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27. März 2016 | Autor: Jennifer Gregorian

Wie eine große Sekte / Weshalb Neurechte die „Lügenpresse“ brauchen

Hinter dem Unwort des Jahres 2015 steckt weitaus mehr, als man denkt. Hinergründe zur „Lügenpresse“.

Pegida Lügenpresse-Banner / Urheber: Opposition24.de / https:// www.flickr.com/photos/128406688@N07/17227025612 / CC BY 2.0
Pegida Lügenpresse-Banner / Urheber: Opposition24.de / https:// www.flickr.com/photos/128406688@N07/17227025612 / CC BY 2.0

„Lügenpresse halt die Fresse!“, skandieren die Wut-, Hass und besorgten Bürger. Alle Medienvertreter, die nicht rechtsextrem und keine Verschwörungstheoretiker sind, würden bewusst Fehlinformationen streuen und Tatsachen unterschlagen. Dazu seien sie systemtreu und würden keinerlei Kritik an der Regierung und ihren Machenschaften üben. Die Initiatoren der neuen Rechten haben diese „Informationen“ gestreut und das mit Erfolg. Obwohl es keine Belege für derartige Vorwürfe gegen die gesamte deutsche Medienlandschaft gibt, glaubt ein Teil der Bevölkerung daran und wiederholt sie auf Demonstrationen, in zig Diskursen sowie in den sozialen Netzen.
Ein Blick auf die Feindbilder würde genügen, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Informationen kann man nachprüfen. Dabei würde sich zeigen, was nun falsch ist und was nicht. Und was die Systemkritik anbelangt, findet man in der „Lügenpresse“ zuhauf äußerst kritische Artikel und Reportagen. Da werden beispielsweise Waffenexporte (sogar Giftgaslieferungen), Korruption, Menschenhandel, Kooperationen mit Diktaturen, Auswirkungen der Massentierhaltung und vieles mehr thematisiert.


Zu so viel fundierter Kritik wäre die feige PEGIDA-Bewegung niemals in der Lage. Und die AfD, für die stellt das eigene Parteiprogramm schon eine immense Herausforderung dar. Mehr als „Ausländer raus“ kommt bei beiden nicht rum. Nun gut, dann wollen wir mal nicht kritisch sein: „Frauen an den Herd“ ist bei den Neurechten auch sehr aktuell. Und natürlich die unsoziale Wirtschaftspolitik, welche die AfD anstrebt (Mindestlohn abschaffen, Zwangsarbeit für Hartz IV-Empfänger, steuerliche Erleichterungen für Superreiche, …). Aber Letzteres wollen ihre Wähler eh nicht wahrhaben und das steht hier auch nicht zur Debatte.

Den Initiatoren der neuen Rechten, die hauptsächlich im Institut für Staatspolitik (IfS) wieder zu finden sind, ging es auch nicht um eine komplexe Systemkritik und die daraus folgende Behebung von Missständen. Vielmehr wollten sie das Vertrauen in die Medien sabotieren. Da dieser Schritt geglückt ist, können sie nun ihren Mitläufern durch sämtliche neurechte Magazine, Blogs, Bücher und Videos eigene Inhalte einpflanzen. Ihr Publikum nimmt alles dankend an, ohne es zu hinterfragen. Denn zugleich wird ihm vermittelt, zu einer Elite zu gehören, welche die aktuelle Situation durchschaut, quasi „erwacht“ ist. Damit haben die „Lügenpresse“-Schreier sowohl Glaubensinhalte als auch eine Community. Zugleich fühlen sie sich als Teil von etwas Besonderem, über den Rest Erhabenem.
Wenn man bedenkt, dass diese Leute mit hoher Wahrscheinlichkeit die AfD gewählt haben, so sind es rund 20 Prozent der Wähler, die aktuell wie in einer Sekte leben.