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31. Juli 2018 | Autor: Jennifer Gregorian

Das Kopftuch zwischen Rassismus und Sexismus

Seit Jahren bewegt das Kopftuch mit seinen zahlreichen Facetten die Gemüter. Die Debatte ist hoch komplex und emotionsgeladen, da der Rassismusvorwurf wie ein Damoklesschwert über ihr schwebt. In der Tat wird sie von Rechtsextremen instrumentalisiert, was wir nicht länger zulassen sollten. Die politischen Lager sind dabei jedoch ein Nebenschauplatz. Die Verlierer bei der Sache sind nach wie vor Frauen, was im wahrsten Sinne des Wortes verschleiert wird. 

Hidschab (rechts Tragevariante als Niqab) / Urheber: Hijabis4ever / CC BY-SA 3.0
Hidschab (rechts Tragevariante als Niqab) / Urheber: Hijabis4ever / CC BY-SA 3.0

Das Kopftuch hat fast so viele Bedeutungen wie es Trägerinnen gibt. Einige davon sind legitim und stehen jeder Trägerin zur Disposition. Andere sind wiederum hoch problematisch. Sehr verallgemeinert gibt es in der Debatte drei Lager. Die einen sind aus rassistischen Motiven gegen das Kopftuch. Die anderen sind dafür, da sie gegen die Rassisten sind. Die Frauen, um die es eigentlich geht, sind beiden Lagern egal. Die dritte Position ist eine, die dem Kopftuch kritisch gegenüber steht, allerdings nicht aus Rassismus, sondern ausgehend von den Menschenrechten der Frau, welche mit diesem Stück Stoff stehen oder fallen. 

Das Kopftuch – mehr als ein Kleidungsstück

Das islamische Kopftuch ist nicht bloß ein Kleidungsstück, wie es einst europäische Dorffrauen getragen haben, die kein Geld für den Friseur hatten oder sich vor der Sonne schützen wollten. Es ist ein politisches Symbol und es treibt einen Keil zwischen Männer und Frauen. Das tut jede geschlechtsspezifische Kleidung, aber das Kopftuch noch in besonderem Maße. Auch die Europäerinnen aus ländlichen Gebieten trennt es von den männlichen Erdbewohnern. Letztere tragen nämlich kein Kopftuch, unabhängig davon, wie ihre Frisur aussieht. Das Kopftuch, wie es überwiegend in muslimischen Kulturkreisen anzutreffen ist, geht noch einen Schritt weiter: Es trennt nicht nur Mensch von Untermensch, wie etwa das europäische Kopftuch, das Kleid, der Rock oder der Highheel. Es wird auch nicht zweckmäßig, etwa zum Schutz vor der Witterung, getragen, sondern fast immer und überall, auch wenn die Gelegenheit dem noch so sehr widerspricht, wie etwa beim Schwimmen oder beim Sport. Es ist eng verbunden mit der untergeordneten devoten Rolle der Frau im reaktionären, politischen Islam. Und es darf nicht abgelegt werden. Die sexualisierten und die Bewegung hindernden westlichen Kleidungsstücke, dürfen nach Bedarf abgelegt und ausgetauscht werden, wobei das hin und wieder die Etikette verbietet. Das Kopftuch muss aber immer dabei sein.  

Sexismus, ein problematisches Männerbild und pädophile Neigungen

Der entscheidende Aspekt beim islamischen Kopftuch ist die sexualisierte bzw. sexistische Komponente: Frauen gelten als sündige Verführerinnen und ihr Haar als sexuelles Symbol. Sie müssen es verbergen, um Männer nicht zu erregen. Wenn schon Kinder das Kopftuch tragen müssen, kommt das dem Eingeständnis der Pädophilie bei den Männern dieser Kulturen gleich. Wie wir sehen ist nicht nur das Frauenbild, das mit dieser Art Kopftuch verknüpft ist, hoch problematisch, sondern auch das Männerbild: letzteres entspricht dem Bild der AfD und anderer Rechtsextremer vom muslimischen Mann, der als „mordende, vergewaltigende Bestie in Horden auftritt, sich nicht im Griff hat und ständig Frauen überfällt.“

