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04. November 2017 | Autor: Jennifer Gregorian

Nicht alle Täter sind böse

Wie Otto-Normalsexisten das Opfer-Täter-Verhältnis zwischen Mann und Frau unbewusst und ohne böse Absicht stabilisieren und wie man dem begegnen kann.

Mann auf dem Friedhof / © auremar - Fotolia.com
Mann auf dem Friedhof / © auremar - Fotolia.com

Die Herren meinen es gut, wenn sie sich beruflich entfalten und Haushalt und Kinder den Frauen überlassen. Schließlich gehört sich das so und die betreffenden Frauen profitiert ja auch von der Kohle. Falls sie unbedingt wollen, können sie ja – sobald die Kinder aus dem Gröbsten raus sind – nebenher einen kleinen Nebenjob verrichten. Damit kommen sie sich nicht so nutzlos vor. Oder sie können sich kirchlich engagieren, malen oder Gedichte schreiben.

Wenn die Holde jedoch mal am Dachboden erhängt, mit einer Überdosis Schlaftabletten oder mit Leberzirrhose im Endstadium aufgefunden wird, verstehen die Herrenmenschen die Welt nicht mehr. Es war doch alles perfekt! Eben wie es sein sollte. So wie der Vater, der Großvater und der Urgroßvater es schon gemacht haben und so wie es alle machen. Ihr hat es auch an nichts gefehlt: Sie hatte Kinder, Geld, ein Eigentumshaus, Klamotten ohne Ende, eine schicke Küche und sie ging zum Töpfern sowie zum Pilates. Dazu wäre sie bald als Dorfkünstlerin durchgestartet: Eines ihrer Bilder hängt bereits beim Pfarramt. Also hatte sie alles, was eine Frau sich nur wünschen kann. Sogar für den Fall einer Trennung war gesorgt: Da sollte sie fast die Hälfte des Vermögens bekommen, für welches sie keinen Finger gerührt hat. Also geschenkt, quasi! Und für den Fall, dass er frühzeitig das Zeitige segnet, sollte auch reichlich für sie gesorgt sein. Ein Topkerl, der an alles gedacht hat. Und dann passiert so etwas … Ratlos steht er neben der Leiche. Dabei hätte er sich einfach nur in ihre Situation hineinversetzen sollen, und zwar als sie noch lebte.


Das Verhältnis Mann Frau ist weltweit ein typisches Opfer-Täter-Verhältnis. Einzig die Intensität der Unterdrückung variiert je nach Region und/oder Kultur. Dabei gibt es fiese Sadisten, die ihre Frauen steinigen lassen, sie eigenhändig ermorden, Achtjährige zur Braut nehmen und sie täglich vergewaltigen usw. Dann gibt es aber noch die Normalsexisten. Zum Beispiel den netten Opa von nebenan, der es als Selbstverständlichkeit erachtet, dass seine Frau ihm die Stullen schmiert und die Klamotten wäscht. Den hart arbeitende Staranwalt, dessen Frau seine Kinder großzieht und ihm den Rücken freihält, obwohl sie die Jahrgangsbeste in Jura war. Den aufmerksamen Diplomaten, der seiner Frau von jeder Reise ein Negligee mitbringt. Den Malermeister, der sich von seiner Frau trennt, weil sie mehr als er verdient. Den Arzt, der Frauen nur als Sprechstundenhilfe einstellt. Den Gentleman, der seiner Freundin die Tür aufhält, ihr die Jacke hilft und sie mit Blumen und Pralinen beschenkt. Sie alle sind nicht böse und sie meinen es nicht böse. Es sind ganz normale Männer. Nun muss man bedenken, dass sie von klein auf darauf konditioniert wurden, das „starke Geschlecht“ zu sein, welches Frauen versorgen und zugleich unterdrücken und ausbeuten muss. Dass sie stärker sein, mehr verdienen, handwerklich begabter sein, … müssen. Und sie sind nicht das „schöne Geschlecht“, folglich ziemt es sich nicht, zu sehr in die Selbstobjektivierung abzugleiten: Schminke, Röcke, Highheels, Schmuck etc. sind tabu. Kurz gefasst: Sie wachsen mit den Standards auf, die ihnen als Naturgesetze übermittelt werden. Sie verinnerlichen sie und leben danach. Völlig selbstverständlich.

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Sie sind nicht böse, aber sie tragen zur Stabilisierung einer Welt bei, in welcher die Hälfte der Menschheit unterdrückt wird. Das Ganze geschieht zum Teil unbewusst.

Umgang mit Otto-Normalsexisten

Es bringt nichts, dem Gentleman die Blumen um die Ohren zu hauen und das Eigentumshaus des Managers abzufackeln. Am effektivsten kann frau die restriktiven Rollenbilder abbauen, indem sie den Männern zeigt, dass sie nicht von einem anderen Stern ist. Zum Beispiel, dass sie auch Träume hat, dass sie eine Karriere verfolgt, gut und gerne Auto fährt, stark sein kann, handwerkliches Geschick mitbringt, sich in Politik und Wirtschaft auskennt, gerne Fußball schaut etc. Jetzt nicht aufgesetzte, sondern entsprechend ihren Interessen. Die Normalsexisten müssen begreifen, dass Frauen auch Menschen sind. In den Dienstleistungsstaaten haben sie diesen Status offiziell schon länger. Er ist aber noch nicht im Bewusstsein der Norm angekommen.