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02. August 2017 | Autor: Jennifer Gregorian

Mit dem Rollstuhl auf ein Metal-Konzert

Gespräch mit Ron Paustian von „Inklusion Muss Laut Sein“

Das rockt! Mit dem Rollstuhl in die Oper oder auf ein Metal-Konzert? Wieso nicht?! Alles ist möglich, dank dem Engagement von Ron Paustian und seinen vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern. Hier stellen wir Ihnen ein mehrfach ausgezeichnetes und unterstützenswertes Projekt für Menschen mit Behinderung vor. / Interview und Video

Rollstuhlfahrer auf einem Konzert / Bild von Michel Meewes
Rollstuhlfahrer auf einem Konzert / Bild von Michel Meewes

Ob Oper, Volksmusikfestival oder Rockkonzert - im Rahmen des Projekts, „Inklusion Muss Laut Sein“ organisieren Ron Paustian und seine rund 1600 ehrenamtlichen Mitarbeiter, aus ganz Europa, Konzertbesuche für Menschen mit Behinderung. Sie vermitteln ihnen Begleitpersonen und veranlassen die Veranstalter, ihre Konzerthallen barrierefrei zu gestalten. Zudem beraten sie Behinderte bei Problemen mit Ämtern, Krankenkassen etc. und vermitteln sie in den ersten Arbeitsmarkt. Im Zuge der Arbeit haben sich bereits Freundschaften entwickelt. Und das Beste: Alle Beteiligten haben Spaß bei der Sache. „Mein Ehrenamt rockt“, so Paustian, der Begründer des Projekts. Im Folgenden spricht er (RP) mit Jennifer Gregorian, Herausgeberin von „Spezialinfo“ (SpIn), über das Projekt mit den diesbezüglichen Herausforderungen und Erfolgsmomenten sowie über seine eigene Erkrankung und seine Ziele.

SpIn: Sie sind selbst Metalfan, welche sind Ihre Lieblingsbands?

RP: Mein Musikgeschmack ist breit gefächert, da ja der Metal seinen Ursprung auch im Rock und im Blues hat. Zudem bin ich vor etlichen Jahren aus dem Punkbereich zum Metal gekommen. Ich stehe auf Bands wie Helloween, Sodom, Tankard oder Hammerfall. Es darf aber auch gerne mal John Lee Hooker sein.

SpIn: Das Ganze hat 2009 mit dem barrierefreien Metalmagazin, „New Metal Media“ angefangen, dessen Herausgeber und Chefredakteur Sie sind. Das Magazin ist bislang einzigartig. Wie kann man sich solch ein Projekt ohne Barrieren vorstellen?

RP: Das Magazin habe ich im letzten Jahr an meinen langjährigen Mitstreiter Patrick Seidl abgegeben. Die Idee hinter dem Magazin ist aber ganz einfach: Wir wollen Konzerte für jeden ermöglichen. Hierzu testeten wir als erstes Magazin Locations und Festivals auf ihre Barrierefreiheit. Die Informationen verbanden wir mit den Tourdaten von Bands. 2014 führten wir zudem eine individuelle Schriftvergrößerung und eine Audiospur für NutzerInnen mit Sehbehinderung ein. Zur Zeit bauen wir die Seite um, so dass auch leichte Sprache möglich sein wird und wir Kontraste umsetzen können.

SpIn: Wie kann man sich das mit der Sprache konkret vorstellen?

RP: Leichte Sprache ist eine Sprache, die erklärend und leichter verständlich ist. Hierfür gibt es ein Symbol, dieses weist dann auf die Möglichkeit der Nutzung hin. Zudem setzt die leichte Sprache auf erklärende Bilder, die den kurzen Text noch untermalen.

SpIn: Sie sind selbst behindert und gehen sehr offen mit Ihrer Behinderung um ...

RP: Ja, ich bin seit 25 Jahren an einer Schizophrenie erkrankt. Es bringt aber nichts, sich zu verstecken, denn ich kann ja an der Situation nichts verändern. Es ist wie es ist.

