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17. August 2017 | Autor: Jennifer Gregorian

Philosophisch-politischer Diskurs zur Freikörperkultur

„Ich selbst fühle mich unbekleidet nicht nackt, sondern lediglich ohne Kleidung“

Gespräch mit Mag. Ulrich Thomas Wolfstädter über anständige und unanständige Körperteile, Menschsein, Sexualität, Toleranz, Diskriminierung, Selbstverleugnung, politische Systeme uvm.

Mag. Ulrich Thomas Wolfstädter / Foto: SpIn
Mag. Ulrich Thomas Wolfstädter / Foto: SpIn

Mag. Ulrich Thomas Wolfstädter aus Freiburg, ist ein leidenschaftlicher Anhänger der Freikörperkultur (FKK). Der Lehrer für Philosophie/Ethik und Latein belässt es aber nicht beim genießen der Natur ohne Bekleidung: Er analysiert das Thema aus einer philosophischen Perspektive und stellt es erstmalig in einen allgemein gesellschaftlichen Kontext. Dabei stößt er auf einen grundlegenden Widerspruch, der sich durch die gesamte Menschheit zieht ... 

SpIn: Wie Sind Sie zur Freikörperkultur gekommen?

UW: Ich habe für mich entdeckt, dass es zur Freiheit dazugehört, so sein zu dürfen wie man ist – was das Nacktsein doch geradezu unterstützt. Obwohl in meiner Familie und meinem direkten Umfeld die Freikörperkultur nicht präsent war, brach dieser Freiheitsdrang irgendwann dennoch bei mir durch. Eine große Hilfe und Möglichkeit war der Sportbund Sonnland e.V. in Freiburg.

SpIn: Sie sprechen nicht von „Nacktsein“, sondern von „Unbekleidetsein“. Weshalb?

UW: In unserer Gesellschaft begreift man das Nacktsein als einen Mangel an etwas. In aller Regel bei fehlender, die Schamteile verdeckender, Kleidung. Damit verbunden sind Gefühle wie Scham, Blöße und Hilflosigkeit oder gar Angst. Bei genauerer Betrachtung aber lässt sich dies alles auf Konventionen unserer Sozialisation zurückführen, die diese Gefühle zu Unrecht hervorrufen Deshalb spreche ich in meinen Essays lieber von Unbekleidetsein, um der negativen Konnotation des Begriffs „nackt“ positiv zu begegnen. Ich selbst fühle mich jedenfalls unbekleidet nicht nackt, sondern lediglich ohne Kleidung – und somit frei. Davon abgesehen habe ich nichts gegen den Begriff als solchen.


„Ein Gefühl der Freiheit stellt sich erst mit dem Recht ein, eine Handlung in der Öffentlichkeit ausüben zu dürfen.“

SpIn: Andere genießen einfach die Freiheit des Unbekleidetseins in der Natur. Sie machen sich da allerdings viele Gedanken, auch sehr gesellschaftskritische...

UW: Wenn man tatsächlich ungezwungen nackt bzw. unbekleidet sein dürfte, bräuchte ich mir diesbezüglich keine gesellschaftskritischen Gedanken zu machen. Außerdem beschränkt sich die genannte „Freiheit in der Natur“ in aller Regel auf Seen oder auf wenige ausgewiesene Nacktwanderwege. Das ist unzureichend. Denn ein Gefühl der Freiheit stellt sich erst mit dem Recht ein, eine Handlung  in der Öffentlichkeit insgesamt und im Allgemeinen ausüben zu dürfen.

SpIn: Sie möchten also, dass man grundsätzlich unbekleidet sein dürfen sollte?

UW: Natürlich! Denn es ist nicht einsehbar, Menschen diese Freiheit abzusprechen. Bis in die Siebziger  galt es für Mädchen und Frauen z. B. noch als „unanständig“, keinen Badeanzug zu tragen. Heute nimmt keiner mehr Anstoß an einem Bikini. Auch „oben ohne“ ist oft gängige Praxis. Es ist doch eigentlich heute gleichermaßen verquer, das Nacktbaden zu verbieten.

