppen. Nur sind daran nicht die Netzwerke und Plattformen schuld, sondern die User selbst. 

Dann fällt mir ein, wie mir Facebook einst meine eigenen Produkte von Ebay zum Kauf anbot. Ich muss schmunzeln. Die Sache mit der gezielten Werbung ist da über das Ziel hinaus geschossen. Generell ist gezielte Werbung aber nicht schlimm. Sie kann sogar hilfreich sein. Sucht jemand etwa eine wasserabweisende, winddichte, atmungsaktive Jacke, nimmt Google die Suchanfrage auf und zeigt ihr/ihm viele entsprechende Angebote. Kann sein, dass die oder der betreffende dadurch ein hochwertigeres Produkt zu günstigen Preisen findet. Allenfalls ist die Werbesache nervig und manchmal etwas skurril: Zum Beispiel wenn man nach der Online-Bestellung eines neuen Kühlschranks eine Woche lang nur noch Kühlschränke im Netz sieht. Wer dann nicht widerstehen kann und sich gleich drei vier Stück zulegt, ist nicht mehr zu retten. Die Produzenten der „unheimlichen Linie“ (= „creepy line“ auf Deutsch übersetzt) sehen das anders, und zwar, dass der arme unmündige Vollidiot so krass beeinflusst wird, dass er vor böser Werbung gar nicht mehr weiß, wohin mit sich. 

Um auf die ganze rechte Hetze zurückzukommen, davon ist in „The Creepy Line“ überhaupt keine Rede. Nicht einmal das eher unpolitische Mobbing, das viele, vor allem junge, Leute in den Selbstmord treibt, wird angesprochen. Nur eine vermeintliche Ausgrenzung Rechter wird beklagt. 

Die „diskriminierten“ Rechten

In „The Creepy Line“ wird beanstandet, dass rechtskonservative Inhalte von Google und Facebook verhindert würden. Vor allem dem armen Donald Trump soll übel mitgespielt werden. Das soll unter anderem durch Algorithmen geschehen. Merkwürdig, in dem von Demokraten öffentlich geführten Diskurs geht es ständig darum, wie man die krasse Ausbreitung rechter Hetze auf Facebook und Co eindämmen könnte. Und es geht um die Verantwortung der Netzwerke und Onlinedienste an dieser Stelle. Dabei bieten sie ja nur die Plattform. Die Regierungen der jeweiligen Länder sind angehalten, die Hetze, die Beleidigungen, Drohungen und angekündigten Straftaten zu verfolgen. Sie sind aber überfordert mit den neuen Medien und schieben die Verantwortung auf die jeweilige Plattform. Das ist so, als würde man nach einem Wohnungseinbruch den Vermieter zur Verantwortung ziehen, statt die Polizei zu rufen. Aber das ist ein anderes Thema. Fakt ist, man wird von rechter Hetze überschwemmt und die betreffenden hetzen nicht nur, sie organisieren sich, sie bedrohen Politiker, Journalisten und Andersdenkende im Allgemeinen, sie zerstören Existenzen. Wie sollen da Rechtskonservative ausgegrenzt werden, wenn nicht einmal Hardcore-Nazis das Handwerk gelegt wird?

Von Google manipuliert?

Google soll zudem politisch manipulieren, indem es entscheidet, was auf Seite eins gezeigt wird. Was die betreffenden vergessen, der Konzern hat lediglich wirtschaftliche Interessen, keine politischen. Auf Seite eins sind zuerst die Anzeigen, also diejenigen Links, deren Betreiber an Google Geld zahlen. Danach folgen die Seiten, die besonders gut vernetzt sind, also viele Backlinks haben, oft und lange angeklickt werden, viele wiederkehrende Besucher haben und sehr viele gut gepflegte Inhalte vorweisen. Es gehören Kohle und Know-how dazu, eine Website auf die erste Seite zu lancieren. Know-how kann man sich einkaufen. So kommt es, dass auch Faschoblogs und -magazine (Kopp, Pii-news, ...) hin und wieder auf Seite eins, zwei oder drei auftauchen. Die werden schließlich gepuscht, von reichen Nazis, oder sie wurden gar von solchen ins Leben gerufen und geben sich nur alternativ. Man könnte höchstens beanstanden, dass Google und Facebook bei dem ganzen Profitstreben die Politik etwas aus den Augen verlieren. So bieten sowohl Google als auch Facebook und andere soziale Netzwerke den Faschisten, Antidemokraten und Neonazis eine nie dagewesene Möglichkeit, sich zu vernetzen und zu agieren. Aber nicht nur diesen: Alle Menschen können von den Möglichkeiten profitieren. Google und Co sind wie Feuer, man kann sich daran wärmen und Essen kochen, oder Flüchtlingsheime anzünden. Also völlig neutral. Google und Co sind zudem ein Spiegel der Gesellschaft. Und sie sind ehrlicher als die Gesellschaft. Im realen Leben trauen sich viele Menschen nicht, ihre ekelhafteste Seite zur Schau zu stellen. Aber dafür können weder Google noch Facebook was. 