SpIn: Sie hatten mal erwähnt, dass Sie im Rahmen der Erkrankung auch an Panikanfällen leiden. In welchen Situationen überkommen Sie diese Anfälle? Wie wirken sie sich auf Ihren Alltag aus?

RP: Ich leide immer wieder an Angstzuständen und Panikattacken, besonders in hohen Stressphasen und bei unübersichtlichen Menschenmassen. Mein Alltag ist heute kaum noch eingeschränkt dadurch, ich hatte ja einige Zeit mich darauf vorzubereiten. Ich habe gute Freunde, die als Begleitungen für mich fungieren.


SpIn: War Ihre Behinderung Anlass für das 2014 ins Leben gerufene Projekt „Inklusion Muss Laut Sein“?

RP: Ja meine Behinderung war der Auslöser für das Ganze. 2009 wollte ich nach langer Zeit mal wieder ein Konzert besuchen. Leider gab es im Internet keine Informationen, weder zur Location selber noch wie vor Ort die Möglichkeiten für Behinderte sind.

SpIn: Beeinträchtigt Sie die Erkrankung bei der Arbeit am Magazin und an „Inklusion Muss Laut Sein“?

RP: Mal mehr, mal weniger ist hier wohl die richtige Antwort. Ich bin von Natur aus ein Arbeitstier und versuche immer alles so schnell wie möglich zu erledigen. Das ist aber nicht immer ganz einfach, da der Arbeitsaufwand immer mehr zunimmt. Durch meine Behinderung, die in Schüben verläuft, arbeite ich bis zum Umfallen, brauche dann aber auch immer mal wieder eine Auszeit. Leider ist es in den letzten zwei Jahren nicht mehr wirklich möglich gewesen, solche Auszeiten zu nehmen.

SpIn: Diese Arbeit wirkt sich aber auch positiv auf den Gesundheitszustand aus?

RP: Die Arbeit wirkt sich natürlich positiv aus, jedenfalls sehe ich das so. Es gibt immer ein wenig Bestätigung und somit auch immer wieder Auftrieb, zudem macht es natürlich viel Spaß, sonst würde ich das nicht schon so lange machen.

SpIn: Sie sagen „mein Ehrenamt rockt“. Ihre Arbeit gliedert sich in Begleitung für Behinderte und in Kooperation mit Veranstaltern. Wie kann man sich das genau vorstellen?

RP: Ja, das ist richtig. Durch den langjährigen Kontakt mit Veranstaltern haben wir gezeigt, dass Behinderte nicht ein untragbares „Ding“ für Veranstaltungen sind. Durch unsere Ehrenamtlichen können wir zudem Menschen mit Behinderung begleiten, die sonst keine Chance hätten, oder die keine Begleitung finden würden. Daraus ergibt sich das Jahresmotto „Mein Ehrenamt rockt“. Wir möchten noch mehr Menschen ansprechen und wieder für das Ehrenamt begeistern.

SpIn: Wie werden die behinderten Menschen auf das Projekt aufmerksam?

RP: Es ist zum Einen viel Mundpropaganda, zum anderen natürlich die Öffentlichkeitsarbeit.

SpIn: Wo finden Sie Begleitpersonen?

RP: Wir arbeiten viel über die sozialen Netzwerke und suchen dort gezielt. Dazu sprechen wir Freunde oder Leute an, die schon ehrenamtlich tätig sind. Viele kommen auch über Netzwerke und Partner.

SpIn: Arbeiten diese Begleitpersonen ehrenamtlich?

RP: Ja, sie arbeiten ehrenamtlich. Auch wenn es mittlerweile ein Budget für soziale Begleitungen gibt, so dürfen wir in diesem Bereich keine Gelder nehmen. In unserer Satzung ist der Begleitservice eine wichtige Grundlage für das Projekt und dieses muss kostenfrei sein. Natürlich nehmen wir gerne Spenden um Fahrkosten usw. bestreiten zu können.

Video über „New-Metal-Media“ und „Integration Muss Laut Sein“

 

SpIn: Was muss man tun, um eine behinderte Person zu begleiten?