International bedenklich

Im Iran, in Saudi-Arabien sowie in anderen streng islamischen Ländern kämpfen Frauen dafür, sich nicht mehr verschleiern zu müssen. Dabei sind sie extremer staatlicher und gesellschaftlich legitimierter, patriarchaler Gewalt ausgesetzt. Erst kürzlich erhielt eine Iranerin 20 Jahre Haft für das Ablegen des Kopftuches. Daher ist es absurd, dass sich Menschen in den westlichen Regionen mit den Unterdrückern solidarisieren, also mit den Vertretern eines äußerst reaktionären Islams. Das bemängeln auch liberale Muslime aus Deutschland Frankreich usw. Viele sind vor Unterdrückung im Namen der Religion geflohen und können es schwer nachvollziehen, dass man hier mit ihren Peinigern und Verfolgern gemeinsame Sache macht. Zudem fühlen sie sich mit ihrem Wunsch nach einem freien Leben allein gelassen.  

Das Kopftuch als Schutz

Viele streng islamistisch aufgezogenen Frauen, fühlen sich nackt ohne Burka und erst recht ohne Kopftuch. Die Befreiung von diesen Hüllen kann allenfalls langsam erfolgen. Viele dieser Mädchen und Frauen wachsen in ständiger Scham auf. Somit stellen die fragwürdigen Kleidungsstücke eine Art Schutz für sie dar. 

Der Rassismusvorwurf manchmal berechtigt

Oft und gerne werden Gegner des Kopftuchs als Rassisten beschimpft. Unter den Kritikern gibt es tatsächlich viele Rassisten, aber nicht nur. Äußerem ist die Kritik selbst nicht rassistisch: Es handelt sich um ein kulturelles und politisches Symbol, dass nichts mit Ethnien oder gar Rassen zu tun hat. Schließlich wird niemand mit Kopftuch geboren. Das gilt, insofern die Kritik sachlich bleibt. Rechtsextremen und Rassisten geht es nicht um die Frauen und deren Bedürfnisse, im Gegenteil: Schließlich wollen sie Frauen entrechten und an Heim und Herd fesseln. Es geht ihnen darum, diese andere Kultur nieder zu machen. Folglich muss man unterscheiden, wer die Kritik vorbringt und wie. 

Multikulti und Freiheit

Kulturelle Vielfalt ist eine Bereicherung für Deutschland, ebenso wie für jedes andere Land. Allerdings sollte die Akzeptanz kultureller Bräuche oder gar Normen da enden, wo Menschenrechte verletzt werden. Offiziell gehören Frauen in Europa, und somit auch in Deutschland, zur Menschheit. Faktisch tun sie es nicht, wie man an Femiziden, Verfolgung, sexistischer Werbung, Prostitution, ungleichem Lohn usw. nachvollziehen kann. Aber das sind andere Themenkomplexe. 

Entschließt sich eine erwachsene Frau, das Kopftuch zu tragen – wobei hier die Gründe keine Rolle spielen – sollten sie das tun. Vor allen Dingen, ohne Übergriffe zu befürchten (die es gerade in letzter Zeit vermehrt gegeben hat). Wir müssen die Freiheit des anderen tolerieren und auch ertragen, selbst wenn es sich um eine Unfreiheit handelt und ganz unabhängig, wie sehr sie uns missfällt. Ebenso wenig sollte es gestattet sein, erwachsene Frauen, dazu zu veranlassen Kopftuch zu tragen, was sich einige Ehemänner, Väter und Brüder jedoch erlauben. Hier ist die deutsche Justiz, bzw. die Justiz des betreffenden Landes gefordert, solche Zwangsmaßnahmen zu unterbinden. Da es sich aber „nur“ um Frauen handelt, wird die Sache dem privaten Bereich zugeordnet, ebenso wie Femizide, und nicht weiter behandelt. 