SpIn: Wo sollte man nackt sein dürfen? Wo sind Ausnahmen notwendig?

UW: Im Allgemeinen überall dort, wo das Unbekleidetsein die Freiheit anderer nicht eingeschränkt. Eingeschränkt wird sie beispielsweise, wenn das erforderliche Maß an Hygiene oder Distanz nicht gewahrt werden kann. Dies ist beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln oder sonstigen Orten mit geringer körperlicher Distanz der Fall. Kleidung hat dort eine Schutzfunktion.
Im Besonderen müsste das der Grundstückseigentümer, der Ladenbesitzer, etc. selbst regeln. Nicht anders wie das mit anderen allgemein tolerierten Dingen auch gehandhabt wird, wenn sie aus berechtigten Gründen nicht willkommen sind oder deplatziert erscheinen.
Außerdem steht die Freikörperkultur ja nicht dafür, immer und unbedingt unbekleidet sein zu wollen oder zu müssen. Es geht um die grundsätzliche Freiheit, nackt sein zu können und zu dürfen, wenn es die Umstände zulassen bzw. die Bedingungen dafür geeignet erscheinen.

SpIn: Haben Sie den Eindruck, die Menschen verleugnen sich selbst?

UW: Dieser Eindruck drängt sich geradezu auf: Wenn man sich für sich selbst schämt – in unserem Fall für seine leibliche Erscheinung (insgesamt oder nur für seine Geschlechtsteile) – sie bzw. sich in jeder Situation und zwanghaft verbirgt, dann kann man schon von einer Selbstentfremdung oder Verleugnung seiner selbst sprechen.

SpIn: In einem Essay beschreiben Sie den Zusammenhang zwischen FKK und Toleranz ...

UW: Tolerant sein heißt, etwas zu ertragen oder gar zu erleiden, was mir selbst vielleicht nicht vorschwebt, mir aber auch nicht schadet, wenn ich damit konfrontiert werde. Das ist bei unbekleideten Menschen unbedingt der Fall. Wenngleich ausgerechnet hier die Toleranz als Wert unserer Gesellschaft keine eigentliche Einforderung erfährt. Ich glaube, dass dieser Umstand auf die Selbstentfremdung bzw. Selbstverleugnung zurückzuführen ist. Als Philosoph sehe ich hier die höchste Diskriminierungsform, die es geben kann: die gegen die Kreatürlichkeit des Menschen – im leiblichen wie im geistig-freiheitlichen Sinn.

SpIn: Werden FKKler tatsächlich so sehr diskriminiert?

UW: Die Diskriminierung von Menschen, die im Grunde kein Problem mit sich selbst haben und gerne in der Öffentlichkeit ungezwungen unbekleidet sein wollen, ist so selbstverständlich in unserer Gesellschaft, dass sie gar nicht auffällt oder hinterfragt wird. Obwohles für FKKler bzw. fürs Nacktsein nur streng zugewiesene Gebiete gibt. Diese Gebiete sind in der Regel Seeabschnitte, Vereinsgeländen, Saunen, oder offizielle Nacktwanderwege. In zeitlicher Hinsicht findet man auch Möglichkeiten in Schwimmbädern, die zu bestimmten Zeiten textilfreies Schwimmen anbieten.
Ganz ehrlich und sachlich: Wo ist hier der Unterschied zu den bekannten Diskriminierungsformen von Menschen anderer Randgruppen – geschichtlich wie aktuell? Es ist ein merkwürdiges gesellschaftliches Phänomen, dies nicht als Diskriminierung wahrzunehmen! Grundsätzlich gesprochen sollte es doch jedem und jeder möglich sein, in der Öffentlichkeit so zu sein und zu erscheinen, wie er oder sie ist oder für sich für richtig hält.

 

SpIn: Diese Diskriminierung, von der Sie sprechen, richtet sich also gegen das eigene Selbst und die Menschheit im Allgemeinen. Im Speziellen richtet sie sich gegen die Menschen, die den gesellschaftlichen Bekleidungszwang nicht mitmachen wollen. Ist das so richtig?

