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29. Mai 2017 | Autor: Jennifer Gregorian

Die Gebärmutter gerissen

Kinderbräute im Jemen sterben durch Vergewaltigung in der Hochzeitsnacht.

Kinderbraut verzweifelt / © Ulia Koltyrina - Fotolia.com
Kinderbraut verzweifelt / © Ulia Koltyrina - Fotolia.com

Jede zweite Braut im Jemen ist minderjährig. Kinderheirat ist dort an der Tagesordnung. Nach einer Studie zur Überwachung von sozialem Schutz von 2014 waren 13 Prozent aller Mädchen unter 18 Jahren verheiratet. Und fast die Hälfte aller Frauen im Alter von 20 bis 49 Jahren waren vor ihrem 18. Lebensjahrs bereits verheiratet. 

Anfang September 2013 schaffte es ein tragischer Fall in die Medien: Eine Achtjährige ist wenige Stunden nach ihrer Eheschließung verblutet. Bei der Vergewaltigung in der Hochzeitsnacht durch den 40-jährigen Ehemann aus Saudi-Arabien ist dem Mädchen die Gebärmutter gerissen. Ein  ähnliches Schicksal ereilte eine 12-Jährige. Nur wenige dieser Fälle gelangen, dank Bemühungen von Menschenrechtsorganisationen, überhaupt in die Öffentlichkeit. 

Gesetzeslage erlaubt Kindermissbrauch

Ein Mädchen kann im Jemen verheiratet werden, „wenn es dazu bereit ist“. So steht es im Familiengesetz. Diese angebliche "Bereitschaft" lässt viel Interpretationsraum zu. Ein Mindestalter für die Ehe gibt es nicht. Die Begründung: Solch eine Begrenzung stünde auch nicht im Koran. Grundsätzlich dürfen Kinder im Jemen ab der Geburt zwangsverheiratet werden. In der Regel betrifft das Mädchen. Meistens werden sie an einen sehr viel älteren Mann verschachert, wenn man sie als ausreichend entwickelt wähnt, oder genug Geld über den Tisch rollt. Ab dem 15. Lebensjahr dürfen sie offiziell vergewaltigt werden, die meisten Ehemänner halten sich aber nicht daran und fallen schon viel früher über sie her. Für die Vergewaltiger bleiben die Taten allerdings ohne Konsequenzen. Ab 15 Jahren dürfen die Mädchen sich auch scheiden lassen. Aber so einfach geht das nicht! Da gibt es schließlich noch die Familienbande. Die Betreffende muss, um die Scheidung zu vollziehen, in der Regel mit der Familie brechen. Ohne Ehemann und ohne Familie besteht allerdings für Mädchen und Frauen im Jemen keine Existenzmöglichkeit. Das heißt, die Herkunftsfamilie muss sie wieder aufnehmen. Und dem muss der Vater, als Familienoberhaupt, zustimmen. Im Normalfall sträubt sich die Familie, da sie das Brautgeld schon ausgegeben hat. Außerdem kriegt man ein Mädchen kaum mehr los, wenn es schon mal verheiratet war. Das hieße, die betreffende Familie müsste die kindliche „Ehebrecherin“ längerfristig oder dauerhaft versorgen. Außerdem sinken mit dem Alter die Chancen auf dem Heiratsmarkt. Schließlich haben die pädophilen Greise genügend Kinder zur Auswahl. Ferner kann auch der Ehemann, und sogar seine ganze Sippschaft, gegen die Scheidung sein und die Familie der Angetrauten unter Druck setzen. Darüber hinaus gilt es als große Schande und Sünde, wenn ein Mädchen aus der Ehe ausbricht. Für die betroffenen Mädchen ist es natürlich eine Zumutung, ein zweites Mal verkauft und misshandelt zu werden. Aber sie werden ja nicht gefragt. 

 

Wegbereiterinnen im Kampf gegen Kinderehen im Jemen

2010 hat ein mutiges Mädchen das Unvorstellbare gewagt: Sally (in der Unterschicht waren derzeit englische Namen angesagt) war 12, als sie zwangsverheiratet wurde. Sie freute sich auf ein großes Fest mit vielen Spielsachen und anderen Geschenken. Von der darauffolgenden Vergewaltigung ahnte sie nichts. Wie auch? Sie war nicht einmal aufgeklärt worden. Mit 15 reichte sie die Scheidung von ihrem 27-Jährigen Peiniger ein. Danach wollte dieser die 1000 US-Dollar Brautgeld wieder haben. Die hatte der Vater des Mädchens bereits ausgegeben. Als der Noch-Ehemann einst zu Sallys Elternhaus kam und dort randalierte, wurden er und ihr Vater inhaftiert. Die Behörden lasteten dem Vater ein unlauteres Brautgeschäft an. Damit war dann auch die Sache mit dem Geld vom Tisch und das junge Mädchen war aus der Nummer raus. Die traumatischen Erinnerungen an die täglichen Misshandlungen werden sie aber lebenslang begleiten.
Die Situation von Nojoud war noch prekärer. Sie war erst 8, als sie die Scheidung erstritt. Der Fall ging durch die internationale Presse und öffnete eine Tür. Das amerikanische Magazin „Cosmopolitan“ wählte sie zur „Woman of the Year“. Ihr Buch „Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden“ wurde ein Bestseller.
Beide Mädchen wurden von ihren älteren Ehemännern geschlagen und vergewaltigt. Sie sind schwer traumatisiert, aber sie haben es geschafft. Nojoud hat von den Tantiemen aus ihrem Buch einen Laden eröffnet, wo ihr Vater und ihr Bruder arbeiten. Sie selbst geht zur Schule.

Sally und Nojoud hatten aber auch Glück im Unglück: Denn bei der ganzen Sache mit der Scheidung muss, wie bereits erwähnt, der Vater mitspielen. Die meisten Väter tun das nicht. Ihre Töchter zählen lediglich als Ware. Insbesondere in den Armenvierteln neigen Familien dazu, ihre minderjährigen Mädchen zu verhökern.

Ausblick

Die Kinderschutzorganisation Seyaj setzt sich im Jemen gegen Kinderehen ein. Einst hatte sie fast erreicht, dass das Heiratsalter auf 17 hochgesetzt wird. Doch das Scharia-Parlament stellte sich quer. Schließlich habe der Prophet Mohamed seine Frau Aischa auch im Kindesalter geheiratet.

Im Jemen wird noch viel Zeit vergehen, bis Frauen die Möglichkeit zur freiwilligen Familienplanung erhalten. In dieser Zeit werden viele Tränen fließen und viele Mädchen sterben – wenn nicht durch Missbrauch und schwere Verletzungen, dann zumindest psychisch.


Quellen: Terres des Femmes, Amnesty International, Richard, Dawkins Foundation, Welt,  Zeit, Spiegel