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26. Dezember 2017 | Autor: Jennifer Gregorian

„Und plötzlich war alles weg“

Lore Buchholz, NS-Zeitzeugin und Autorin, erzählt aus ihrem Leben und warnt vor einem neuen Faschismus.

Lore Buchholz, NS-Zeitzeugin und Autorin, 2017 // Foto: Jennifer Gregorian
Lore Buchholz, NS-Zeitzeugin und Autorin, 2017 // Foto: Jennifer Gregorian

Lore Buchholz, 1027 in Bremen geboren, hat als Kind erlebt, wie die Nazis an die Macht kamen und sich alles veränderte. Ihr Vater wurde eingesperrt und gefoltert. Die Familie wusste nicht, ob und wann er wiederkommt. In dieser Zeit hat er seiner Tochter Briefe geschrieben, die sie in einem Buch veröffentlicht hat. ,Na, Lütten?' - Briefe aus dem Konzentrationslager und Zuchthaus 1933-1937 von Heinrich Buchholz", erschienen im Bremer Donat Verlag wurde mit dem Literaturpreis "Plattdeutsches Buch des Jahres 2011" ausgezeichnet. Frau Buchholz ließt heute bei Gedenkveranstaltungen und in Schulen aus dem Buch und erzählt aus ihrem Leben in der Nazizeit. Sie möchte aufklären und warnen. Jennifer Gregorian, Herausgeberin von Spezialinfo, hat mit Frau Buchholz gesprochen:

Erzählen Sie etwas über Ihre Kindheit!

Ich stamme aus Bremen Walle. Wir haben direkt bei Hafen gewohnt. Die Straße war nur einseitig bebaut. Die andere Straßenseite gehörte schon zum Hafen. Da war dann eine Rampe, wo wir sehr gerne gespielt haben und auch oft von der Polizei vertrieben wurden, weil das Gelände zum Hafen gehörte, aber nicht extra abgezäunt war.
Wir wohnten sehr beengt. Meine Großeltern hatten ein kleines Einfamilienhaus, ein Reihenhaus auf Mietkauf erworben. Dort wohnten meine Großmutter, meine Eltern und ich. Nachdem meine Eltern geheiratet hatten, wurde das Haus aufgestockt. Hinten auf dem Hof wurde eine Werkstatt gebaut – mein Vater war Tischler – und eine Waschküche. Nachdem wir uns gewaschen hatten, mussten wir immer mit nassen Haaren über den Hof. Als ich vier war, kam die Schwester meines Vaters aus den USA zurück. Sie hatte sich von ihrem Mann getrennt und kam mit zwei Jungs. Dann wurde es ziemlich eng, aber wir haben uns arrangiert.
Ich habe eine sehr sehr schöne Kleinkindheit gehabt. Meine Eltern waren in der Partei, der KPD. Mein Vater war auch noch bei den „Blauen Blusen“. Das war eine Agitationsgruppe für politische Kultur der KPD. Mein Vater war für die Presse und vieles weitere verantwortlich. Sie machten Öffentlichkeitsarbeit, organisierten Veranstaltungen und sie hatten eine Musikgruppe, mit vielen verschiedenen Instrumenten. Mir hatte das Schlagzeug am besten gefallen. Es war in der Werkstatt meines Vaters stationiert. Ich bin da immer gerne hin gegangen und habe auf die Trommel geschlagen.
Am Wochenende, auch im Winter, sind meine Eltern mit mir immer zur Wandergruppe gegangen. Das waren Kommunisten, die an den Wochenenden gemeinsam unterwegs waren. Sie waren fast alle arbeitslos, hatten also auch viel Zeit. Derzeit herrschte die große Arbeitslosigkeit. Wir fuhren dann ins Grüne und ich saß bei meinem Vater auf den Schultern. Am Zielort angelangt tobten wir Kinder alle splitterfasernackt herum. Es war herrlich!
Mein Vater hat mich auch sonst überall mit hingenommen. Zum Beispiel, wenn er zum Stempeln oder zum Fürsorgeamt musste.