UW: Ja. Bei dieser Einsicht befinden wir uns auf philosophischer Ebene. Auf diese gehe ich in meinen FKK-Essays ausführlich ein. Hier möchte ich zur Verdeutlichung, dass es sich um eine Diskriminierungsform handelt, sagen: Eine Diskriminierung liegt auch vor, wenn die Gewissensbetätigungsfreiheit (Artikel 4 Grundgesetz) von Menschengruppen verhindert oder erschwert wird. Meines Erachtens müsste somit das Nacktsein grundsätzlich unter den Schutz der Europäischen Menschenrechtskonvention als Weltanschauung/Überzeugung fallen.

SpIn: Haben Sie selbst Diskriminierung erlebt?

UW: Das ist leider unvermeidlich. Es ist ja nicht so, dass ich ohne verheerende Konsequenzen fürchten zu müssen, einfach nackt in der Öffentlichkeit sein kann oder darf. Allein schon die Bekanntgabe, FKKler zu sein, führt oft zu despektierlichem oder gar zu ausgrenzendem Verhalten mir gegenüber.

SpIn: Der FKK hängt schon immer etwas Anrüchiges an. Weshalb? Wie kommt es dazu?

UW: Das Nacktsein in der Öffentlichkeit wird innerhalb unserer gewohnten Konventionen fast ausschließlich mit Sex in Verbindung gebracht. Es liegt auf der Hand, dass wir darauf getrimmt sind, durch Nacktheit sexuell stimuliert zu werden. Letztlich ist dies aber ein konditionierter Vorgang und ein vermeintlicher Glaube. Besonders auch dadurch, dass wir das Nacktsein mit exponierten Geschlechtsteilen in Verbindung bringen. Diesen Sachverhalt nutzt die Sexindustrie freilich für sich und verstärkt es dadurch.

Eine häufige Reaktion auf Ihren Essay „Sexualität in der Freikörperkultur“ war die Frage, ob das sexuelle Interesse nicht verschwinden würde, wenn ständig alle nackt wären ...

UW: Das ist Unsinn! Zum einen kann gezielte textile Bedeckung einen noch größeren erotisierenden Effekt haben als gänzliches Unbekleidetsein. Ich habe aber noch nicht feststellen können, dass dies zu verminderten sexuellem Interesse führt, weil das in unserer Gesellschaft öffentlich Gang und Gäbe ist. Zum anderen degradiert diese Ansicht meine Mitmenschen zu Sexobjekten, wenn die kreatürliche Leiblichkeit zur Aufsparung oder Maximierung sexuellen Verlangens missdeutet und reduziert wird. Vielmehr sind und sollten über das Nacktsein hinaus auch andere Faktoren für das sexuelle Verlangen ausschlaggebend sein!

SpIn: Welches sind das für Faktoren?

UW: Wie es Eckhard Arcypowski in seinem Kommentar zum Essay „Sexualität in der Freikörperkultur“ schön ausdrückt, können wir „lernen, nicht zwischen anständigen und unanständigen Körperteilen zu unterscheiden. Wir können immer Neues in und an unseren Körpern entdecken“. Zumal sich sexuelle Begierde nicht mit dem bloßen Anblick Nackter erschöpft. Es ist doch auch das „Haben wollen“, das „Erobern“, die Sehnsucht nach und die Vertrautheit mit einer Person, die man begehrt oder liebt.

SpIn: Sie beschreiben in demselben Essay, wie sich aufgrund dessen ein gegenläufiger Trend innerhalb der Freikörperkultur etabliert hat ...

UW: Die Freikörperkultur ist asexuell. Während das Nacktsein, wie oben gesagt, in der öffentlichen Wahrnehmung sexualisiert wird. Daraus folgt der nachvollziehbare Fehler in der Freikörperkultur, alles Sexuelle strikt von sich zu weisen und zu tabuisieren, um auf gesellschaftlicher Ebene nicht negativ aufzufallen. In der Freikörperkultur ist das Nacktsein also selbstverständlich, die Sexualität wiederum ein Tabuthema. Man sollte dabei aber bedenken, dass eine sexuelle Regung nicht unbedingt vermieden und in der Freikörperkultur nicht unbedingt visuell verborgen werden kann. Deshalb sollten wir zwischen dem Menschen als sexuelles Wesen und der Freikörperkultur als asexuelle Lebensart differenzieren.