Ferner ist es nicht legitim, kleinen Mädchen das Kopftuch aufzuzwingen. Es schränkt sie in ihrer Bewegungsfreiheit und Entwicklung massiv ein. Dazu setzt es ihnen den Stempel der „Anderen“ auf und sexualisiert sie bereits im frühkindlichen Alter. Terres des Femmes fordert ein Kopftuchverbot bis zum 18 Lebensjahr. Dies lässt sich mit der deutschen Gesetzeslage schwer vereinbaren, ist aber längst überfällig. Somit ist das Verbot bis zum 14 Lebensjahr schon mal ein kleiner Erfolg für die Befreiung von Mädchen und Frauen. 

Der Einfluss der Familie

In streng islamischen Zusammenhängen hat die Familie einen enormen Einfluss auf ihre Mitglieder, insbesondere auf die weiblichen. Sie werden von sämtlichen außerhäuslichen Aktivitäten, die wir für normal erachten, fern gehalten, so dass sie stets abhängig bleiben. Es ist davon auszugehen, dass die Eltern und Brüder auch nach dem 18. Geburtstag und erst recht nach dem 14. eine enorme Macht über die Mädchen und jungen Frauen ausüben. Auch da können sie noch gezwungen werden, Kopftuch zu tragen und sogar gegen ihren Willen zu heiraten. Somit kann das Kopftuchverbot für Kinder nur als ein Tropfen auf dem heißen Stein angesehen werden. Stattdessen bräuchten wir viel mehr Aufklärung und auch spezielle Hilfsangebote für Mädchen und Frauen in solch prekären Situationen. 

Der Kulturrelativismus muss aufhören

Allein schon, um den Rechtsextremen den Wind aus den Segeln zu nehmen, sollten wir aufhören, kulturrelativistsich zu agieren. Der wesentliche Grund ist jedoch die Situation von Mädchen und Frauen, die wir über Jahre ignoriert haben. Mehr noch, wir haben für die Täter Partei ergriffen. Im linksliberalen Milieu wird stets bei Frauenrechten Halt gemacht und die Unterdrücker werden hofiert. Daneben gibt es den Schulterschluss unter Männern. So wurden in der Vergangenheit häufig kulturrelativistische Urteile gesprochen, wenn es um Ehrenmord, Zwangsehe oder Genitalverstümmelung ging. Auch die Aufklärung solcher Fälle lässt stark zu wünschen übrig. So werden zum Beispiel die meisten Ehrenmorde als Selbstmorde oder Unfälle vertuscht. Auch Frauen, die aus restriktiven Strukturen ausbrechen wollten, haben wir allein gelassen. Dabei ist die Problematik bekannt. Zahlreiche Opfer, die es geschafft haben, sich aus den familiären Fängen zu befreien, haben darüber berichtet. Es gibt sehr viel Literatur darüber. Aber das interessiert niemanden, schließlich handelt es sich „nur“ um Frauen – die ja, wie wir wissen, auch hierzulande noch nicht zur Menschheit gehören. 

Die Frau in der Kopftuchdebatte objektiviert

Es geht um links oder rechts und um Muslime versus selbsternannte Christen, die im Grunde Rassisten sind. Ständig wird wild debattiert. Es wird geurteilt und verurteilt. Aber niemals geht es um das Subjekt, welches das Kopftuch trägt oder ablehnt. Sicherlich treten in Talkshows auch Kopftuchträgerinnen und Gegnerinnen auf, aber sie sind nicht als Subjekte vor Ort, sondern als Vertreter eines der Lager, die im Grunde über die Frau hinweg debattieren.  

Wir haben die Opfer allein gelassen und dazu zugelassen, dass Rechtsextreme diese Themen instrumentalisieren. Eine Kehrtwende ist längst überfällig. Aber im Grunde sollte das Kopftuch gar kein Thema sein. Es sollte jeder Frau und auch jedem Mann sowie allen anderen Identitäten frei stehen, es zu tragen oder nicht. Bis dahin ist allerdings noch ein langer Weg.