Mit der Nutzung unserer Webseite stimmen Sie zu, dass wir Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen.

Suche öffnen
28. Juli 2017 | Autor: Jennifer Gregorian

Wenn die Unterdrücker Leckerlis verteilen

Nicht nur Gewalt, Bedrohung und Konditionierung von Kindesbeinen an, auch positive Sanktionen sind sehr effektive Gefängnisgitterstäbe für Frauen.

Geschenk / © Gregory Lee - Fotolia.com
Geschenk / © Gregory Lee - Fotolia.com

Einige Sklaven hatten es besser, z. B. mehr Ruhephasen und regelmäßig warme Mahlzeiten. Andere wiederum litten an Hunger, wurden geschlagen und mussten sich zu Tode schuften. Insofern Letztere psychisch und physisch die Kraft hatten, kämpften sie gegen die Missstände an. Die Bessergestellten hingegen, fanden sich oft mit ihrer Situation ab. Einige wünschten nicht einmal mehr die Freiheit: zu anstrengend, zu viel Verantwortung ... So verhält es sich auch mit den weiblichen Unterdrückten. Sogar in streng patriarchalen Zusammenhängen gehen viele in der Rolle auf, die ihre Peiniger für sie vorgesehen haben. Solange sie nicht täglich (sondern nur ab und an) fast tot geprügelt werden und solange sie Sozialkontakte haben dürfen - das heißt Mutter Schwester, Cousine - ist die Welt in Ordnung. Unter diesen Umständen verwundert es nicht, dass Frauen in den Dienstleistungsstaaten die Gleichberechtigung als vollzogen wähnen, selbst wenn sie infolge frühkindlichen Missbrauchs in der Prostitution tätig sind oder einem erfolgreichen Manager die Brut aufziehen.

Viele Frauen, insbesondere in den als emanzipiert geltenden Staaten, arrangieren sich mit ihrer Situation. Vielmehr noch, sie merken die Unterdrückung gar nicht mehr: Solange sie versorgt ist, auch wenn sie nur in starker Abhängigkeit an der Seite ihres Mannes dahin vegetiert, interessieren sie weder die Lohnungleichheit noch die „gläserne Decke“ bei den Führungspositionen. Und solange ihr kein Mann vorschreibt, sich zu verhüllen, merkt sie nicht, dass sie sich für ihn entblößt und prostituiert. Auch dass sie ihr halbes Leben damit verbringt, sich zu einem attraktiven Objekt für ihn zu stylen, geht an ihr vorbei. Ist ja schließlich alles freiwillig und sie fühlt sich dabei gepflegt, weiblich und schön. So und so ähnlich verhält es sich mit vielen Frauen in sogenannten emanzipierten Staaten.
Anders, aber vom Prinzip her ähnlich, verhält es sich mit streng religiösen oder traditionellen Frauen. Sie werden, unabhängig ob in den Dienstleistungsstaaten oder in stark traditionellen Gebieten lebend, in einem religiös-traditionellen Umfeld sozialisiert. Dabei verinnerlichen sie unreflektiert dessen Werte. Schließlich werden sie ihnen von ihren engsten Vertrauten vermittelt.


Die kostenlose Putze und Versorgerin, das ausgehungerte Modell; die Sekretärin, die trotz höherer Bildung ihrem Chef zu Diensten ist und sich sexuell ausbeuten lässt; die religiöse Fanatikerin, ... sie alle fühlen sich emanzipiert, nicht unterdrückt und gleichberechtigt. Sie wünschen keine Veränderung. Sie wollen sich nicht einmal die Realität der eigenen Situation vor Augen führen. Das wäre nämlich schmerzhaft. Und danach müssten sie Schlüsse ziehen: Entweder sich eingestehen, unterdrückt zu sein und nichts dagegen zu tun, oder zu kämpfen. Letzteres bedeutet in der Regel einen Bruch mit den nächsten Angehörigen.
Dann gibt es noch Frauen, die sich ihrer Misslage bewusst sind, sie aber als kleineres Übel hinnehmen. Ein Bruch mit der Familie sowie die eigene Versorgung und eventuell die der Kinder allein stemmen, ... all das erscheint zu kompliziert. Diese Frauen fallen Feministinnen in der Regel nicht in den Rücken. Sie pflichten ihnen sogar bis zu gewissen Punkten bei. Die Verdrängerinnen hingegen, sind äußerst hinderlich für die Befreiung der Frau. Sie fallen den Freiheitskämpferinnen, wo es nur geht, in den Rücken. Oft werden sie von Männern gegen emanzipierte Frauen in den Kampf geschickt.

Der Befreiungskampf ist also der unangenehmste Weg. Wenn der Schuh nur eine Nummer zu klein ist, drückt er noch nicht so sehr, dass Handlungsbedarf bestünde. Dann hält man es aus. Als Dankeschön gibt es dann immer mal wieder Leckerlis von den Unterdrückern. Zum Beispiel darf die Angetraute nach getaner Hausarbeit einmal die Woche zum Töpfern oder zum Joga. Oder sie bekommt ein eigenes Auto, womit sie die Gören rumkutschieren kann; eine neue Küche, einen Staubsauger oder ein sexy Negligee. Wenn man bequem und devot ist, kann das Leben also total entspannt sein.

Um Gleichberechtigung irgendwann Realität werden zu lassen, braucht man aber alle Frauen – zumindest einen Großteil. Es stellt sich die Frage, wie man die bessergestellten Sklavinnen dafür gewinnen kann. Eine, in dieser Sache, entscheidende Frage.