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25. Oktober 2017 | Autor: Jennifer Gregorian

It-Girl Stefanie Sargnagel, der Albtraum rechtsextremer Männer, in Berlin

Lesung und Buchvorstellung

„Ich glaube ich setz die Pille ab, nur damit ich noch ein paarmal abtreiben kann, bevor Hitler Bundespräsident wird.“

Stefanie Sargnagel, Festsaal Kreuzberg, Berlin, 24.10.2017  / SpIn
Stefanie Sargnagel, Festsaal Kreuzberg, Berlin, 24.10.2017 / SpIn

24.1.2017 – Der Festsaal Kreuzberg ist überfüllt, das Event schon seit Tagen ausverkauft. Stefanie Sargnagel (Jahrgang 1986) aus Wien, Markenzeichen rote Baskenmütze, ist die Indie-Autorin schlechthin. Das It-Girl wurde durch Facebok-Postings bekannt. Darauf folgte eine steile Karriere von der Kunststudentin bei Professor Daniel Richter, die sich mit einem Callcenter-Job über Wasser hielt, zum international bekannten Rockstar, mit viel Geld und Groupies. Wie es sich für eine ordentliche Vita gehört, ist Sargnagel auch einer Burschenschaft beigetreten, der „Burschenschaft Hysteria“. Angesichts der aktuellen überdrehten politischen Lage, die aus der Überforderung von Männern im öffentlichen Bereich resultiert, setzt sich die Organisation für das „Goldene Matriarchat“ ein und diskutiert, ob ein Wahlrecht für Männer wirklich zweckdienlich ist. In der heimischen Küche könnten sich die Herren nämlich wesentlich besser entspannen.

Kurz vor 21:00 Uhr: Jede Ecke des Festsaals ist besetzt. Die Menschen sitzen fast schon aufeinander. Und sie werden langsam ungeduldig. Endlich: KlitClique betreten die Bühne. Originell in Sound und Style, heizt die Band dem Publikum mit feministischem Rap ein. Anschließend wird Sargnagel mit tosendem Applaus begrüßt. Sie wirkt selbstbewusst, aber keineswegs abgehoben. Schließlich bezeichnet sie sich selbst als „Proll“. Das kollidiert allerdings mit ihrem Kinderwunsch. Denn sie ist nun zur Künstlerin aufgestiegen und die Künstlerkinder fand sie schon immer doof. Arbeiterkinder sind stattdessen viel cooler. Am besten findet sie jedoch die Gastarbeiterkinder.  Aber als erstes kriegt das Publikum eines übergebraten: Sie spricht ihre berühmt-berüchtigten „Kackewitze“ an, um die Leute bei deren Niveau abzuholen. Intellektuelle, vor allem Kunst-, Literatur- und Philosophie-Studenten lachen darüber. Für sie bedeutet das Urlaub aus einer Welt, in der Dinge fernab der Realität verkompliziert werden – von einer sinnfreien abgehobenen Welt.

KlitClique, Festsaal Kreuzberg, Berlin, 24.10.2017  / SpIn
KlitClique, Festsaal Kreuzberg, Berlin, 24.10.2017 / SpIn


Eine Frau ruft bei der Auskunft an und will die Nummer von einem Chinesen. Allerdings meint sie kein Restaurant, sondern eine Person. Sargnagel lässt die Zuhörer an skurrilen Callcenter-Dialogen teilhaben. Nach einer Pause wird es politisch: Da nimmt sie das Publikum mit auf ihre Abenteuer als Flüchtlingsschlepperin. Den einen hätten sie und ihre Freundin fast wieder zurück gebracht, u. a. da er behauptete, Callagent sei voll der „harte Job“, den seine Frau nie verrichten dürfte.
„Ich glaube ich setz die Pille ab, nur damit ich noch ein paarmal abtreiben kann, bevor Hitler Bundespräsident wird.“ – Der an FPÖ-Präsidentschaftskandidat, Norbert Hofer gerichtete „Abtreibungswitz“ brachte das arische Blut rechter Männer zum Überkochen und löste den zweiten Shitstorm nach der Babykatzen-Action aus. Mal „zu wenig", dann doch „zu viel gefickt". Die Faschos können sich nicht entscheiden. So geht es auch Caroline Kebekus und allen feministischen Frauen in der Öffentlichkeit. Weitere Nazis, empfehlen ihr, sich „von Flüchtlingen durchficken (zu) lassen". Auch Events der Burschenschaft Hysteria bringen die biederen Herren auf die Palme. Dabei hätten im „Goldenen Matriarchat“ alle Männer ihren Platz: z. B. im Haushalt, außerdem könnten sie die Frauen zu ihren Veranstaltungen kutschieren und ihnen Brötchen schmieren.
Selbstverständlich präsentiert Sargnagel bei der Gelegenheit auch ihr neuestes Werk,„Statusmeldungen“. Es enthält Facebookposts voller Satire und Sarkasmus, mal hochintelligent dann wieder albern, aber auf jeden Fall unterhaltsam. Das Publikum hört gebannt zu, der Festsaal bleibt so überfüllt, wie zu Beginn.

Wer sich vorab über die Künstlerin informiert hat, hat sicherlich eine „böse Frau“ erwartet, die ihr Publikum beschimpft und immer aufs neue schockt. Fehlanzeige! Bzw. das kann allenfalls auf einfache und sehr zart beseitete Gemüter zutreffen. Vielmehr kann man Sargnagel als dezente Tabubrecherin, mit viel Kreativität und Humor bezeichnen und natürlich auch als engagierte Frau: Stichwort Flüchtlinge. Obwohl sie ja zugibt, nicht aus altruistischer Motivation geholfen zu haben (…).  Ferner gibt sie sich sogar beim Schimpfen Mühe, politisch korrekt zu sein. Eine Herausforderung, da die Schimpfworte nicht etwa vom ASTA herausgegeben werden. Dennoch gelingt ihr etwas, woran die meisten zeitgenössischen Autoren scheitern: Sie ist alles andere als langweilig, selbst wenn sie über Banalitäten sinniert. Damit wird sie dem Titel „Autor“ gerecht.


Spezialinfo kann ihre Lesungen und Bücher guten Gewissens empfehlen. Und wir sind sehr prätentiös.

Bücher:
Binge Living: Callcenter Monologe 2013
In der Zukunft sind wir alle tot. Neue Callcenter Monologe 2014
Fitness 2015
Statusmeldungen 2017