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03. August 2015 | Autor: JG

Unnatürliche Sojamilch?

Sojamilch sei so unnatürlich wie Cola, behauptet Fernsehköchin und Buchautorin, Sarah Wiener, gegenüber FOCUS online. Dem wollen wir nachgehen und vergleichen die Produktionsprozesse von Soja- und Kuhmilch.

Pflanzenmilch // SPIN
Pflanzenmilch // SPIN


In den Metropolen gibt es bereits in allen zeitgemäßen Cafes, Hotels und Bars Sojamilch als Alternative zu Kuhmilch – und das nicht nur für Gäste mit Laktoseintoleranz: Immer mehr Menschen entscheiden sich gegen den Konsum von tierischer Milch. Dafür gibt es gute Gründe: Die Überzüchtung und katastrophalen Haltungsbedingungen der Tiere; die Tierfütterung mit Gensoja, Hormon- und Pillencocktails; Antibiotika resistente Krankenhauskeime; Regenwaldrodungen und Vertreibungen der einheimischen Bevölkerung, Wasserverseuchung und Klimawandel.
Wieso Sojamilch und nicht etwa Hafer-, Hanf-, Dinkel-, Mandel-, Haselnuss-, Kokos- oder Reismilch? Die Pflanzendrinks sind nun mal etwas teurer als tierische Milch, da sie trotz Petitionen und Gesuchen noch nicht als Grundnahrungsmittel gelten und weiterhin mit 19 Prozent besteuert werden müssen. Sojamilch ist immerhin die günstigste von ihnen, preislich ist sie vergleichbar mit der Bio-Kuhmilch.  

Chemisch veränderte vegane Produkte

Sojamilch sei so unnatürlich wie Cola, behauptet Fernsehköchin und Buchautorin, Sarah Wiener, gegenüber FOCUS online (Beitrag von Donnerstag, den 02.07.2015). Es geht ihr nicht allein um die Sojamilch, diese soll vielmehr ein plakatives Beispiel dafür sein, wie sogennante „Ersatzprodukte“, stark verarbeitet und chemisch verändert werden. 
Davon abgesehen, dass es keine pflanzlichen Ersatzprodukte gibt, sondern einfach nur vegane Burger, Schnitzel, Wurst, … Pflanzenmilch, Sahne etc., sind diese meist Bio und daher nicht chemisch verändert. Die wenigen nicht biologisch gekennzeichneten entsprechenden Produkte in den Discountern sind ebenfalls keine Chemiekeulen. Das Vorurteil mit der chemischen Veränderung stammt von Personen, die sich nie die Zusammensetzungen veganer Produkte angesehen haben und die noch an den Weihnachtsmann glauben. Pardon, an den Wurstbaum und den Milchblütenstrauch, oder dass Hamburger im Wald wachsen – denn den angeblich „unnatürlichen“ pflanzlichen Lebensmitteln stellen sie gerne die „natürlichen“ tierischen gegenüber. Das wollen wir nun auch tun und vergleichen mal die Produktion von Soja- und Kuhmilch.

Produktionsprozess Sojamilch

  1. Sojabohnen pflanzen. Für den menschlichen Verzehr hierzulande werden die Bohnen meistens in Österreich angebaut. Aber auch in Deutschland (Baden-Württemberg) gibt es Sojafelder.
  2. Sojabohnen ernten.
  3. Sojabohnen waschen und 12 Stunden einweichen.
  4. Sojabohnen mit Wasser pürieren.
  5. Soja-Wasser-Mischung kochen.
  6. Mischung über einem Sieb abgießen.

Produktionsprozess Kuhmilch

  1. Sojasaatgut genetisch manipulieren.
  2. Regenwaldrodung zum Sojaanbau, inklusive Vertreibung der dort ansässigen Bevölkerung sowie Zerstörung der Tier- und Pflanzenwelt.
  3. Herstellung von Kraftfutter und Hormoncocktails.
  4. Forschung um Kühe möglichst leistungsstark zu züchten. In der Intensivtierhaltung wird überwiegend die Holstein-Friesian-Kuh genutzt. Anstatt 8 (wie es bei einer natürlichen Kuh der Fall wäre) produziert die Hochleistungskuh 50 Liter Milch.
  5. Unnatürliche Haltung der Kühe: Anbindehaltung (27 Prozent), Laufstallhaltung auf einer Fläche bis zu 4 Quadratmetern (72 Prozent) und der Rest mit bis zu 5 Monaten Weidehaltung pro Jahr.
  6. Enthornung der Milchkühe.
  7. Brandmarken und Ohrstanzen der Tiere.
  8. Vergabe von Antibiotika an die Tiere, um Erkrankungen aufgrund der miserablen Haltungsbedingungen zu vermeiden.
  9. Behandlung kranker Tiere (trotz Antibiotika erkranken die Kühe unter den gegeben Umständen ständig) mit Pillencocktails.
  10. Künstliches Schwängern der Kühe.
  11. Versehen der Kälber mit metallenen, stacheligen Antisaugringen.
  12. Trennung der Kinder von den Mütterkühen. Die Kälber werden in Boxen gesperrt und mit Kraftfutter hochgezogen, um als Burger und Steaks sowie als Autositze, Jacken oder Schuhe zu enden.
  13. Anschließen der Kühe an Melkmaschinen.
  14. Schlachtung der Milchkühe, sobald ihre Milchleistung nachlässt (in der Regel nach 4 Jahren; die natürliche Lebensdauer einer Kuh beträgt bis zu 20 Jahren).
  15. Homogenisierung und Ultrahocherhitzung (135 bis 150 Grad Celsius) der Milch.

Produktionsprozess Bio-Kuhmilch

„Aber ich kaufe nur Bio-Milch.“ Immer wenn das Thema Lebensmittelproduktion aufkommt, sind plötzlich alle kritische Konsumenten von nachhaltig produzierten, biologischen Produkten. Dabei stammen nur 3 Prozent der Milch in Deutschland aus Biohaltung. Dennoch sehen wir uns die Produktion der Bio-Kuhmilch ebenfalls näher an, wobei es Unterscheide gibt, was die Marke, das Bio-Siegel, den Betrieb etc. anbelangt.

Die Bio-Milchproduktion verläuft genauso wie die industrielle. Es existieren nur geringfügige Differenzen: Die Biokühe sind etwas weniger hochgezüchtet,  ihre Leistung ist 1/3 niedriger als die der industriell genutzten Hochleistungskühe. Einige wenige Biokühe bekommen Tageslicht und Weiden zu Gesicht. Die unnatürliche Haltung macht aber den Großteil aus. Anbindehaltung ist zudem auch in der Bio-Milchproduktion gestattet und wird bei circa 1/3 auch angewandt. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass Biokühe etwas weniger Kraftfutter erhalten.

Recherche vor Behauptung

Oftmals ist die Diskreditierung der veganen Lebensweise nur ein unglücklicher Versuch, den eigenen Konsum an tierischen Lebensmitteln zu rechtfertigen. Dabei scheint es moralisch besser anzukommen, wenn man Unwahrheiten oder abstruse Theorien verbreitet, anstatt zu sagen: „Ich trinke gerne Milch und die Kühe, die Umwelt sowie meine Gesundheit sind mir egal.“  Beim Rauchen und Alkoholtrinken klappt das doch schon viel besser. Hier würde kein Promi seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen, indem er behauptet, Wasser zu trinken sei unnatürlich und man bräuchte täglich einen Liter Schnaps.