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01. Januar 2017 | Autor: Jacky Alien the Strande

Das nackte Antlitz der Frau

Geschminkt oder nicht geschminkt? Das ist hier die Frage. / Bloggerin Jacky stößt auf merkwürdige Gepflogenheiten bei Frauen. Als sie sich in einem Frauen-Forum anmeldet, wird sie als ungepflegt, verwahrlost und sogar als psychisch krank beschimpft. Nach ihren Recherchen bleiben immer noch Fragen offen.

omg_© studiostoks - Fotolia.com
omg_© studiostoks - Fotolia.com

Sommer 2016, in Berlin: Die Kanzlerin gibt sich publikumsnah. Bei ihrem Rundgang durch das Kanzleramt können ihre Fans auf Tuchfühlung gehen und Selfies mit ihr machen. "Das Make-up von Frau Merkel sitzt.", bemerkt eine Dame mittleren Alters mit einer circa drei Zentimeter dicken, hellbraunen Kleisterschicht im Gesicht. Tatsächlich, das Make-up der Kanzlerin sitzt wie eine zweite Haut. Nur wenn sie lächelt, bekommt es leichte Risse. Wäre sie oben ohne unterwegs, hätte das Schlagzeilen gegeben.

Oktober 2016, ich bin auf Wohnungssuche. Auf dem Weg von der Arbeit sehe ich an einer Reihe Genossenschaftshäusern das Schild "Zu Vermieten". Darunter steht eine Telefonnummer. Ich rufe an. "Die Dame, die für den Komplex zuständig ist, ist nicht mehr im Haus. Rufen Sie morgen nochmal an. Ich gebe Ihnen mal ihre direkte Durchwahl. Haben sie was zum Scheiben?" Ich krame in meiner Handtasche. Darin befindet sich nur das Portemonnaie; das Handy habe ich bereits in der Hand. "Nein, nichts dabei.", teile ich der freundlichen Dame mit. "Kein Kajal, Eyliner oder Lippenstift?", will sie wissen. "Nein, nichts davon.", entgegnete ich. "Sind sie ohne nichts aus dem Haus gegangen?", fragt sie daraufhin völlig erstaunt. "Nun ja, ich habe schon was an." Wir lachen beide. Ich finde den Dialog sehr amüsant. Doch im Nachhinein stellte ich mir immer wieder die Frage, ob es denn wirklich so ungewöhnlich sei, wenn eine Frau ungeschminkt und ohne Schminkutensilien aus dem Haus geht.

Schminken als kunstvoller Ausdruck

"Das sieht aber unnatürlich aus", dementiert ein Bekannter das Kunstwerk in meinem Gesicht. Ich habe die Augen schwarz umrandet und auf der rechten Seite die Augenbrauen in ein Tribal integriert. "Das soll es auch.", antworte ich. Für mich ist es glasklar: Schminken ist ein kunstvolle Ausdruck und als solcher, ist es eine künstliche Angelegenheit. Wenn ich natürlich wirken möchte, Schminke ich mich nicht. Ich sollte aber bald erfahren, dass die Mehrheit die Sache anders sieht. 

 

Natural Look

Frauen Schminken sich, wenn sie ungeschminkt aussehen wollen. Und das ist meistens der Fall: bei der Arbeit, im Fitnessstudio, beim Einkaufen, wenn sie den Müll raus bringen, ... immer. Zumindest die meisten tun das. Aber warum? Warum schminkt man sich, um ungeschminkt zu wirken? Ich sehe im Internet nach und finde zuhauf Blogs mit Anleitungen für den "Natural Look". 

Nun will ich es aber genau wissen: Ich melde mich in einem Frauen-Forum an und eröffne einen Thread mit der Frage: „Was ist eure tägliche Stylingroutine" Es ist nicht zu fassen: Die meisten Damen stehen rund zwei Stunden früher auf, um sich schick zu machen. Das Schminkzeug begleitet sie zur Arbeit, wo sie den Look immer wieder nachbessern können. Viele berichten sogar von Extensions, aufgeklebten Fingernägeln und künstlichen Wimpern. Ohne würden sie sich nackt fühlen.