RP: Als Erstes muss man Spaß daran haben, Konzerte usw. zu besuchen, dann darf man keine Berührungsängste haben. Begleitperson kann im Grunde jeder werden. Bei Assistenten sieht das ein wenig anders aus, so müssen diese natürlich medizinische und pflegerische Kenntnisse haben. Zudem sollte man zuverlässig sein. Und natürlich muss man das Mitleid bei Seite schieben, denn wir wollen niemanden auf ein Podest setzen, weil er oder sie behindert ist. Wir bewegen uns mit den Nutzern und Nutzerinnen auf Augenhöhe und sehen sie als vollkommen gleichberechtigt an. Ihre Wünsche und Begleitungen sind es, die unsere Arbeit erst ermöglichen.

SpIn: Haben sich zwischen den Menschen mit Behinderung und den Begleitpersonen Freundschaften entwickelt?

RP: Ja es gibt mittlerweile einige, die sich auch privat treffen, zum Grillen oder einfach mal zum Klönen (norddeutsch für Tratschen). Dieses ist ja auch eins der Ziele unseres Begleitpersonen-Netzwerkes.

SpIn: Haben Sie selbst über ihr Projekt viele Freunde gefunden?

RP: Ich bin ein sehr offener Mensch und stand nie ohne Freunde und Bekannte da. Aber es haben sich natürlich viele Menschen gefunden, die ich sehr schätze. Ob behindert oder nicht, ist mir hierbei egal, denn was zählt, ist, wie du dich verhältst. Das heißt wer nett und freundlich ist, der wird auch nett und freundlich behandelt.

SpIn: Die schönste Geschichte während ihrer Projektarbeit?

RP: Die schönste Geschichte ist sehr schwer auszuwählen, denn es geht mir selber immer wieder ans Herz, wenn wir gemeinsam etwas bewegen können. Sei es die Rollstuhlfahrerin, die nach 20 Jahren ein Festival besuchen kann und hinterher lobende Worte findet. Oder wenn wir jemanden in ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis vermitteln, wo schon die Hoffnung und die Nerven blank lagen. Meine Arbeit besteht aus vielen tollen Menschen und hinter jedem Einzelnen steckt eine Geschichte. Für mich ist es wichtig, bei keinem aufzugeben und jeden sehr individuell zu behandeln, nicht als Behinderten oder Nummer zu sehen, sondern als Menschen, der eine helfende Hand benötigt. Jeder hat ein Recht auf selbstständige Teilhabe und ich freue mich immer, wenn ein „toll“ oder „das war Klasse“ zurück kommt, wenn wir gemeinsam einen kleinen Schritt gehen können oder ich einfach zu einer Fahrrad-Tour eingeladen werde von Menschen, die unseren Service regelmäßig nutzen.

SpIn: Haben Sie und ihre Mitarbeiter auch schlechte Erfahrungen gemacht?

RP: Hier „nein“ zu sagen wäre gelogen. Natürlich gibt es immer mal Probleme, Begleitete sind hierbei aber eher die Ausnahme. Es finden sich aber in den sozialen Netzwerken immer wieder Menschen, die einen beschimpfen. Warum das sein muss, da habe ich keine Ahnung. Da ich das aber schon so lange mache, habe ich jede Beleidigung schon gehört. Kritik lasse ich mir gerne mal gefallen, wenn sie berechtigt ist, aber Beschimpfungen lasse ich links liegen.

SpIn: Haben Sie selbst schon Diskriminierung und Ausgrenzung erlebt?

RP: Eine psychische Erkrankung war vor 25 Jahren noch ein Grund zur Ausgrenzung. Viele Erkrankte wurden auch von Pflegekräften schlecht behandelt, heute geht man damit ein wenig anders um. Das Thema Burnout ist ja schon fast gesellschaftsfähig geworden. Anderes verschweigt man leider immer noch aus Angst, die Leute könnten schlecht über diese Erkrankungen denken. Niemand kann etwas für seine Erkrankung oder Behinderung. Deshalb gehe ich sehr offen damit um, wer fragt bekommt auch eine Antwort. Ich bin nicht ansteckend und als dumm würde ich mich jetzt auch nicht bezeichnen. Die Menschen, die mich heute kennen, wissen ja auch nicht, wie ich mit 15 war, also kennen sie auch nur meinen Zustand jetzt.