Monopolwirtschaft

Ein weiterer Kritikpunkt: Google hat das Monopol. Andere Suchmaschinen würden selbst auf Google basieren. Ja der Konzern hat das Monopol. Das ist durchaus problematisch. Aber nicht etwa weil er andere ausgrenzt, sondern weil andere Suchmaschinen nichts drauf haben. Wird Zeit für eine adäquate Konkurrenz.  

Alles umsonst

In einem weiteren Sinne klagt in „The Creepy Line“ der aktuell allgegenwärtige Jammerbürger, der alles umsonst haben will und dann immer noch nicht zufrieden ist. Google und Facebook stellen ihre Dienste kostenfrei zur Verfügung. Die Refinanzierung läuft über Werbung. Und die Werbung soll nun der Teufel persönlich sein. Der ängstliche Jammerbürger, der nicht Herr seiner Sinne ist (schließlich hat er sein Kaufverhalten aufgrund einiger Werbeanzeigen nicht mehr im Griff), kann einfach von Google und Co wegbleiben. Dann läuft er auch nicht Gefahr, sich alles zu kaufen, was er dort sieht und Daten preis zu geben, die er für sich behalten möchte. Aber nein, er will dabei sein und mitmischen. Er will, nein er fordert geradezu, eine einwandfreie Funktionalität. Ist aber nicht bereit einen Cent dafür auszugeben. Andere sollen gefälligst umsonst für ihn arbeiten. Und wenn diejenigen, es wagen sich anderweitig zu refinanzieren, ist das böse. Das ist eine Attitüde, die in zig Zusammenhängen auftaucht. 

Die unheimliche Linie trennt Generationen

Die Feindseligkeit gegenüber Google und Co zeigt auch einen Konflikt der Generationen auf. Die Alten, die mit der sich verändernden Welt nicht klarkommen, deren Kompetenzen nicht mehr gefragt sind gegen die Jungen, die erfolgreich und sorglos in den Tag leben und von den Errungenschaften der Technologie profitieren. Auch der Neid spielt eine Rolle. Der Neid auf eine Generation international vernetzter Kosmopoliten, die gut verdienen und schillernde Partys feiern. Dabei bieten die neuen Technologien insbesondere für ältere Menschen Vorteile: Sie können im Kontakt bleiben, sich Nachrichten schreiben, Fotos und Videos schicken, kostenfrei über Landesgrenzen hinweg telefonieren, sich in Gruppen zusammentun, sich austauschen, sich informieren, etwas zur Rente dazu verdienen usw. 

Ein neues Zeitalter hat begonnen. Nur wer bereit ist, sich mit zu verändern und dazu zu lernen, wird nicht auf der Strecke bleiben. Es bringt nichts mehr, einem alten Handwerk hinterher zu weinen. Nun gilt es, dieses Kapitel abzuschließen und sich im Jetzt zu verwirklichen. Aber diejenigen, die sich an der Vergangenheit festgebissen haben, werden in der heutigen Zeit nicht mehr glücklich. 

Kritik an Google und Facebook von rechts außen – Hintergründe zu „The Creepy Line“

Die Kritik scheint von Rechtskonservativen bis Rechtsextremen zu stammen, die sich in gewohnter Selbstmitleid-Manier beklagen, ausgegrenzt zu werden. Diese Vermutung bestätigt sich, sobald man die näheren Hintergründe der Doku beleuchtet: Der Regisseur von „The Creepy Line“ ist der rechtskonservative Filmemacher, Künstler und politische Aktivist M. A. Taylor, ein guter Bekannter von Trumps Ex-Berater Stephen Bannon. Taylor hat auch „Hillary the Movie“ gedreht, mit welchem er die US-Präsidentschaftswahlen zugunsten Trumps beeinflussen wollte. Den Film produzierte er für die rechtskonservative gemeinnützige Organisation „Citizens United“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Rechte in der Regierung zu unterstützen. 

Unsere Daten in den falschen Händen

Es gibt berechtigte Kritikpunkte an Google, Facebook etc., etwa das Google beabsichtigte mit dem amerikanischen Militär zusammen zu arbeiten (was aufgrund von Mitarbeiterprotesten unterbunden wurde). Dieser und weitere Kritikpunkte kommen aber nicht im Film vor. Stattdessen handelt es sich um eine Dokumentation von Fortschrittsfeindlichkeit Rechtskonservativer. Zudem wird keine, in der Doku aufgestellte, Behauptung – wie beispielsweise, dass Google in Japan das Internet abgestellt hätte – belegt. 

Tatsächlich können Google und Co Milliarden von Daten speichern, verwalten etc. Aktuell tun sie das vornehmlich, um gezielt zu werben, was gelinde gesagt, nicht dramatisch ist. Sollten diese Daten aber mal in falsche Hände geraten, etwa in die der „diskriminierten“ Anhänger des US-Perückenburgers, ist es um die Demokratie und ihre Anhänger geschehen.