Ungepflegt, dreckig, verwahrlost

Neben dem Beauty-Style gibt es auch noch eine Reihe von sogenannten Pflegeprozeduren. Das sind z. B. Cremes für die Nacht, Anti-Aging-Cremes, Feuchtigkeitscremes, Hautreinigungscremes und Abschminkcremes. Da steckt eine ganze Wissenschaft dahinter. Die Frauen kennen sich in dem hoch komplexen Bereich aber bestens aus und diskutieren eifrig, der Thread wächst jeden Tag. 

Dann wollen sie wissen, was ich so alles anwende, um für die Männerwelt dekorativ auszusehen. „Ich wasche mich mit Wasser und circa einmal die Woche mit Kernseife.“, schreibe ich. Daraufhin ergießt sich ein Shitstorm über mir. Ich werde als "ungepflegt", "dreckig" und "verwarlost" beschimpft. „Ist ja ekelhaft!!! Wie kann man nur so leben?“, schreibt eine Userin. „Ich nehme meine Kollegin immer mit dem Auto mit. Dich würde ich da aber nie einsteigen lassen. Den Gestank kriegt man nie wieder raus.“, meint eine weitere Dame. „Da hast Du recht.“, bekräftigt eine Mitdiskutantin. „Einmal wollte sich so eine in der Bahn neben mich setzen. Ich habe ihr höflich gesagt, dass ich das nicht möchte, weil sie streng riechen würde." Drei Damen wollen wissen, weshalb ich meine „Weiblichkeit ablehne“. Schließlich beschimpft mich die eine als "Frauenhasserin". Eine andere fragt mich, weshalb ich mich so vernachlässigen würde und ob ich denn gar kein Selbstwertgefühl hätte. Andere schließen sich der Frage an. Sie spekulieren weiter und verorten mein diagnostiziertes schwaches Selbstwertgefühl in schlechten Erfahrungen in der Kindheit. Einige vermuten sogar Missbrauch. Sie prophezeien mir, auf diese Weise nie einen Job, geschweige denn einen Mann zu finden. Ich bekomme persönliche Nachrichten mit Adressen von Therapeuten. 

Immerhin stellen sich zwei Diskutantinnen auf meine Seite. „Ich weiß nicht, warum ihr Euch so aufregt, es kann doch auch schön sein, wenn eine Frau natürlich ist. Letzten Sommer war ich bei meinen Schwiegereltern auf dem Bauernhof und da habe ich mich auch nicht zurecht gemacht. Nur eine Nivea-Creme, Labello und etwas Eyliner und Wimperntusche. Dazu muss ich sagen, dass ich sehr helle Wimpern habe, die man gar nicht sieht. Wenn ich zu Hause bin und jeden Tag zur Arbeit fahre, trage ich dunkle künstliche Wimpern." Die andere meinte, ich sei eine niedliche Version der Heidi von der Alm.

Die Forumteilnehmerinnen sehen mich also als verwahrloste, stinkende, einsame und arbeitslose graue Maus, die ihre "Weiblichkeit" ablehnt und einem Hau weg hat, weil sie wahrscheinlich in der Kindheit missbraucht wurde. Und wieso? Die einzigen Infos die sie von mir haben sind, dass ich mich nur gelegentlich (etwa einmal im halben Jahr) zu besonderen Anlässen schminke und überwiegend Outdoorklamotten trage. Zudem hatte ich die Frage aufgeworfen, was denn nun "Weiblichkeit" sei. 

Machen wir mal einen Exkurs in die Wirklichkeit: Ich hatte eine normale, unbeschwerte Kindheit, bin berufstätig, habe viele Freunde (der Beziehungsstatus ist gerade kompliziert) und die meisten, die mich kennen, halten mich für hübsch. Ich habe schwarze lange Locken, braune Augen und eine sportliche Figur. Ich bin sehr wohl gepflegt und verwahrlost trifft auch nicht auf mich zu: Ich bin sogar sehr ordentlich. 

