Mit der Nutzung unserer Webseite stimmen Sie zu, dass wir Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen.

Suche öffnen
09. Oktober 2009 | Autor: Jennifer Gregorian

Hühner aus der Massentierhaltung in Freiheit

Leben retten ist nicht schwer!

Uli Wolfstädter und Simone Schneider haben in ihrem Schrebergarten  Käfighühnern ein Zuhause eingerichtet. Ein Interview mit Uli Wolfstädter.

Man muss kein Experte sein, um Tiere zu retten! // Photo: Uli Wolfstätter mit Mica. / Urheber: SPIN
Man muss kein Experte sein, um Tiere zu retten! // Photo: Uli Wolfstätter mit Mica. / Urheber: SPIN

Die Legebatterien mit ihren allbekannt skandalösen Bedingungen wurden in den 50ier Jahren in den USA entwickelt und Anfang der 70er auch in Deutschland eingeführt. Weit mehr als eine Milliarde Hühner haben allein hierzulande die qualvolle Käfighaltung durchlitten. 2006 waren 62,8 Prozent von 41,4 Millionen Hennen aus Betrieben mit mehr als 3000 Vögeln in Käfigen auf engstem Raum eingepfercht.
Zum ersten Januar 2009 schaffte Deutschland dank  Drängen von Tierrechtsaktivisten als erster EU-Staat die Käfighaltung ab. Daraufhin ließ sich die Bundesrepublik als Vorreiterstaat in Sachen Tierschutz feiern. Doch das bedeutet noch längst kein Ende der Leiden, sondern nur eine geringfügige Verbesserung für die inhaftierten Vögel.

Ein Zuhause für Käfighühner

Uli Wolfstädter und Simone Schneider, zwei Tierrechtsaktivisten aus Freiburg i. Br., haben 2007 nach dem Motto: „Leben retten ist nicht schwer!“, Hühner aus Käfighaltung aufgenommen und ihnen in einem Schrebergarten ein Zuhause eingerichtet.
Uli und Simone sind Mitglieder im Vegetarierbund Deutschland (VEBU). Der Verein macht die vegetarische Lebensweise publik und informiert über die Missstände des Fleischkonsums. Darüber hinaus treffen sie sich mit anderen Tierrechtler regelmäßig in kleineren Gruppen, um mögliche Aktivitäten, wie u. a. Infoveranstaltungen, Infostände und vegetarische Grillstände auf Messen, Hocks und ähnlichen öffentlichen Veranstaltungen, zu planen.

Nachhaltig investieren - Gutes tun und Rendite erwirtschaften!

Mehr erfahren.

Im Folgenden informiert Uli über die Situation von Hühnern in der industriellen Landwirtschaft, zu den Aspekten, die bei der Aufnahme der Vögel zu beachten sind, sowie zu ihrer medizinischen Versorgung.

SPIN: Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, Hühner aus Käfighaltung aufzunehmen?

UW: Wir haben uns überlegt, welche Tiere nicht allzu viel Raum beanspruchen. Rindern oder Schweinen hätten wir auch gerne ein Zuhause geboten, doch das lässt sich schwer einrichten, für uns zumindest. So war die Aufnahme von Hühnern die beste Möglichkeit.

SPIN: Kannst Du die Situation von Hühnern aus der industriellen Massentierhaltung kurz skizzieren?

UW: Als Rot-Grün an die Regierung kam, haben sie Käfighühnern, die sich bis dahin mit einem Raum der in etwa einem DinA4 Blatt entsprach, zu arrangieren hatten, minimal mehr Platz zugestanden. Diese Änderung wurde aber längst nicht überall verwirklicht und anschließend von der CDU wieder rückgängig gemacht.
Heute, wo die alten Käfige nach und nach abgeschafft werden, haben die gefangenen Tiere etwas mehr Platz. Aber letzten Endes stellt diese Bestimmung keinen wirklichen Unterschied im Sinne einer Verbesserung dar. Hinzu kommt, dass viele Landwirte die Gesetzesänderung als Einschränkung ansehen und ihre „Farmen“ ins Ausland verlegen, wo es erlaubt ist, Massentierhaltung unter den grausamsten Bedingungen zu betreiben.