SpIn: Gab es Veranstalter, die gar nicht kooperieren wollten?

RP: Davon gibt es ganz viele, aber es werden immer weniger. Denn wir setzen ja nicht auf das Anprangern von Leuten, sondern wollen eine Lösung finden. Natürlich geht es in solchen Gesprächen auch mal heiß her. Aber zumeist findet man eine Lösung für alles. Wir bekommen immer wieder Tipps zu Locations, wo wir dann aktiv werden müssen oder sollen. Auch hier finden sich meistens einfache Lösungen, mal hapert es an einer Rampe mal an der Unkenntnis, aber es gibt eigentlich nichts, was nicht lösbar ist.

SpIn: Finden Sie, dass Behinderte zu wenig am gesellschaftlichen Leben teilhaben können?

RP: Kurze Antwort: Ja. Lange Antwort, es ist in den letzten Jahren besser geworden. Als ich anfing hatten wir viel weniger Informationen, das Thema war nicht im Bewusstsein. Aber heute machen viele Veranstalter schon eine ganze Menge. Wobei man immer noch ein Tüpfelchen draufsetzen könnte.

„Ich möchte mich mit dem Projekt selber erledigen"

SpIn: Was möchten Sie mit dem Projekt bewirken?

RP: Das ist eine schwere Frage, eigentlich möchte ich mich mit dem Projekt selber erledigen. Heißt sobald das Wort „Inklusion“ zur Normalität geworden ist und die Gesellschaft barrierefrei ist, hätte ich meine Aufgabe erfüllt. Somit wäre dann auch das Projekt überflüssig. Aber ich glaube bis dahin dauert es noch einen kleinen Moment.

SpIn: Muss Inklusion laut sein? Weshalb?

RP: Entstanden ist dieser Ausspruch aus der Musik, die eben laut ist und der Idee, das jeder nur gehört wird, wenn er laut ist. Natürlich gibt es auch Phasen, wo man einfach mal Zwischentöne anstimmen muss.

SpIn: Bisherige Erfolge?

RP: Ich möchte nicht eingebildet klingen, aber wir haben viel erreicht, jede einzelne Rampe, jede einzelne erfolgreiche Beratung, jede Begleitung ist ein Erfolg. Aber auch hier ist Bescheidenheit angesagt, so gibt es noch viel zu tun und wir feiern dann mal die Erfolge, wenn die selbstbestimmte Teilhabe und Inklusion zur Normalität geworden sind.

SpIn: Wie wird „Inklusion Muss Laut Sein“ angenommen?

RP: „Inklusion Muss Laut Sein“ hat unterschiedliche Bereiche: Der Begleitservice wird in diesem Jahr sehr umfangreich genutzt, auch die unabhängigen Beratungen für Menschen mit Behinderung bei Problemen mit Krankenkassen, Ämtern usw. laufen dieses Jahr sehr gut. Die Konzepte und Betreuungen von Veranstaltungen haben zugenommen. Zudem wurden einige Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt. Vieles davon erfährt man einfach nicht, da die Öffentlichkeitsarbeit natürlich immer sehr viel Zeit kostet und anderen, hier erwähnten, Sachen vorgehen.

SpIn: Sie haben für Ihr Engagement bereits Auszeichnungen erhalten ...

RP: Ja, ein paar Auszeichnungen gab es schon. Sei es der Preis der Kanzlerin oder die von „Engagement macht stark“. Aber die Auszeichnungen sind natürlich nur ein Sahnehäubchen.

SpIn: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

RP: Feste Mitarbeiter, die mich entlasten, wären ganz toll. Aber von den Preisgeldern und von unseren Einnahmen ist das noch nicht möglich. Für die Zukunft wäre ein starkes Team toll.

SpIn: Wie kann man Sie unterstützen?

RP: Wir benötigen Spenden für die Umsetzung von Rampen, Aktionstagen und für unsere Arbeit. Spenden kann man über www.i-m-l-s.com, wir sind als gemeinnützig anerkannt und dürfen somit Spendenquittungen ausstellen. Zudem kann man über das Projekt sprechen.