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25. Juni 2017 | Autor: Jennifer Gregorian

„Die Rechtsextremen können stolz sein auf ihr Land“

Erstes Magazin von und für Flüchtlinge sowie für Deutsche im deutschsprachigen Raum - Gespräch mit dem Herausgeber Hussam al Zahar

„Mit Respekt und offenen Diskussionen kann man alles schaffen!“ - Das Magazin „Flüchtling“, eine Plattform zum Austausch und zur Kommunikation zwischen Flüchtlingen und Deutschen, soll einen Beitrag zur Integration leisten. 

Flüchtling-Magazin
Flüchtling-Magazin

Hussam al Zahar stammt aus dem „Land mit dem Duft der Jasminblüte“. Nun liegt es in Trümmern, umhüllt vom Duft der Zerstörung und des Todes. Gemeinsam mit seinem Bruder hat er den großen Schritt gewagt und Syrien verlassen. Nun sind die beiden seit eineinhalb Jahren in Deutschland, als subsidiär Schutzberechtigte. Kürzlich haben sie einen zweijährigen Aufschub erhalten. Die Zukunft bleibt jedoch ungewiss. Sie haben alles verloren: Heimat, Arbeit, Freunde, Sicherheit, … das normale Leben. Für Hussam al Zahar ist das alles kein Grund zur Verzweiflung. In Damaskus arbeitete er als Journalist bei der Wochenzeitung “Aldabur”. Wieso also nicht auch in Deutschland? Am 14.2.2017 war es dann soweit: „Flüchtling – Magazin für multikulturellen Austausch“ ging online, auch auf Youtube. Bei diesem ehrenamtlichen Projekt wird al Zahar von einem engagierten Team, das ebenfalls aus Flüchtlingen besteht, sowie gelegentlich von Freunden unterstützt. Das Besondere an dem Magazin: Es ist auf Deutsch. Dabei hat der Herausgeber erst kurz nach seiner Ankunft in Deutschland die Sprache gelernt – und zwar nicht nur schnell, sondern auch gut. Er spricht noch nicht wie ein Einheimischer (wobei viele davon ihre Muttersprache gar nicht beherrschen), ist aber stets bemüht, sich zu verbessern, denn „Sprache ist der erste Schritt zur Integration.“ 


Bei „Flüchtling“ kommen Geflohene aus aller Welt zu Wort und erzählen ihre Geschichte. Das Magazin berichtet darüber hinaus über Projekte von und für Flüchtlinge. al Zahar hat damit eine Plattform zum kulturellen Austausch und zur Integration geschaffen. Dabei liegt ihm die Kommunikation zwischen Flüchtlingen und Deutschen sehr am Herzen. Er möchte Barrieren abbauen. Im Folgenden spricht er (HaZ) mit Spezialinfo (SpIn) über sein Projekt und seine Ziele sowie über den Umgang mit Rechtsextremismus und Islamismus.   

Hussam al Zahar, Herausgeber des Flüchtling-Magazins
Hussam al Zahar, Herausgeber des Flüchtling-Magazins

SpIn: Wie sind Sie auf die Idee gekommen ein Magazin von und für Flüchtlinge und für Deutsche zu gründen?

HaZ: Die Idee kam, weil wir als Geflüchtete für und mit den Deutschen reden und schreiben möchten. Leider gibt es bis jetzt eine Wand zwischen einem Teil der Deutschen und der Geflüchteten.Wir möchten gemeinsam die Wand abbauen.  Dazu müssen wir immer miteinander diskutieren, wie wir miteinander leben können. Wir sind Menschen, die ein Lösung finden können.

SpIn: Sie sind selbst Flüchtling ...

HaZ: Mein Bruder und ich sind Geflüchtete. Wir wissen, wie Geflüchtete leben, wie Geflüchtete denken, was unsere Probleme sind. Das größte Problem ist aktuell die Einsamkeit. Die Mehrheit der Geflüchteten fühlt sich einsam. Was können wir machen, was möchten wir machen, wie können wir Freunde finden?

SpIn: Ist tatsächlich die Einsamkeit eines der größten Probleme?