Und dann plötzlich war alles weg, als die Nazis an die Regierung kamen, 1933. „Du darfst nicht mehr sagen, wir sind Kommunisten. Du darfst nur noch sagen, wir sind Arbeiter. Kommunisten sind verboten“, sagte mein Vater. Ich war sechs Jahre alt. Kurz darauf war er auch weg, im KZ Mißler. Das war früher das Heim für Auswanderer in die USA und befand sich mitten in der Stadt. Die Schreie der Misshandelten müssen die Nachbarn gehört haben. Er ist im April 1933 verhaftet worden und ist am 3. August 1933, zum Geburtstag seiner Mutter, entlassen worden. Das war für die ganze Familie natürlich eine Riesenfreude.
Und da habe ich ein ganz schreckliches Erlebnis gehabt: Ich kam vom Spielen nach Hause und hörte die Stimmen meiner Eltern aus der Küche. In der Küche wusch man sich auch, und zwar am Gossenstein. Badezimmer gab es derzeit noch nicht. Als ich die Küche betrat, stand mein Vater mit bloßem Oberkörper da und ich konnte seinen zerschlagenen Rücken sehen. Das Bild habe ich bis heute nicht vergessen.  
Bei uns muss eine Schreibmaschine gewesen sein, die für Flugblätter erstellen usw. genutzt wurde. Ich kann mich an die Maschine nicht erinnern, aber ich kann mich erinnern, dass mein Vater sagte: „Schreibmaschinen sind auch verboten.“ Ich wusste, dass ich mit niemandem über verbotene Dinge sprechen durfte, außer mit meinen Eltern. Komischerweise kann sich ein Kind völlig darauf einstellen. Einmal spielte ich mit meinem Vetter auf der Straße. Ich schlug vor, dass wir Schreibmaschine spielen, indem wir jeweils auf einen Pflasterstein springen und einen Buchstaben dabei rufen. Während des Spiels fiel mir plötzlich ein, dass Schreibmaschinen zu den verbotenen Dingen gehörten. Ich bekam einen Riesenschrecken und sagte zu meinem Vetter: „Du darfst niemanden sagen, dass wir gerade Schreibmaschine gespielt haben.“ Ich habe noch lange Zeit Angst gehabt, dass er was erzählt und sich die Nachricht schnell verbreitet. Das hat mich eine ganze Weile schwer beschäftigt. Ich habe mich aber auch nicht getraut, meinen Eltern etwas zu sagen, da das so eine schreckliche Sünde war. Es hätte ja wirklich sehr viel passieren können. Die Nazis hätten die ganze Bude auseinander genommen. Die haben ja bereits Bücher bei uns weggeholt, noch und noch, und auch die ganzen Instrumente. Das war sehr, sehr schlimm für mich.


beiden anderen für zwei Genossen und ihre Familien. Diese Boote haben in der Illegalität gute Dienste geleistet.
Wir waren Mitglied eines Bootsvereins und sind immer mit vielen Booten losgefahren und haben irgendwo einen schönen Rastplatz gehabt, wo die Boote an Land gezogen wurden. Dann haben wir uns den Tag da aufgehalten. Ich weiß noch, dass die Männer oft weg waren. Sie sagten, sie wollten noch ein wenig paddeln, sind aber mit einem Boot ins Schilf gefahren und haben da politische Arbeit gemacht.

Wurde Ihr Vater erneut verhaftet?

Im August 34 ist er auf der Straße verhaftet worden. Da hat man dann auch meine Mutter eingesperrt. Sie wollte ihn besuchen und die Nazis haben sie gleich einbehalten und ins Frauengefängnis gebracht. Ihr ist aber gar nichts angetan worden. Sie wurde zuvorkommend behandelt. Meinem Vater haben sie aber gesagt, dass sie Schreikrämpfe hätte. Sie haben die Hiobsbotschaften immer weiter verstärkt, bis sie schließlich sagten: „Wir wissen nicht, ob wir deine Frau überhaupt durch kriegen. Sie wird eventuell sterben.“ Daraufhin hat er einen Nervenzusammenbruch gekriegt.
Meine Mutter wurde dann irgendwann entlassen und mein Vater kam ins Untersuchungsgefängnis, das vorher Gestapo-Gefängnis war. Dort ist er zu drei Jahren Zuchthaus, drei Jahren Ehrverlust und Wehrunwürdigkeit verurteilt worden. Ehrverlust heißt, ihm wurden die bürgerlichen Ehrenrechte entzogen. Wehrunwürdigkeit war sehr gut! Solche Soldaten wollten sie nicht haben.

