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11. Februar 2019 | Autor: SpIn

Was ist ein Menschenleben wert?

„Second Life“ - ein Roman nach wahrer Begebenheit

Ein kleines Wunder und eine große Geste der Menschlichkeit. Davon handelt „Second Life“. Ein Mann, mitten im Leben, trifft auf eine junge Frau in Not und begleitet sie aus der Drogenhölle in neues Leben. Spezialinfo hat mit dem Autor und Initiator der Real Life Story gesprochen.

Buchcover Second Life
Buchcover Second Life

Was ist ein Menschenleben wert? Eine Frage, die sich wie ein roter Faden durch „Second Life“ zieht. Der Autor Robert C. Moss hat die reale Geschichte dieses kleinen Wunders erlebt und mitgestaltet. Eine spontane Begegnung entwickelt sich zu einer ungewöhnlichen Freundschaft. Madeleine ist drogenabhängig, hoch verschuldet und in ein Labyrinth von Chaos und Hoffnungslosigkeit verstrickt. Sie verfügt aber über einen starken Willen, ihre Situation grundlegend zu ändern, es fehlen nur eine helfende Hand und ein wenig Struktur. Dem Unternehmer und Familienvater C. Moss gelingt es schließlich, mit vielen Anstrengungen, die junge Frau aus diesen Verstrickungen zu befreien. Der Weg in ein neues Leben ist allerdings mit enormen Hindernissen gepflastert. Mit dem Buch soll nun der Neuanfang von Madeleine finanziell unterstützt werden. Im Folgenden spricht Spezialinfo mit Robert C. Moss.

 

Was haben Sie gedacht, nachdem Sie Madeleine zum ersten Mal getroffen hatten?

Bei unserer ersten Begegnung dachte ich mir eigentlich nur: „Nettes Mädchen, hatte wohl etwas Pech im Leben, kennt kaum jemanden. Sie könnte etwas Aufmunterung und Unterstützung gebrauchen“. Es hat mich tief beeindruckt, wie offen sie beim ersten Treffen, einem zufälligem Treffen auf einer Parkbank, mit ihrer Vergangenheit umgegangen ist. Sie hat sich auf eine Weise geöffnet, die man eigentlich nicht erwarten konnte. Ihr letzter Satz: „Dass wir uns getroffen haben, war Schicksal“, wird mir ewig im Gedächtnis bleiben. Ich konnte nicht ahnen, wie sehr uns dieses Schicksal noch verbinden würde. Ich hielt das für eine simple Floskel eines einfachen Menschen.

Weshalb haben Sie sich so viel Mühe gegeben, den Kontakt aufrecht zu erhalten?

Sie hat mich fast täglich beeindruckt. Ihr Wille, sich aus dem Sumpf, in dem sie steckte, zu befreien, mit welcher Kraft sie sich gegen die Ausweglosigkeit stemmte, trotz allem, ihr Kampfesmut – es war unglaublich, auch wie sie nach jedem Rückschlag immer wieder aufgestanden ist. Immer, wenn ich dachte, es ist vorbei, hat sie mir das Gegenteil bewiesen. Sie ist ein unglaublicher Mensch. Sie war an einem Punkt angekommen, wo sie nicht hingehörte. Eigentlich gehört dort niemand hin, aber ganz besonders nicht jemand mit ihren Anlagen und Talenten.

Madelaine aus dem Schlamassel zu helfen, war ein schwieriges und recht abenteuerliches Projekt. Erzählen Sie etwas über die Herausforderungen.