HaZ: Ich glaube, die Einsamkeit ist ein sehr großes Problem für Geflüchtete, weil sie ständig die gleichen Sachen machen, viel warten müssen und viel Zeit haben. Sie wissen nicht, was sie mit dieser Zeit anfangen sollen. Ich glaube, dass die Lösung dieses Problems Arbeit ist. Es gibt viele Geflüchtete, die arbeiten möchten, aber sie dürfen nicht: Die Bürokratie stellt sich quer. Durch Arbeit könnten Flüchtlinge ihr Deutsch verbessern, Kontakte zu Deutschen knüpfen und Freunde finden. 

SpIn: Empfinden Sie die deutsche Gesellschaft als sehr verschlossen?

HaZ: Nein, das kann ich so nicht sagen. Die Mehrheit der Deutschen empfinde ich als sehr offen und sehr interessiert an anderen Menschen und Kulturen. Nur die Sprachbareierre und die Gesetze machen die Gesellschaft insgesamt verschlossener.

SpIn: Zurück zum Magazin: Wo finden Sie die Menschen, die über ihre Heimat, die Flucht, das Leben in Deutschland usw. berichten?

HaZ: Ich habe sehr viele Freunde, die Geflüchtete sind. Das ist normal, weil ich ein Flüchtling bin und die Mehrheit der Kinder meines Landes geflüchtet ist. Ich habe ein Jahr im Asylheim gelebt. Dort habe ich auch sehr viele Geflüchtete kennengelernt. Und ich spreche Arabisch und ein bisschen Deutsch, das ist meine Glück.

SpIn: Gibt es Meinungen oder Ansichten, die Sie nicht publizieren?

HaZ: Wir leben jetzt in einem freien Land, Deutschland. Alle können schreiben, was sie möchten.

 

SpIn: Welche Geschichte hat sie bislang am meisten beeindruckt?

HaZ: Ich kann diese Frage nicht beantworten, weil alle Geflüchteten oder Menschen besondere Geschichte haben und besondere Worte finden ...

SpIn: Nun wurden sehr viele Flüchtlinge wieder abgeschoben, sogar Syrer. Was halten Sie davon? Kennen Sie Betroffene?

HaZ: Ja ich habe vor ein paar Tagen einen Geflüchteten mit diesem Problem kennengelernt. Wir können nichts dagegen sagen, weil das eine politische Entscheidung ist.
Die deutsche Regierung hat gesagt, wir haben eine Lösung zum Thema Geflüchtete gefunden. Wir können dieses Thema abhaken und es gibt jetzt keine Geflüchteten mehr, die nach Deutschland kommen möchten. Im September gibt es Wahlen und die Koalition hat Angst. Sie möchten zu den Deutschen sagen, dass es jetzt keine weiteren Ströme von Geflüchteten geben wird. Auf der anderen Seite sagt die deutsche Regierung zu den Geflüchteten, dass sie die Integration schaffen müssen. Wie können Geflüchtete es schaffen, sich zu integrieren, wenn ihre Familien beispielsweise in Syrien sind und sie nicht wissen, ob sie nun  bleiben können oder nicht. Mit dieser Ungewissheit, kann man keine Integration schaffen.

SpIn: Gibt es auch Berichte von Menschen, die nach der Flucht wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind oder zurückkehren mussten?

HaZ: Bis jetzt nicht, aber wir versuchen bald zu berichten.

Redaktion des Flüchtling-Magazin
Redaktion des Flüchtling-Magazin

 

SpIn: Stichwort Rechtsextremismuskrise: Werden Sie bedroht?

HaZ:Ich glaube, dass wir miteinander diskutieren können. Ich bin Journalist und habe nur meine Worte und meine Meinung. Ich möchte gerne mit AFD diskutieren, aber wie und wo und wann, weiß ich noch nicht, aber ich hoffe bald.

SpIn: Haben Sie oder Ihr Team schon mal versucht, mit der AfD, mit Pegida-Anhängern oder dergleichen Kontakt aufzunehmen?

HaZ: Leider haben wir das bis jetzt nicht geschafft, aber wir versuchen es bald. Die Menschen in dieser Partei sind normale Menschen, und sie können mit uns diskutieren. Aber es braucht Zeit, um einander zu vertrauen.

SpIn: Rechtsextreme behaupten ja stets, dass es Geflohenen zu gut ginge und sie sogar mehr hätten als Deutsche. Wie sieht die Realität aus?