Ich bin zu jeder Straßenbahn gelaufen und war verzweifelt: „Mama kam nicht.“ Meine Großmutter war in der Zeit völlig überlastet. Sie musste sich bereits um meine beiden Vetter kümmern, weil meine Tante arbeiten ging. Und dann kam ich noch dazu. Hinzu kam die Angst um ihren Sohn.

Aus welcher Zeit stammen die Briefe, die Ihr Vater Ihnen geschrieben hat?

Vom KZ Mißler, auch von der Untersuchungshaft und von der Haftzeit im Zuchthaus.

Nach diesen Festnahmen wurde er kein weiteres Mal inhaftiert und hat alles überlebt, oder?

Er hat alles überlebt, ja. Er ist 38 noch einmal inhaftiert worden. Da ist im Hafen von Bremen auf einem japanischen Schiff eine Bombe hochgegangen. Da sind alle aktiven Kommunisten, die in Freiheit lebten, sofort eingesperrt worden. Bei meinem Vater war wirklich keinerlei Beteiligung nachzuweisen. Er hatte mit dem Hafen überhaupt keine Verbindung. Somit kam er nach circa drei Wochen wieder frei. Andere, die auch im Hafen gearbeitet hatten, sind allerdings ins KZ Sachsenhausen gekommen und kamen erst 45 frei. 

Wie haben Sie die Zeit erlebt, als Ihr Vater inhaftiert war und Sie nicht wussten, wann und ob er wiederkommt?

Das war schlimm. Mein Vater war für mich immer die Hauptperson. Wenn ich Fragen hatte, bin ich immer zu ihm gegangen. Er hat mir auch sehr viel erklärt. Zum Beispiel, das muss so im ersten oder zweiten Schuljahr gewesen sein, da hörte ich in der Schule zum ersten Mal, dass Frankreich unser Erzfeind sei. Das Wort Erzfeind hat mir imponiert, das kannte ich nicht. Dann hat mein Vater mir das erklärt und hat anschließend zu mir gesagt: „Die Franzosen sind genau solche Menschen, wie wir. Die wollen arbeiten, ihre Familie haben und Freude haben. Das sind in Wirklichkeit keine Erzfeinde. Die wollen uns auch gar nichts tun. Du darfst das jetzt aber nicht weitersagen!“

Ich erinnere mich, dass ich in der Zeit, als mein Vater inhaftiert war, in der Schule ständig erbrechen musste. Dafür habe ich mich jedes Mal abgemeldet, bis die Lehrerin sagte: „Du musst dich nicht melden. Wenn es dir schlecht wird, lauf einfach los.“ Es war ja auch ein ziemlich weiter Weg bis zur Toilette. Ich nehme an, das waren die Nerven.

Hatten Sie derzeit Nachteile, weil Sie die Tochter eines Kommunisten waren?

Nein. Wir haben in einer Arbeitergegend gewohnt. Ich konnte dort mit allen Kindern spielen. Sie haben mich auch mit nach Hause genommen und ich durfte auch Kinder einladen.

Ihr Vater hat Ihnen immer Briefe aus den Haftanstalten geschrieben, zum Teil in Plattdeutsch ...

Das war nur einmal in Plattdeutsch. Er schreib an meine Mutter Plattdeutsch und richtete ein paar Zeilen auch an mich. Ich wollte, dass er auch an mich Plattdeutsch schreibt, aber das war mir dann doch ein bisschen zu schwierig zum lesen. Dann hat er an mich weiterhin Hochdeutsch geschrieben.


Welcher dieser Briefe hat Sie besonders berührt?