Die größte Herausforderung war der Kampf gegen meine eigenen Erfahrungen, die Abkehr vom rationalen Handeln. Vieles von dem, was wir erlebt haben, folgt keiner rationalen Handlungsweise. Sicherlich war das Abarbeiten ihrer Schulden und Verpflichtungen rationalen Handlungen unterworfen – es sind Ämter und Behörden, mit denen kann man umgehen, wenn man die richtige Sprache findet. Auf der anderen Seite folgt die Suchtkrankheit kaum einer Logik. Zu erwarten, dass ein Süchtiger sich auf eine bestimmte Art und Weise verhält oder einem Plan folgt, ist der falsche Weg. Jegliche fixe Zukunftsplanung fliegt einem um die Ohren, wenn die Sucht zuschlägt und Dinge in Gang setzt, die Aufmerksamkeit und Lösung erfordern. Oftmals gilt es dann, hinterher aufzuräumen und die Scherben weg zu kehren, bevor man weitermachen kann. Bis zum nächsten Rückschlag.
Und dann gibt es da noch Behörden und Ämter, die den Menschen nach Schema F beurteilen und abarbeiten, ohne auf die Bedürfnisse individuell einzugehen. Da wird man schnell mit Vorurteilen konfrontiert und es wird einem ein Stempel auf die Stirn gedrückt.

Sie sind weder Arzt noch Psychologe. Dennoch haben Sie intuitiv die richtige Methode gewählt, um ihrer Bekannten zu helfen ….

Das ist das, was mich immer wieder erstaunt. Ich bin kein Wunderknabe. Kein Mediziner. Alles was ich getan habe, war ihr Potential zu erkennen und zu sehen, was sie brauchte. Nämlich einen Wechsel ihrer Umgebung zum Einen und eine helfende Hand zum Anderen. Eine helfende Hand von jemandem, der ihr eine stabile Brücke baut, über die sie gehen kann. Dass sie sich bereits selbst auf den Weg gemacht hatte, war offensichtlich. Alles was sie brauchte, war ein stabiles Fundament, über das sie gehen konnte. Und viel individuelle Betreuung, viel Zeit, um ihr immer wieder Hoffnung zu geben und nach vorne zu schauen. Das ist das, was funktioniert hat.

Im Grunde ist diese Methode naheliegend. Wieso wird sie nicht offiziell angewandt?

Was ich getan habe, braucht viel Zeit, Geld und eine starke individuelle Betreuung – jemanden, der erkennt, was in dem Menschen steckt. Der Staat und die sozialen, ehrenamtlichen Einrichtungen können das schlichtweg nicht leisten. Ein Besuch beim Suchtarzt dauert im Schnitt 10 Minuten (Wartezeit nicht eingerechnet). Der schaut, ob die Patientin sauber ist, gibt ihr das Substitutionsmedikament und das war es. Manchmal kommt noch der mahnende Zeigefinger. Da entsteht kein intensives Vertrauensverhältnis, keine Öffnung gegenüber dem Anderen. Die Patienten sind immer die Bittsteller ist, die zu einem lästigen, aber notwendigen Termin kommen. Im Endeffekt entscheidet der Arzt über Fortführung oder Abbruch mit allen Konsequenzen. Auf der anderen Seite wird auch viel getrickst, um die Ärzte zu hintergehen.
Die psychosoziale Begleitung kann man auch nicht ernsthaft als hilfreich bezeichnen, weil deren Möglichkeiten der Hilfe recht beschränkt sind, finanziell und zeitlich und auch von der personellen Ausstattung her. Es hat mich schon sehr enttäuscht, wie wenig hilfreich die Institutionen hier agieren. Und wenn der Staat als Betreiber der Jobcenter ins Spiel kommt, Stichwort Sozialhilfe und Sozialgesetzbuch, dann wird es ganz unpersönlich. Als Suchtkranker gilt man als arbeitsunfähig, per Definition als hoffnungsloser Fall, der nur kostet, aber nichts bringen wird.

Sie sind psychisch und finanziell an ihre Grenzen gegangen. Dabei gab es auch viele Rückschläge. Was hat sie dazu motiviert, weiter zu machen?

Es war dieser Wille, dieser ständig wiederholte und immer demonstrierte Wunsch nach Ausstieg, den sie hatte. Ihre Art zu beweisen, wo sie hinwill, was sie zu leisten imstande ist.
Und auch das Bewusstsein, dass ein Loslassen auf halber Strecke für sie zurück in den Abgrund führen wird. In den endgültigen Abgrund. Diese Verantwortung konnte und wollte ich mir nicht auferlegen. Deswegen ist die Analogie mit der Brücke auch so treffend – nimmt man auf halber Strecke das Fundament wieder weg, stürzt sie ab. Ich hatte keinen Zweifel, dass ein solcher Absturz auf einen Suizid hinauslaufen würde, etwas, was sie mir später auch mehrfach gesagt hat. Ohne die Hilfe wäre sie heute nicht mehr am Leben.