SpIn: Werden Menschen zu stark sexualisiert?

UW: Vor dem Hintergrund des Gesagten – notwendig leider ja. Der Mensch hat es geschafft, sich selbst zum (Sex)Objekt zu degradieren, indem er anstelle des gegenseitigen Respekts und der Gewährung der Freiheit des Einzelnen, die Kreatürlichkeit des Menschen nicht toleriert, sondern für sexuell motivierte Bestrebungen instrumentalisiert – oder ablehnt, wenn die Ästhetik nicht dem persönlichen Geschmack oder dem vorherrschenden Schönheitsideal entspricht.

SpIn: Würde sich das ändern, wenn die Menschen sich selbst akzeptieren würden?

UW: Dann wäre der §1, Artikel 1 unseres Grundgesetzes das erste Mal kein Lippenbekenntnis mehr! Denn wenn der Mensch sich nicht mehr für sich selbst infrage stellt und damit diskriminiert, wird die Menschenwürde tatsächlich gelebt.

 

SpIn: Ist also die Nichtakzeptanz des eigenen Selbst die Wurzel allen Übels?

UW: Ganz kurz: Ich glaube ja. In meinen FKK-Essays finden sich einige Gedanken zu dieser These.

SpIn: Sehen Sie einen Einfluss von Religion auf die Scham bezüglich des Körpers?

Dazu kann ich nichts Fundiertes sagen. Grundsätzlich fällt aber auf, dass sich religiöse Menschen oft schwer mit der Nacktheit tun. Auf logischer Ebene lässt sich das nicht nachvollziehen. Denn warum sollte man sich im Gottvertrauen für sich selbst schämen. Schließlich wurde man von Gott erschaffen. Sollte es so gesehen nicht selbstverständlich sein, so zu sein wie man ist? Natürlich können wir auch mal unzufrieden sein mit unserem Körper. Aber darum geht es hier ja nicht.
Jedenfalls ist es ein interessantes Thema, mit dem es sich auseinanderzusetzen lohnt. Interessant für mich wäre dabei die Frage, inwieweit die Religionen den Umgang mit der Nacktheit gesamtgesellschaftlich prägen und beeinflussen.

SpIn: Hat auch die Schönheitsindustrie einen Anteil daran, dass normale Menschen mit Falten und Macken nicht gerne unbekleidet sind?

UW: Sicherlich. Aufklärung ist deshalb für die Psychohygiene äußerst wichtig: Eine Pflicht, schön zu sein, lässt sich ethisch nicht begründen, ein Recht, nicht schön zu sein, hingegen durchaus. Allgegenwärtige (und selbstschützende) Sprüche wie „Wer will denn so etwas sehen?!“ sind hochgradig verachtend. Jedem sollte es selbst überlassen bleiben, ob er oder sie ein Problem mit sich hat oder nicht.

SpIn: Was ist wann für wen schön und was nicht?

UW: Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Ich möchte hier aber nochmal darauf hinweisen, dass man aus ästhetischen Gründen niemandem das Recht auf Nacktsein verwehren sollte bzw. dies ethisch begründet gar nicht kann. Zumal auch Bekleidung nicht unbedingt vor Unansehnlichem schützt. Und in letzter Konsequenz müsste man mit der Ansicht, man hätte ein Recht darauf, andere aus ästhetischen Gründen nicht nackt sehen zu müssen, auch manchen Menschen zwingen, ihr Gesicht oder andere Körperregionen in der Öffentlichkeit zu verbergen…

SpIn: Sie haben auch einen Zusammenhang zwischen der FKK und politischen Systemen herausgearbeitet ...