Ein Brief an meine Mutter, als ihre Schwester, ganz kurz vor Weihnachten, gestorben ist. Sie hatte eine Abtreibung und der ganze Bauch war anschließend vereitert. Sie hinterließ einen neunjährigen Jungen. Das war für meine Mutter eine ganz schlimme Zeit. Da wäre es gut gewesen, wenn mein Vater bei ihr gewesen wäre. Mein Vater, hat dann, wie gesagt einen Brief geschrieben, um sie zu trösten. Dabei hat er darauf hingewiesen, dass sie auch selbst etwas tun muss, um mit der Trauer fertig zu werden.

Sie haben das Buch: „Na, Lütten?“ - Briefe aus dem Konzentrationslager und Zuchthaus 1933 - 1937. herausgebracht. Es enthält Briefe an Sie aus den verschiedenen Haftanstalten. Daraus lesen Sie u.a.bei Gedenkveranstaltungen, in Schulen usw. Wie werden Ihre Lesungen aufgenommen?

Positiv. In den Schulen berichte ich mehr über mein Leben in der Nazizeit.

Was möchten Sie bewirken?

Dass Kinder und Jugendliche sich mit Politik beschäftigen, denn die jetzigen Entwicklungen, die sind so schrecklich. Der Großteil der Jugendlichen hat überhaupt kein politisches Interesse. Die haben ja noch nicht einmal am normalen Leben Interesse. Die wollen immer nur irgendwelche Action. Und sie schlagen sogar andere Kinder tot – das ist bei uns passiert, zu Silvester. Da haben sie einen elfjährigen Jungen totgeschlagen. Diese Grausamkeit und Interessenlosigkeit finde ich so fürchterlich. Deswegen gehe ich auch noch mit in Schulen.

Wie reagieren die Schüler?

Die sind da schon vorbereitet, so dass sie überwiegend positiv reagieren. Einmal kam ich in eine Klasse und die hatten mir da einen Ohrensessel hingestellt. Der war auch noch sehr niedrig und reichte kaum zu dem Tisch, wo ich mein Buch hatte. Darüber musste ich lachen und da war sofort das Eis gebrochen. Diese Klasse war ohnehin so toll. Sie hat wunderbar mitgemacht. Vier Schüler haben mir anschließend einen Brief geschrieben mit dem Protokoll meines Vortrages. Das fand ich großartig. Die Lesung in dieser Klasse war eines der besten Erlebnisse, das ich an Schulen hatte. 

Sehen Sie Parallelen zu der damaligen Entstehung des Nationalsozialismus und heutigen Entwicklungen?

Die heutigen faschistischen Organisationen bekommen immer mehr Zulauf. Da habe ich eine fürchterliche Angst.

Damals war die große Arbeitslosigkeit. Heute auch schon wieder. Die Leute laufen immer irgendwelchen Ideen nach, ohne darüber nachzudenken, wohin das führt. Das war damals so und das passiert heute auch. Wenn die heutige Generation überhaupt etwas mit Ideen auf dem Hut hat. Die meisten hängen nur vor dem Rechner. Aber auch da schauen sie sich faschistische und vor allem grausame Videos an. Auch die Grausamkeit, die ja auch die Nazis an den Tag gelegt haben, steigt enorm an. Damit wachsen schon die Kinder auf.

Ich habe eine wahnsinnige Angst vor der globalen Entwicklung, aber auch vor der Entwicklung in Deutschland. Der Faschismus hat hierzulande schon wieder ziemlich viele Anhänger. 45 hatten wir gedacht, dass sei alles überstanden.

Halten Sie es für möglich, dass in Deutschland wieder ein Staatsfaschismus entsteht?

So ähnlich, ist sehr gut möglich. Die früheren Faschisten haben auch ganz klein angefangen. Ebenso wie die heutigen – und jetzt sitzen sie schon in den Parlamenten und im Bundestag. Ich hätte das früher nicht für möglich gehalten. Man müsste dem Faschismus Einhalt gebieten.

Weshalb wird er zugelassen?

Das frage ich mich auch. Das liegt an den anderen Parteien und an der Justiz.

Was kann man tun?

Nicht aufhören, dagegen zu kämpfen und immer wieder aufklären.

Wir danken für das Gespräch und für Ihr Engagement und wünschen Ihnen alles Gute!