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04. August 2017 | Autor: Jennifer Gregorian

„Frauen holt Euch die Stadt zurück“

Die Gfotzerten über eine längst überfällige Streetart

Streetart mit dem etwas anderen Frauenbild in Münchener Unterführungen / Bild: Gfotzeten
Streetart mit dem etwas anderen Frauenbild in Münchener Unterführungen / Bild: Gfotzeten

Läuft man durch eine Münchener Unterführung, sind sie nicht zu übersehen: Kampfbereite junge Frauen mit Baseballschlägern und Eisenstangen bewaffnet. Sie sind sauer. Zum einen wegen der täglichen Belästigungen und Übergriffe durch Männer im öffentlichen Raum und zum anderen wegen des vorherrschenden Frauenbildes in den Medien und in der Werbung. Bei den Frauen handelt es sich allerdings nur um Bilder. Es sind lebensgroße Bilder, die sofort ins Auge fallen und bei so manchem Macho für kalte Füße sorgen. Es geht also auch anders als verblödet, ausgehungert und dauernd sexuell verfügbar. Die neuen Frauenbilder, die den Nerv der Zeit treffen, stammen von einer anonym agierenden Girl Gang, den Gfotzerten. Spezialinfo wollte mehr darüber wissen und hat ihnen ein paar Fragen zu ihren Aktionen und Zielen zukommen lassen.  

SpIn:„Frauen holt Euch die Stadt zurück“ ist Euer Slogan. „Zurück“ ist nicht ganz richtig. Als die ersten Städte gebaut wurden, waren Frauen bereits unterdrückt …

Gf: Mit unserem Slogan knüpfen wir an die feministischen “Take back the night”-Demos an, die sich seit den 1970ern gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt v.a. im Nachtleben formiert haben.  Das “zurück” soll deutlich machen, dass der öffentliche Raum nicht “natürlicherweise schon immer” ein Männer*raum ist, sondern grundsätzlich erst einmal allen Menschen gehört - unabhängig vom Geschlecht.

SpIn: War der Auslöser die Vergewaltigung der 21-Jährigen in München, oder hat der Widerstand sich schon länger formiert, bzw. etwas aufgestaut gegen die Schieflage?

Gf: Dass der öffentliche Raum für viele Frauen* ein gefährlicher Raum ist, ist ja (leider) keine neue Erkenntnis oder Entwicklung. Jede Frau* kann solche Orte nennen, an denen sie mit Unbehagen, einem komischen Bauchgefühl und Angst vor Belästigung unterwegs ist - etwas, was Männer* meist so ja nicht kennen. Häufig wird diese Angst von der Gesellschaft heruntergespielt und wenn dann etwas passiert, wie in diesem Fall die Vergewaltigung einer 21-jährigen Frau* in Rosenheim, wird schnell die Verantwortung bei der Frau* gesucht (Stichwort: rape culture) oder in letzter Zeit vermehrt der Fokus auf einen möglichen Migrations-/Fluchthintergrund des Täters gelenkt.
Wir finden, dass es reicht und wir haben daher dieses Thema von Anfang an aufgegriffen. Die Aktion “Girl Gangs over Munich” war schon länger geplant und war nach der Vergewaltigung der jungen Frau* überfällig.

 

SpIn: Wieso jetzt? Viele Menschen, auch Frauen aus Deutschland wähnen die Gleichberechtigung als vollzogen …

Gf: Ja, das erleben wir auch und das ist u.a. ein Grund, warum wir uns vor ca. zwei Jahren gegründet haben. Wir alle kennen diese Frauen*, die das Gefühl haben, Feminismus sei mittlerweile überflüssig, weil es doch schließlich keine Benachteiligung mehr gibt und Frauen* gleichberechtigt sind. Oberflächlich gesehen mag das richtig erscheinen, es hat sich ja tatsächlich gerade in den letzten Jahrzehnten unglaublich viel verändert, v.a. was die rechtliche Gleichstellung angeht. Aber nach wie vor sind Frauen* in Deutschland mit unglaublich viel Sexismus konfrontiert, Frauen* werden häufig Opfer (sexualisierter) Gewalt, Frauen* verdienen weniger als Männer*, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird als “Frauen*thema” behandelt, Frauen* übernehmen den Großteil von Care-Arbeit (also z.B. Erziehung und Pflege), Frauen* sind in Führungspositionen oder in der Politik deutlich unterrepräsentiert etc. Die Liste könnten wir noch lange fortführen.

SpIn: Haltet ihr aktuell einen Backlash in Deutschland für möglich, etwa wegen des Rechtsrucks oder wegen islamistischer Strömungen?

Gf: Wir halten einen Backlash nicht für möglich, wir erleben ihn seit einigen Jahren bereits in vielen Bereichen. Wir erleben z.B. rechte und (christlich-)konservative Strömungen, die gegen Sexualpädagogik, reproduktive Rechte (wie das Recht auf Abtreibung) und sexuelle Vielfalt auf die Straße gehen. Wir erleben eine zunehmende Sexualisierung von Mädchen*- und Frauen*darstellungen, die sehr stark von Neoliberalismus und Kapitalismus angetrieben wird. Und wir erleben eine Retraditionalisierung und Rückkehr zu starren Geschlechterrollen, die z.B. in der Rosa-Hellblau-Einteilung zum Ausdruck kommt.