UW: Ja, in meinem Essay „Was ist FKK?“ zeige ich auf, dass die Achtung vor sich selbst das kollektive Selbstbewusstsein im Volk stärke. In der ehemaligen DDR hatten wir ein solches Beispiel. Ich zeige dabei aber keinen Zusammenhang zwischen FKK und Staatssystemen auf, sondern vielmehr die Gründe einer erfolgreichen und als selbstverständlich wahrgenommenen Unterdrückung des eigentlichen Menschenrechts auf Nacktsein. Am Beispiel der DDR lässt sich gut nachvollziehen, weshalb das Nacktsein in der Öffentlichkeit eine Eigendynamik erreichte.

SpIn: Es war ein Ventil gegen die vielen Zwänge. Diese sind in der Form in der BRD nicht vorhanden. Hier hat sich FKK auch nicht so sehr etabliert. Heißt das, die Menschen ertragen den Zwang des Verbergens der Körperlichkeit besser, wenn sie andere Freiheiten genießen? Oder umgekehrt, der Wunsch frei von Bekleidung zu sein, ist in Diktaturen prägnanter (ausgenommen den islamistischen)?

UW: Ja. Der Druck, vorhandene Missstände aufzudecken und zu beseitigen oder gar zu erkennen ist geringer, wenn die Rahmenbedingungen für ein gutes Leben grundsätzlich gegeben sind. Weshalb sollte man auch Energien mobilisieren, wenn es einem gut geht? Aber ich behaupte nicht, dass sich in Diktaturen zwangsläufig und in erster Linie der Wunsch einstellt, frei von Bekleidung zu sein. In der DDR war das aufgrund besonderer Umstände der Fall, die ich in meinem Essay „Was ist FKK?“ beschreibe. In aller Regel werden in einem aufständigen Volk zunächst andere Missstände beseitigt, bevor es an den Bekleidungszwang geht.

SpIn: Sie plädieren für mehr Akzeptanz der FKK? Heißt das, dass Menschen, die sich aus religiösen, kulturellen, psychischen oder sonstigen Gründen ohne Bekleidung nicht wohlfühlen, unter Druck gesetzt werden?

UW: Keinesfalls. FKKler wollen ja nicht – ebenso wenig wie z. B. Homosexuelle Menschen – ihre Lebensweise anderen aufzwingen. Sie wollen lediglich, dass ihre Lebensweise respektiert und toleriert wird. Auf philosophisch-ethischer Ebene sehe ich zudem keinen Grund für eine falsche Rücksichtnahme permanenten Textilträgern gegenüber. Denn die oft geäußerte Meinung beispielsweise – und leider gängige Lebenspraxis –, man solle bzw. wolle aus Respekt vor anderen nicht unbekleidet in der Öffentlichkeit sein, resultiert vielmehr aus der sozialisierten Gewohnheit als aus echtem Respekt. Respekt und Akzeptanz muss also von allen Menschen geübt werden. Wer nicht nackt sein will, aus welchen Gründen auch immer, muss das ja nicht sein. Anderen die Freiheit dazu zu nehmen, ist hingegen nicht richtig.


SpIn: Wie sollte man damit umgehen, wenn sich andere durch unbekleidete Menschen unbehaglich oder gar belästigt fühlen?

UW: Hier sehe ich nur die Regel der „Nulltoleranz gegen Intoleranz“ als eine adäquate Lösung. Das meine ich nicht polemisch, sondern ganz sachlich. Denn das Problem sind ja eigentlich nicht die unbekleideten Menschen. Und zwar genauso wenig wie andere diskriminierte Randgruppen der Gesellschaft. Deshalb sollte die Freikörperkultur ihr hohes emanzipatorisches Potential vermehrt ausschöpfen und verstärkt auf Information und Aufklärung setzen. Denn was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht... Zudem will ich anbringen, dass hier die Diskriminierung von Nackten nicht erkannt wird. Denn wenn ich die Frage in Bezug auf Homosexuelle oder Menschen anderer Hautfarbe gestellt bekommen hätte, hätte sie eine ganz andere Qualität.

