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25. Oktober 2015 | Autor: Jennifer Gregorian

Ladies und Gentleman

Gentleman der alten Schule scheinen vom Aussterben bedroht zu sein? Ihre Tradition und ihre Message leben aber weiter und erfreuen so manche Lady. Allerdings hat die Sache einen gewaltigen Haken …

„Gentleman and lady“, Gemälde von Pietro Bouvier / Photo: LiveInternet / gemeinfrei
„Gentleman and lady“, Gemälde von Pietro Bouvier / Photo: LiveInternet / gemeinfrei

Er verbeugt sich, gibt ihr einen Handkuss und zaubert eine Rose hinter dem Rücken hervor. Ein seltenes Szenario aus einer längst vergessenen Zeit. Es hat aber seinen Reiz bis dato nicht verloren oder gar welchen dazu gewonnen, wegen der Seltenheit. Dennoch, in fast jedem Herren wohnt auch heutzutage noch ein Gentleman. Bei den meisten hat er sich unbewusst eingenistet. In bestimmten Kreisen zeugt solch einer jedoch von einer guten Kinderstube. Der Gentleman ist aber nicht bloß eine harmlose romantische Figur.

Die Damen und Herren von heute

Sie trägt Jeans und eine Outdoorjacke. Sie ist fast 1,80 Zentimeter groß; ihren vorstehenden Bauch in ein Korsett zu zwängen, liegt ihr fern. Ihr Haar ist kurz und grau und ihr Make-Up leicht verschmiert. Sie hält sich für emanzipiert – nicht nur da sie mal ein Studium absolviert hat, welches er ihr finanziell ermöglicht hat, sondern im Allgemeinen. Ihr Begleiter, klein und zierlich zieht zwei Koffer hinter sich her. Er hievt sie in den Zug und schaut dann auf die Karten mit der Reservierung. Die üppige Frau trabt hinterher. Als er endlich die Sitzplätze gefunden hat, hebt er beide Koffer in die Ablage. Das macht ihm schwer zu schaffen. Seine ihm Anvertraute steht wie angewurzelt da. Dann nimmt er ihr die Jacke ab und hängt sie auf. Sie setzen sich. Er liest den Wirtschaftsteil der FAZ und sie einen Roman von Rosemunde Pilcher. Nach einer halben Stunde Fahrt hat die Holde Hunger. Er springt auf, hebt einen Koffer runter und packt das Essen aus. Während er mit größter Mühe das Gepäckstück zurück verfrachtet, legt sie Servietten aus und richtet das Mal an. An diesem Szenario nimmt niemand Anstoß. Es ist völlig normal. Obwohl die Erscheinung der Protagonisten nichts mehr mit der einstigen Romantik zu tun hat, die Verhaltensweisen des Herren ähneln sehr dem des Gentleman.

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Nun stellen Sie sich mal folgende Szene vor. Sie geht mit zwei schweren Koffern voraus und er läuft hinterher. Dann findet sie die reservierten Plätze, hebt das Gepäck in die Ablage und nimmt ihm die Jacke ab. Sobald er etwas benötigt bittet er sie, den Koffer herunter zu holen. Als ein anderer Fahrgast den beiden lautstark klar machen will, dass sie seine Plätze besetzt hätten, stellt sie sich schützend vor ihren Mann und weist den Randalierer auf seinen Irrtum hin. An dieser Szene würden viele Anstoß finden, oder sich zumindest wundern.

Weshalb diese unterschiedlichen Reaktionen? Es ist ganz klar: In dem ersten Beispiel verhält sich das Paar rollenkonform, im zweiten nicht. Das Verhalten des zweiten Paares stört unser Selbstverständnis der Geschlechterrollen. Hierbei handelt es sich allerdings lediglich um ein sozial-politisch-kulturelles Konstrukt. Es gibt keine genetischen Dispositionen, die es einer Frau erschweren, einen Koffer zu tragen, Sitzplätze zu finden oder eine Jacke auszuziehen. Es sind einfach nur kleine, nett verpackte alltägliche Gesten die ihr Unfähigkeit unterstellen und diese verfestigen.


Die Dame auf dem Podest

Einige würden dem widersprechen und behaupten, die Damen würden ja auf ein Podest gestellt und bedient. Das heißt, sie würden über den Mann gestellt. Das Problem bei der Sache ist nur, dass der Mann selbst sie über sich stellt und somit der Akteur ist. Die Frau hat so viel Anteil an der erhabenen Position wie die heilige Kuh in Indien. Die Mythen um Frauen, die sich Männer über die Jahrhunderte ausgedacht haben, behandelt Simone de Beauvoir ausführlich in „Das andere Geschlecht“ – sehr zu empfehlen!

Lady und Gentleman als geschlechtsunabhängiges Rollenspiel

Die alltagstypische Rollenverteilung könnte nur dann als unproblematisch gelten, wenn sie lediglich ein vorübergehendes Rollenspiel wäre, bei dem Mann und Frau so wie alle weiteren Genderidentitäten jeweils nach Wunsch die Rolle der Lady oder des Gentleman spielen dürften. Solange sie einen ungeschriebenen Verhaltenskodex der Norm darstellt, ist sie äußerst problematisch:  Sie degradiert die Frau zu einem unfähigen, unmündigen, dummen Wesen, dass allein nicht überlebensfähig ist.


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