SpIn: Man unterstellt Euch Gewalt, oder zumindest Gewaltdarstellung …

Gf: Wer uns falsch verstehen will, versteht uns falsch. Wir haben direkt nach der Aktion eine Pressemitteilung verschickt und auch auf Facebook veröffentlicht, in der wir deutlich gemacht haben, dass es uns natürlich nicht darum geht, zur Gewalt aufzurufen. Die "Girl Gang" zeichnet vielmehr ein anderes Bild von Frauen* als das, was öffentliche Darstellungen von Frauen* viel zu oft vermittelt. Auf Werbeplakaten und -postern werden Frauen* meist als schwach, süß und sexy dargestellt. Sie werden reduziert auf ihr Aussehen und ihren Körper. Die Aktion "Girl Gangs over Munich" der Gfotzerten zeigt, dass Streetart dazu beitragen kann, starke Frauen* sichtbar zu machen, die sich Männer*gewalt entgegenstellen, anstatt Frauen* als Objekte männlicher* Lust zu inszenieren und so herabzuwürdigen.

Streetart der Gfotzeten

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SpIn: Wie kam es zu dem Namen?

Gf: "Fotze" ist wohl so ziemlich das ekelhafteste Schimpfwort für eine Frau*, das die deutsche Sprache hergibt. Im Bayerischen meint das Wort jedoch etwas ganz anderes: eine Fotzn ist keine Hure und auch keine Vagina, sondern das Wort bedeutet Mund. Eine Gfotzerte ist daher eine Frau*, die auch mal ungemütliche Wahrheiten ausspricht und sich nicht den Mund verbieten lässt.

SpIn: Wer sind die Gfotzerten?

Gf: Wir sind eine Gruppe von Münchnerinnen, die in ihrer Stadt ein Zeichen setzen gegen sexualisierte Gewalt, Rassismus und Homophobie. Mit verschiedenen Aktionen skandalisieren wir Missstände und machen die Stadtgesellschaft darauf aufmerksam. In der Tradition anderer Streetart-Aktivist*innen (wie Banksy oder Barbara) bleiben wir als Personen ungenannt und anonym.

SpIn: Habt ihr Verbindungen zur „Burschenschaft Hysteria“ und aus Wien und zu den „Girl Gangs aus Mannheim“?

Gf: Wir haben Kontakt zu einigen feministischen Aktivistinnen und Kollektiven.

SpIn: Wieso seid ihr anonym?

Gf: Es geht bei unseren Aktionen nicht um uns als Personen, sondern um die Sache, um das Thema dahinter. Daher bleiben wir bewusst anonym im Hintergrund. Zum anderen dient die Anonymität auch dem Schutz vor Angriffen durch Maskulisten oder sonstige antifeministische Gruppierungen.

SpIn: Ihr habt viele Aktionen am Start: Plakate, Geldregen gegen Lohnungleichheit, Performance, ... Was steht als nächstes an?

Gf: Lasst euch überraschen :-)

SpIn: Wie werden Eure Aktionen aufgenommen? Was ist die Resonanz?

Gf: Für unsere Aktionen haben wir bisher unheimlich viel positives Feedback bekommen, wir scheinen da bei vielen einen Nerv zu treffen. Gerade nach unserer “Girl Gang”-Aktion wurde unsere Facebook-Seite förmlich überrannt, wir haben Anfragen und Unterstützungsangebote bekommen. Wir haben teilweise kontroverse Diskussionen ausgelöst, was natürlich absolut in unserem Interesse ist! Und immer wieder kam die Rückmeldung, dass Frauen* jetzt auch selbst aktiv werden wollen. Wir finden das gfotzert!

SpIn: Brauchen wir wieder eine Frauenbewegung?

Gf: Definitiv! Es ist ja nicht so, dass es aktuell keine Frauen*bewegung gibt, sie ist vielleicht nur durch eine teilweise Verlagerung ins Netz nicht mehr so sichtbar für den Mainstream. Aber klar, es gibt noch viel zu tun und diese Veränderungen schaffen wir nur gemeinsam!

SpIn: Wie kann man Euch unterstützen?

Gf: Wir freuen uns natürlich über Likes unserer Facebookseite und wenn unsere Aktionen und Anliegen über Berichte in den Medien verbreitet werden. Und ansonsten hoffen wir, dass wir mit unseren Aktionen andere Frauen* dazu motivieren, Girl Gangs zu bilden und selber aktiv zu werden.

SpIn: Vielen Dank und macht weiter so!



* Der gender star oder asterisk weist darauf hin, dass Begriffe oder Kategorien wie Frau* oder Mann* sozial konstruiert sind. Zudem öffnet er die Kategorie für alle Menschen, die sich ihr zugehörig fühlen. 'Frau*' ist also z.B. keine natürliche Kategorie, sondern konstruiert (im sinne des 'doing gender' von Judith Butler) und schließt auch u.a. Trans*Frauen* ein. (Erklärung Gfotzerten)