Nach dieser mehrtägigen virtuellen Diskussion bin ich darüber entsetzt, was Frauen mit ihren ungeschminkte und nicht eingecremten Schwestern verbinden. Bislang habe ich gedacht: Schminken oder nicht Schminken seien einfach Optionen, die keine weitere Bedeutung hätten. Weit gefehlt! 

Frauenzeitschriften, Fernsehsendungen und Werbung

Im Fernsehen, im Internet sowie in sämtlichen Zeitschriften, werden Frauen dazu angehalten, sich zu stylen und erhalten Tipps, wie sich am besten für die Männerwelt zurecht machen. Wenn man nach den Medien geht, braucht eine Frau ein riesiges Schminkset, zuzüglich eines umfassenden Sortiments an Pflegeprodukten. Bestimmt spielt da auch der Umsatz eine Rolle. Aber nicht nur, da bin ich mir sicher. Die Frau soll auch abgelenkt werden, z. B. von wichtigen Problemen wie der Lohnungleichheit oder der "gläsernen Decke". Zudem soll sie sich für den Mann zum Objekt machen.

Geschminkte Männer / Als Anton im Männerforum

Mir ist bewusst, dass Männer nicht die Freiheit genießen, sich nach Belieben zu schminken und zu stylen. Gleichzeitig unterliegen sie auch nicht dem Zwang, sich mehrmals täglich einzuschmieren und anzumalen. Aber ich will es genau wissen und melde mich als "Anton" in einem Männerforum an. „Wie pflegt ihr euch? Gibt es Gelegenheiten, zu welchen ihr Euch schminkt?" Die meisten nehmen es mit Humor, sie halten meinen Thread für einen Scherz. Einige beschimpfen mich aber, u. a. als "Schwuchtel" oder "schwule Sau". Die Diskussion kommt nicht ins Rollen. Nur einer faselt was von Rasierwasser.


Geschminkte Männer und Frauen - Wie sieht die Realität aus?

Ich beginne, mehr auf meine Umgebung zu achten und die Menschen zu beobachten. Dabei fallen mir doch recht viele ungeschminkte Damen auf. Bei einigen wenigen Herren, habe ich den Eindruck, dass sie Augen und Lippen leicht, quasi unmerklich, betonen. Ansonsten sind sie in der Regel ungeschminkt, bis auf Politiker bei Fernsehauftritten und Schauspieler. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Eine, zum Teil sehr kunstvoll-ästhetische, Ausnahme stellen Gothics und Punks dar. Da sind die Männer oft sehr auffällig geschminkt. Also so in der Art, wie ich, wenn ich zu einer Motto-Party gehe. Ihnen geht es auch um den künstlerischen Ausdruck, nicht um das Verbergen. 

Eine Freundin bestätigt meine letzte Beobachtung. Was die vielen angeblich  ungeschminkten Frauen anbelangt, belehrt sie mich aber eines Besseren: „Die sind geschminkt, du siehst es nur nicht." Dann lädt sie die Freundin eines Arbeitskollegen ein. Wir ziehen zu dritt durch die Stadt und kehren auch in sämtliche Lokale ein. Das nette Beisammensein hat aber einen Hintergrund: Alissa ist Visagistin und sie sagt mir stets, ob ich mit meiner Einschätzung richtig oder falsch liege. Sie hat nämlich einen Blick dafür, ob jemand geschminkt ist. In der Tat liege ich meistens falsch. Wir haben an dem Abend auch keine einzige ungeschminkte Frau gesehen (nicht einmal eine Omi) und nur einen geschminkt Mann. Aber es gibt sie, diese ominösen Frauen, mit dem nackten Antlitz, bestätigt mir Alissa, die auch nie ungeschminkt das Haus verlässt.

Eines ist klar: Ungeschminkte Frauen machen Angst. Nun beschäftigen mich noch drei Fragen: Wie ist es möglich, sich so zu Schminken, als sei man ungeschminkt? 2. Warum macht Frau das? 3. Wieso erregt eine ungeschminkte Frau so ein heftiges Unbehagen?

1. Ist eine Technik, die man erlernen kann. Aber 2. und 3. bleiben mir weiterhin schleierhaft. Vielleicht wisst ihr die Antwort. Dann schreibt sie in die Kommentare.