Mit der Nutzung unserer Webseite stimmen Sie zu, dass wir Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen.

Suche öffnen
06. Dezember 2015 | Autor: Jennifer Gregorian

„Sterben sollst du für dein Glück“

Kostbare Juwelen auf Abwegen – wenn die Tradition wichtiger ist, als das Leben der Tochter. Über Mädchen und Frauen, gefangen in religiös und/oder traditionell restriktiven Strukturen.

Sabatina James // Urheber: Thommy Mardo / CC BY-SA 3.0 DE
Sabatina James // Urheber: Thommy Mardo / CC BY-SA 3.0 DE


Sabatina lebt in Österreich und geht dort zur Schule. Sie steht auf Pop-Musik, modische Kleidung und Schminke und verbringt gerne Zeit mit ihren Freunden. Sie will mal einen guten Beruf erlernen und eine Familie gründen, mit einem Mann, den sie liebt. Alls das ist ich aber nicht vergönnt. Um hin und wieder mit anderen Teenagern ins Cafe oder ins Kino zu gehen, muss sie sich ständig Ausreden einfallen lassen. Ihre moderne westliche Kleidung versteckt sie unter einem Schlabberlook, den ihre Familie gerade noch durchgehen lässt. Am liebsten wäre ihr, die Tochter würde sich traditionell pakistanisch kleiden. Ihre westliche Orientierung kommt dennoch zum Vorschein, was zu heftigen Zerwürfnissen mit ihrer strenggläubigen Familie führt.

Koranschule

Um Sabatina zu einer „ehrwürdigen“ Pakistani umzuformen und sie für ihren versprochenen Ehemann gefügig zu machen, verschleppen ihre Eltern sie schließlich nach Pakistan und stecken sie in eine Koranschule. Dort werden die Mädchen unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht. Das Essen ist schlecht und die hygienischen Bedingungen miserabel. Die jungen Frauen werden regelrecht gefoltert, bis ihr Wille vollständig gebrochen ist. Dank einer Erkrankung entkommt Sabatina dieser Einrichtung. Die restliche Zeit in Pakistan verbringt sie in einer etwas liberaleren Koranschule und bei Verwandten.

Ein Leben außerhalb der Küche

In der Hauptstadt gibt es ein Leben mit Geschäften, Kinos und Bars, das dem im Westen ähnelt. Anders sieht es in den Kleinstädten aus. Da darf eine Frau nicht allein die Straße betreten. Das Gebot zu übertreten ist auch nicht ratsam, weil sie Gefahr läuft, von einer Horde von Männern gejagt und vergewaltigt zu werden. Das Leben der Frauen spielt sich also nur in der Küche ab. Sie sind komplett abhängige Sklavinnen ihrer angeheirateten Herren. Wen sie mal heiraten, wird meist schon im Kindesalter festgelegt. Sich dem zu widersetzen, erscheint den Mädchen und Frauen so abwegig, wie eine Reise zum Mars.
Sabatina weiß aber, dass es ein Leben außerhalb der Küche gibt. Sie setzt alle Hoffungen daran, wieder nach Österreich zu kommen, wo sie schließlich von zu Hause flieht. Auf diese Weise entkommt sie auch der Ehe mit ihrem Cousin, der sich bereits in Pakistan missbraucht hat.


Lebenslängliches Exil

Allerdings führt die Flucht nicht zu der lang ersehnten Freiheit, da sie auf der Todesliste ihres Clans steht. Schließlich hat sie die Familienehre verletzt. Erschwerend kommt hinzu, dass die einstige Muslimin zum Christentum konvertiert ist. Darauf steht bei den Fundamentalisten die Todesstrafe. Heute lebt Sabatina James in einem Versteck, das sie schon öfters wechseln musste, und steht ständig unter Polizeischutz. Die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin hilft mit dem Sabatina e. V. Mädchen und Frauen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. (Ihre komplette Geschichte ist in „Sterben sollst du für dein Glück“ nachzulesen).

Religiös und/oder traditionell motivierte Verbrechen in unserer Mitte

Solche Fälle sind leider keine Seltenheit. Man findet sie in vielen Kulturen und Traditionen. Und sie sind nicht irgendwo in einem Hinterwälderland, sondern mitten unter uns. In den USA, in Großbritannien, in Frankreich, in der Schweiz, in Österreich und auch bei uns in Deutschland. Es sind Familienclans, sie innerhalb der Demokratien der Dienstleistungsstaaten ihre eigene kleine Welt errichten, in welchen despotische Gesetze gelten. Wir haben das alles geduldet und sogar unterstützt. Die Justiz hat milde Urteile gesprochen für „Ehrenmorde“, Zwangsehen, Genitalverstümmelung und weitere Verbrechen, von welchen überwiegend Mädchen und Frauen betroffen sind. Wenn man bedenkt, dass in den westlichen Staaten auch das Patriarchat vorherrscht, verwundert die Leichtfertigkeit nicht, mit welcher man Mädchen und Frauen einer falsch verstandenen Toleranz geopfert hat. Man begründete sie aber damit, dass die die Täter einer anderen Kultur entstammten, wo solche Vorgehensweisen nicht als Verbrechen geahndet werden. Da musste man natürlich Rücksicht nehmen. Keine Rücksicht genommen hat man stattdessen auf die Opfer. Diese wurden den Despoten schutzlos überlassen.


Schluss mit kulturellen Sonderfahrten

Anstatt kultureller Extras bedürfte es spezielle Gesetze, die bereits solche Strukturen unterbinden. Dazu ist speziell geschultes Personal nötig, das mit den problematischen Traditionen und Lebensweisen vertraut ist. Nur so kann man den Opfern endlich mal effektiv zu helfen. Auch Einrichtungen, für Opfer solcher Zusammenhänge müssen neu ins Leben gerufen werden. Die Frauenhäuser, das betreute Wohnen für Jungendliche und andere Offerten, sind nicht auf diese besonderen Fälle ausgerichtet und in der Regel damit überfordert. Auch die Polizei müsste eigens für den Umgang mit solchen Fällen ausgebildet werden.  
Im alltäglichen Leben sollte es keine Extras mehr geben, die Mädchen und Frauen isolieren (wie etwa Freistellung vom Sportunterricht und von Schulausflügen).
Ferner müssten die Fälle wie „Ehrenmord“ oder Zwangsheirat eingehend erforscht werden. Bislang existieren nicht einmal fehlen Statistiken oder Täterprofile. Ein weiteres Indiz, dass man die Opfer komplett ignoriert hat.

Die westlichen Gesellschaften in der Pflicht

Es ist unsere Pflicht, all diese Versäumnisse nachzuholen. Wir haben diese Probleme mitten in unserer Gesellschaft und dürfen diejenigen, die das Pech haben, da rein geboren zu werden, nicht länger allein lassen.