Wenn ein gestandener Mann einer jungen Frau in Not hilft, wird häufig ein sexuelles Interesse vermutet. Das war bei Ihnen anders …

Den Vorwurf habe ich sehr oft gehört. Immerhin war Prostitution ein Teil ihres alten Lebens.
Wenn man sich vorstellt, dass ich mir für das Geld und die Zeit, die ich in Madeleine investiert habe, andernorts leichter sexuelle Gefälligkeiten in rauen Mengen hätte kaufen können, wird der Vorwurf hinfällig. Um es deutlich zu machen: Bis zum heutigen Tag haben wir nicht miteinander geschlafen.

Wie haben Sie die recht aufwendige Hilfsaktion mit ihrem Beruf und der Familie in Einklang gebracht?

Ich möchte das einmal so ausdrücken: Es hat Opfer gekostet und ich musste einige Klimmzüge machen, damit es funktioniert.

Der Erlös aus dem Buch soll Madelaine beim Neuanfang helfen. Darüber hinaus beinhaltet es eine Botschaft zum sozialen Umgang mit suchtkranken Menschen. Welche Veränderungen wünschen Sie bei der Therapie von Suchtkranken?

Ein Mehr an individuellem Eingehen auf die Persönlichkeit und die Wünsche der betroffenen. Die allgemeine Formel lautet Junkie gleich Junkie. Kennst du einen, kennst du alle. Und das ist meiner Erfahrung nach falsch. Menschen in schwierigen Lebenslagen benötigen individuelle Betreuung, keine pauschalen Vorgehensweisen nach Checkliste.
Es braucht Zeit im Umgang mit Süchtigen und Verständnis und da treffen immer Welten aufeinander. Und immer liegt der Schatten des Misstrauens über allem, teilweise berechtigt, teilweise nicht.

Wie geht es Madeleine heute? Hat sie Freunde gefunden, einen Job? Hat sie es geschafft, clean zu bleiben?

Madeleine lebt Stück für Stück ihr neues Leben. An ihrem ersten Weihnachten in einer eigenen kleinen Wohnung war sie ganz wild darauf, sich dekorativ auszutoben. Es hat wirklich Spaß gemacht, dabei zuzusehen, wie sie aufblüht.
Und sie ist clean. Sie hat es geschafft, sauber zu bleiben, ein kleines Wunder! Sie fährt täglich zum Arzt, nimmt ihre Medikamente und wir bauen jetzt an ihrer Zukunft, indem wir einen kleinen Laden für sie aufbauen. Sehr zum Ärger der Mediziner und Sozialbetreuer, die sie lieber klein halten wollen, weil Junkie ist halt immer Junkie.
Ich bin unheimlich stolz darauf, wie sie sich entwickelt hat. Sicher gibt es den einen oder anderen Schatten, der durchblitzt, einfach aus den Erfahrungen ihres früheren Lebens. Insgesamt ist es jedoch eine wunderbare Erfahrung zu sehen, wo die Reise hingeht. Madeleine, lernt langsam, nein schnell, das Boot selbst in ruhigere Fahrwasser zu steuern.
Es verschafft ein erhebliches Glücksgefühl, zu sehen, was es in der kurzen Zeit von einem Jahr alles an positiven Wendungen gegeben hat. Second Life in Zeitraffer. Vielleicht.
Und ich kann mich nur immer wieder wiederholen: Sie ist ein großartiger Mensch, der dieses zweite Leben verdient hat. Wenn nicht sie, wer dann?

 

Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Madeleine weiterhin alles Gute auf ihrem neuen Lebensweg. 

Das Interview führte Jennifer Gregorian, Herausgeberin und Chefredakteurin von Spezialinfo