SpIn: Das sind auch unterschiedliche Dinge, bzw. Diskriminierungsformen: Die gegen Nackte richtet sich im Prinzip gegen alle Menschen, die gegen Homosexuelle etc. gegen bestimmte Gruppen. Oder meinen Sie nur die Menschen, die sich für die Akzeptanz des Nacktseins einsetzen?

UW: Ja. Dass es sich um eine Diskriminierungsform gegen die Menschheit richtet, findet sich auf der philosophischen Ebene. In der gelebten gesellschaftlichen Praxis kann man davon absehen und auf die Diskriminierung von FKKlern hinweisen. So gesehen ist die Diskriminierung Nackter auch eine Diskriminierung gegen eine Gruppe bzw. eine Minderheit.

SpIn: Welche Entwicklung in Sachen Akzeptanz des Nacktseins in der Öffentlichkeit sehen Sie in der Zukunft?

UW: Das kann ich nicht einschätzen. Die Vorurteile und die unhinterfragte Ablehnung der Freikörperkultur auf gesellschaftlicher Ebene scheinen tief verankert zu sein. Es müsste sich eine öffentliche Diskussion entwickeln, um die FKK aus der Tabuzone zu holen. Wäre eine solche einmal in Gang gesetzt, ließe sich sicherlich ein Trend ausfindig machen. Letztlich müssten aber einfach mehr Menschen in der Öffentlichkeit nackt sein. Dann würde sich ganz schnell herausstellen, dass eigentlich gar nichts dabei ist.

SpIn: Gibt es Menschen, die den Diskurs bereits führen und Ihre Ansichten teilen?

UW: Sicher. Z. B. der Deutsche Verband für Freikörperkultur (DFK). Aber leider erfährt dieses Thema auf breiter Ebene in den Medien kaum bis gar keine Beachtung. Es wäre an der Zeit, dass eine öffentliche Diskussion zur Freikörperkultur angestoßen wird. Aufklärung tut jedenfalls Not!

SpIn: Und welche Entwicklung wünschen Sie sich?

UW: Dass das Nacktsein als etwas zum Menschsein Dazugehörendes und Selbstverständliches empfunden wird. Mitsamt der Konsequenz daraus: Nacktsein ist ein Menschenrecht!

SpIn: Wie würde eine Welt aussehen, in welcher Menschen sich nicht wegen ihres Körpers schämen würden, bzw. anderen die Freiheit ließen, es nicht zu müssen?

UW: Wenn wir uns nicht für uns selbst schämen und in Frage stellen, fällt es uns mit Sicherheit auch leichter, andere Menschen nicht wegen ihrer Hautfarbe, ihrer kulturellen Herkunft, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Lebensweise, etc. zu diskriminieren. Die grundlegenden Werte Freiheit, Respekt und Toleranz hätten ein Fundament, auf dem sie zur gefühlten Wirklichkeit werden könnten. Nacktheit ist somit nur vermeintlich ein belangloses Thema. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sie sich als ein probates Thema und Mittel, um für viele Probleme in der Welt eine adäquate Lösung zu finden.

SpIn: Dann wäre es ja eine politische Aktion, unbekleidet in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Z. B. an einem Nicht-FKK-Strand oder in einem Park?

UW: Ja. Aber nicht, wenn es provozierend geschieht. Eine organisierte und angemeldete Kundgebung wäre sicher in Ordnung. Auch einfaches unbekleidetes Spazierengehen Einzelner hätte sicher eine positive Wirkung, die zeigt, dass es eigentlich nichts Verwerfliches ist.

SpIn: Sie planen ein Buch über Freikörperkultur?

UW: Ja und nein. Eher eine philosophische Abhandlung. Denn es ist in der Philosophiegeschichte unübersehbar, dass das Nacktsein schlichtweg ignoriert bzw. nicht für wert befunden wurde, in der Philosophie eine entscheidende Rolle zu spielen. Ich bin dran…

SpIn: Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg! Bleiben Sie kritisch!


Das Gespräch führte Jennifer Gregorian, Herausgeberin und Chefredakteurin von Spezialinfo