HaZ: Ich kann diese Frage nicht beantworten, weil ich kein Deutscher bin. Ich weiß auch nicht genau, was die Regierung den Deutschen gibt und für sie tut. Ich kann nur sagen, ich danke allen Deutschen, auch den Rechtsextremen, für all ihre Hilfe, ihre Zeit und ihr Geld. Ich kann den Rechtsextremen sagen, dass Deutschland ein großes Land ist: Es hat beim Thema Flüchtlinge Verantwortung gezeigt. Sie können stolz sein auf ihr Land.


SpIn: Wenn Flüchtlinge aus streng islamistischen Zusammenhängen nach Deutschland kommen, prallen Welten aufeinander. Glauben Sie dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist?

HaZ: Vielleicht. Aber wir sind Menschen, unabhängig davon, welche Religion wir haben. Immer können die Menschen miteinander leben. Aber das braucht natürlich Respekt voreinander. Mit Respekt und offenen Diskussionen kann man alles schaffen. Wir müssen uns kennenlernen, Deutsch sprechen und miteinander diskutieren.

SpIn: Werden diese streng islamistisch sozialisierten Menschen ausgegrenzt oder gar durch Rechtsextreme bedroht, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie sich extremistischen Gruppierungen anschließen. Wie könnte man dem Problem begegnen?

HaZ: Terrorismus produziert Rechtsextremismus und Rechtsextremismus produziert Terrorismus. Wir als Menschen kämpfen gegen Terrorismus und Rechtsextremismus. Wir können das mit Wissen, Respekt und Liebe schaffen.

SpIn: Bleiben wir mal bei den streng islamistischen Strukturen: Alleinreisende Frauen, die aus den entsprechenden Regionen kommen, haben es sehr schwer. Gibt es im Flüchtlingsmagazin auch diesbezügliche Berichte?

HaZ: Das ist nicht ein Problem des Islams, sondern von Tradition. Überall hat bzw. hatte die Frau Probleme und überall kämpfen die Frauen für ihre Rechte. Aber natürlich haben die Frauen immer besondere Geschichten. Wir sind für die Rechte von Frauen und wir berichten auch über Frauen und ihre Fluchtgeschichten.

SpIn: Auch für Christen und Jeziden aus fundamental islamistischen Regionen ist es nicht leicht ...

HaZ: Wir haben immer miteinander gelebt. In unseren Ländern gibt es alle Religionen: Christentum, Judentum, Islam und viele andere. Wir lebten immer miteinander, wie eine Familie. Aber die diktatorische Regierung benutzt Religion, um Politik zu machen. Dadurch werden große Probleme geschaffen ... Wir sind alle geflüchtete Menschen, unabhängig von unserer Religion.


SpIn: Die Hälfte der Deutschen wendet sich feindselig gegen die Geflohenen, anstatt die globalen Fluchtursachen anzuprangern. Wie kann man der Problematik begegnen?

HaZ: Wenige Deutsche haben Angst vor uns, weil sie keinen Kontakt mit Geflüchteten haben. Wir versuchen Kontakt mit den Deutschen aufzunehmen und über unsere Kultur zu erzählen.

SpIn: Was ist für ein friedliches Zusammenleben nötig?

HaZ: Respekt und Kommunikation, miteinander diskutieren.

SpIn: Gibt es im Flüchtling-Magazin auch Erfolgsgeschichten?

HaZ: Nach nur drei Monaten seit dem Start haben Sie von uns gehört, ich glaube, dass das eine Erfolgsgeschichte ist.

SpIn: Was wünschen Sie sich für die Zukunft - des Magazins und der Welt im allgemeinen?

HaZ: Wir wünschen, dass wir miteinander in einer Gesellschaft leben können und wir möchten Integration schaffen.
Wir möchten eine Stimme von und für Geflüchtete sein. Wir haben das Ziel, auch auf Englisch und in anderen Sprachen zu schreiben.

SpIn: Vielen Dank für das Gespräch und die besten Wünsche für die Zukunft!


Jennifer Gregorian, Herausgeberin und Chefredakteurin von Spezialinfo im Gespräch mit Hussam al Zahar, Herausgeber des Flüchtling-Magazins

Fotos: Team Flüchtling-Magazin