SPIN: Ist viel Vorbereitung erforderlich und muss man sich viel Wissen aneignen, bevor man Hühner aus Mastbetrieben aufnimmt?

UW:Nein, man kann Hühner aufnehmen ohne großes Know-how und sich das Wissen nach und nach aneignen. Nur auf ein paar Kleinigkeiten sollte man achten: Die Tiere müssen sich an das normale Körnerfutter erst gewöhnen, weil ihre Leber es noch nicht so gut verträgt. Schließlich wurden sie ja nur mit Fischmehl und Ähnlichem gefüttert. Man sollte sie nur im Frühjahr oder Sommer aufnehmen, am besten im Frühjahr, denn meistens haben sie kaum Federn, wenn sie aus den Tierfabriken kommen. Das Wichtigste ist jedenfalls, dass sie einen trockenen Stall und Auslauf haben und dass immer ausreichend Futter und frisches Wasser bereitstehen. Leben tun sie von alleine.
Bei Kleinigkeiten kann man sich auch online, z. B. auf Tierrechtsseiten, Infoportalen oder in Foren, informieren. Da gibt es also nichts, was man sich speziell aneignen müsste. Es sind völlig unproblematische Tiere. Wir sind auch keine Hühnerexperten. Das muss man auch nicht sein, um Tiere zu retten.

SPIN: Was ist generell bei der Haltung zu beachten?

UW: Man sollte den Kot auf Würmer untersuchen und ihnen Wurmtee verabreichen. Wenn man ihnen regelmäßig den Tee gibt, kann man sich die Untersuchung auch sparen. Sehr wichtig ist Sonnenlicht, da ihre Knochen durch den Aufenthalt in den Tierfabriken brüchig sind. Damit Mangelerscheinungen vermieden werden, sollte man Hühnern, die aus der Massentierhaltung stammen, Legekorn geben. Sie sind nämlich hochgezüchtet, um viele Eier zu legen. Und Grittstein mit den enthaltenen Mineralstoffen und Spurenelementen ist wichtig zum Abschleifen der Schnäbel.

SPIN: Wie sieht es mit der der medizinischen Versorgung aus?

UW:Bei Tierärzten im Wartezimmer fällt man schon auf, wenn man mit einem Huhn ankommt. Das ist in den Augen vieler Leute eigenartig.
Viele Tierärzte verweigern die Behandlung mit einem Verweis auf das Veterinäramt, da Hühner als Lebensmittel angesehen werden. Wir haben deshalb auch schon mal den Tierarzt gewechselt. Es gibt aber auch welche, die keinen Unterschied machen und Hühner so behandeln wie jedes andere Tier. Problematisch ist nur, dass Tierärzte im Allgemeinen zu wenig über Hühner wissen und sich erst informieren müssen.

SPIN: Unterscheidet sich die Lebenserwartung von der von Hühnern, die schon immer in einer natürlichen Umgebung gelebt haben?

UW: Ja, und zwar gravierend. Ein normales Huhn, welches nicht hochgezüchtet wurde, hat eine Lebenserwartung von bis zu zwölf Jahren. Ein speziell für den Konsum gezüchtetes Tier lebt nur drei bis vier Jahre. Wenn man es denn leben lassen würde. Unsere Hühner legen seit einem halbem Jahr keine Eier mehr. In der Industrie hätte man sie längst entsorgt.


Lesen Sie auch Teil zwei: In einem Folgeinterview berichtet Uli über den Zustand der Vögel bei ihrer Ankunft sowie über ihre weitere Entwicklung.

Sliderbild Befreite Hühner / SPIN
Sliderbild SPIN
Sliderbild Simone und Phila / SPIN
Sliderbild Behausung für Hühner / SPIN
Sliderbild SPIN
Sliderbild SPIN
Sliderbild Juli 2007 kurz nach der Ankunft / UW
Sliderbild Juli 2007 kurz nach der Ankunft / UW
Sliderbild Juli 2007 kurz nach der Ankunft / UW