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14. Januar 2018 | Autor: Jennifer Gregorian

Die Krux mit der Landwirtschaft

Für die einen ist es ein tolles Abenteuer, andere bangen um ihre Existenz und Arbeiten 90 Stunden die Woche. Arbeiten in der Landwirtschaft kann sehr vielseitig sein. Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man es betrachtet. Außerdem tobt ein Kampf zwischen Qualität und Profit. Daneben entwickeln sich kleine Paradiese.

Sojabohnenfeld bei Hockenheim // Urheber: AnRo0002 / CC0 1.0
Sojabohnenfeld bei Hockenheim // Urheber: AnRo0002 / CC0 1.0

Mal auf dem Bauernhof Urlaub machen und mit anpacken. Für manche Städter ist das besonders hipp. Was anderes, ein Abenteuer. Das muss man erlebt haben! Die Bauern freuen sich über die kostenfreie Unterstützung. Die Hobbyarbeiter benötigen nur Kost und Logis. Manche schlaue Bauern lassen sich das super tolle Abenteuer von den Stadthippies auch noch bezahlen. Verübeln kann man es ihnen nicht. Schließlich zahlen die Abenteurer freiwillig, um im Heu zu nächtigen und zu arbeiten. Außerdem geht es den Bauern nicht so blendend. Außer sie sind Großindustrielle. Dann brauchen sie aber auch keine Yuppie-Hippies, die sich auf einem „Back to Nature“-Tripp wähnen, in der Scheune, denn der Laden läuft: Die mit Blut getränkte Qualmilch rinnt in Strömen durch die rostigen Eisenschläuche und die Kasse klingelt. Und genau das macht den Kleinbauern die Existenz streitig.

Kleinbauern mit dem Rücken an der Wand

Der Großteil der Nahrungsmittelproduktion der EU wird durch Frankreich gewährleistet. In Deutschland arbeiten nur noch 600 000 Menschen auf dem Land. Ein Landwirt versorgt im Schnitt 140 Menschen. „Das reicht. Mehr ist gar nicht notwendig.“, würden einige behaupten. Es reicht, wenn alles maschinell produziert wird. Und es ist auch gut, dass Maschinen den Menschen die Arbeit abnehmen. Allerdings nicht, wenn Tiere in Massen durch die Maschinen gefoltert werden. Und die Pflanzen, die wachsen eben auch nicht, wie man es gerne möchte, also so dass sie den größtmöglichen Profit abwerfen. Daher wird kräftig mit Chemie nachgeholfen. Bei alledem leidet die Qualität. Qualitätsbewusste Bauern sehen sich an die Wand gedrängt. Die landwirtschaftlichen Großkonzerne versauen ihnen die Preise und ihre Existenz ist bedroht. Durch den Raubbau, den sie an der Umwelt betreiben, ist die Existenz von uns allen bedroht. Aber wir wollen es billig. Nur wenn wir gefragt werden, kaufen wir ganz selten Fleisch und wenn, dann Bio und das Tier muss artgerecht gelebt haben. Die Statistiken zeichnen ein anderes Bild: Nach einer Erhebung von Foodwatch geben Deutsche nur 106 Euro pro Jahr für Bio-Produkte aus. Diese machen nur 4,8 Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes der Bundesrepublik aus. Der Bio-Anteil an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche der Bundesrepublik beträgt 7,1 Prozent. Bei Fleisch ist er sogar noch geringer: 2016 lag er bei Geflügel bei 1,4 Prozent, bei rotem Fleisch (Rind, Schwein, Schaf, Kalb) bei 1,8 Prozent und bei Fleisch- und Wurstwaren nur bei 1,2 Prozent. (Die Untersuchungen stammen aus den Jahren 2015 und 2016). Folglich haben es Biobauern und Kleinbauern im Allgemeinen wirklich sehr schwer. Leben um zu arbeiten und davon nur ganz knapp Überleben, heißt die Devise. Ein nachhaltiger Bauernhof wirft kaum bis keine Erträge ab. So etwas können sich nur Idealisten leisten. Somit ist die „Wir haben es satt!“-Demo in Berlin, die jährlich zeitgleich zur Internationalen Grünen Woche (IGW) stattfindet und sich u. a. gegen diese richtet, berechtigt. Bei der IGW ist nämlich nicht alles grün. Da darf mitmachen, wer Geld hat, auch wenn er ukrainische Porzellanhunde ausstellt (tatsächlich schon erlebt). Dazu gibt es dort Fleisch ohne Ende, sicher ist das alles nicht nachhaltig produziert. Und überhaupt, die Fleischproduktion ist eine der größten Ursachen für den Klimawandel. Da sollte Fleisch  bei einer Großveranstaltung, die sich Nachhaltigkeit auf die Kappe schreibt, gar nicht oder allenfalls in sehr überschaubaren Mengen vorhanden sein. Andererseits sind auf der Messe auch vielversprechende Startups aus dem veganen Sektor anzutreffen. Die Realität ist eben nicht nur schwarz-weiß.


Wer arbeitet alles in der Landwirtschaft?

Neben Kleinbauern, Großindustriellen und Stadt-Hippies arbeiten noch viel mehr Menschen auf dem Land, bzw. speziell in den Landwirtschaft: Da sind Hartz IV-Empfänger, die zum Spargelstechen genötigt werden; Polen, die Erdbeeren ernten; Saisonarbeiter, Praktikanten und mittellose Reisende, die für Unterkunft und Logis mit anpacken.

Landflucht größer als Stadtflucht

Im Allgemeinen hält die Landflucht weiter an. Das geht u. a. aus der 2017 erschienen Studie des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR) hervor: Zwischen den Jahren 2005 und 2015 sind 37 Prozent der mittelgroßen Städte und 52 Prozent der Kleinstädte stets geschrumpft. 68 von 401 Kreisen gelten als „dünn besiedelt“. Das bedeutet, dass sie weniger als 100 Einwohner je Quadratkilometer haben.
Schöne Gegend ist eben nicht alles. Das Leben auf dem Land ist anders. Alles spielt sich in großfamiliären Gemeinschaften ab. Es wird zusammen gearbeitet, gegessen und gelebt, wie vor der Industrialisierung. Das kann schön sein, muss aber nicht. Dem einen gefällt es, der anderen wiederum nicht. Die jungen Menschen wollen aber oft erfahren, was das Leben noch zu bieten hat.
Es existiert auch der gegenteilige Trend: Städter, die der Großstadthektik entkommen wollen und denen ein Kleingarten oder ein Hochbeet nicht mehr ausreichen. Allerdings sind das so wenige, dass man nicht einmal wirklich von einem Trend sprechen kann. Folglich entwickeln sich die deutschen Dörfer zu Seniorensiedlungen.

Landarbeit lohnt sich nicht

Bei den Selbstständigen ist es klar: Die arbeiten selbst und ständig, für nichts und wieder nichts. Die Konzernchefs der Massentierhaltung und anderer landwirtschaftlicher Großbetriebe haben keinen Grund zum Jammern. Die Saisonarbeiter und die anderen Hilfskräfte schon. Die bekommen nur mindestens 9,10 € brutto pro Stunde. So will es das Gesetz seit November 2017. Klar, könnten sie auch mehr verdienen. Aber wer soll das zahlen? Die Kleinbauern können sich keinen 9,10 € Mitarbeiter leisten und die Konzernchefs sind nicht reich geworden, weil sie jemals mehr gezahlt haben, als sie unbedingt mussten. Eher beschäftigen sie noch Illegale für 3 €. Die Knappheit an Arbeitsstellen und vor allem an gut bezahlten Stellen ist ein weiterer Grund für die Landflucht. Außerdem gibt es dort keine große Auswahl an Arbeit. Somit lassen sich junge Leute von ihren Wünschen und Träumen in die Ferne treiben.  

Das nackte Überleben und das Paradies - Lebenshöfe
Ein Hoffnungsschimmer oder ein kleines Paradies auf Erden: Mensch und Tier leben friedlich miteinander. Niemand wird umgebracht, niemand landet im Kochtopf, die Kinder werden ihren Müttern nicht entrissen, alle sind eine große Familie und alles ist friedlich. Wobei, Kinder, alias Jungtiere, trifft man dort eher selten. Die Rede ist von Lebenshöfen. Diese werden von Tierrechtlern betrieben, die sich vegan ernähren. Viele davon sind sogar Frutarier, das heißt sie essen nichts, was eine Wurzel hat, um keine Pflanze zu töten. Sie nehmen Tiere auf, die in der Landwirtschaft nutzlos geworden sind und daher umgebracht werden sollen. Oder Tiere, die aus der Massentierhaltung gerettet wurden. Manchmal sind es Wildtiere, die in Not geraten sind. Die Mehrheit, der in Lebenshöfen untergebrachten Tiere sind jedoch ehemalige Nutztiere. Die Tiere kommen körperlich stark strapaziert, krank, verwahrlost und psychisch traumatisiert an. Auf den Höfen dürfen sie sich erholen und einen ruhigen Lebensabend verbringen. Oftmals suchen die Betreiber der Lebenshöfe Verstärkung. Bei Interesse können Sie sich an „Erdlingshof“, „Land der Tiere“, „Hof Butenland“, „Gut Weidensee“ oder „Gut Aiderbichl Iffeldorf“ wenden. Es gibt aber noch weitaus mehr Lebenshöfe, manchmal auch unter der Bezeichnung „Gnadenhöfe“ anzutreffen. Einfach im Internet nachsehen.