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13. Mai 2018 | Autor: Sam W.

Ein ganz normales Mädchen

Mädchen auf Motorhaube / © Grischa Georgiew - Fotolia.com
Mädchen auf Motorhaube / © Grischa Georgiew - Fotolia.com

Ich war 12 Jahre alt, ließ mein Haar wachsen, toupierte es hoch und schminkte mich. Unter meinem Rock, von dem ich in der Schule befreite, trug ich eine Hotpant, die einen Blick auf meinen halben Po freigab. Ich hatte dafür selbst eine alte Jeans abgeschnitten. Mein Traum war es, in die USA zu gehen und Pinup werden. Ein Vertrag mit einer Werbeagentur wäre das Größte für mich gewesen. Ich träumte davon, mich auf Riesenplakaten zu sehen, wie ich mich nackt auf einer Motorhaube räkele. Dabei fühlte ich mich emanzipiert.
Mein Vater war nie zu Hause, er war Diplomat und hatte stets viel Arbeit. Meine Mutter war hingegen immer da. Ich bewunderte ihre Schminkkünste. Ich habe sie nie ungeschminkt gesehen. Ich hatte das Gefühl, dass sich so etwas nicht gehört. Sie kaufte mir auch immer nette Kleidchen, allerdings nicht so sexy wie ihre. Ich wollte aber auch so sexy sein, wie sie. Ich liebte Werbeplakate mit sexy Frauen. Zugleich beneidete ich diese Frauen.
Jungs in der Schule, auch ältere, begrabschten mich und ich fühlte mich bestätigt. Sie machten mir Komplimente und sie beschimpften mich als Schlampe. Es kursierten Gerüchte. Ich fand das toll, ich genoss es geradezu. Aber da war noch Wiebke, die fast genauso sexy war, wie ich. Wir befanden uns in einem ständigen Wettbewerb.
Sexy zu sein, war für mich alles. Ohne das fühlte ich mich nicht existent. Ich verstand nicht, wie Frauen, mit Cargo- oder Latzhosen herumlaufen konnten. So kann man doch keinen Mann finden! Diese blöden Trampel verletzen meinen Sinn für Ästhetik. Andererseits fand ich es toll, dass ich so weit über diesen hässlichen Bratzen stand. Die Männer schauten nur mir hinterher. Nur ich bekam hin und wieder einen Klaps auf den Po, der unter den Fransen der abgeschnittenen Jeans herauslugte. Nur mir pfiffen sie hinterher, mich luden sie zum Essen und zu Drinks ein. Wobei Essen, da musste ich vorsichtig sein. Ich wollte bei einer Größe von 1,69 nie mehr als 48 Kilo wiegen. Zugleich jobbte ich in einer Boutique und sparte für meine Brust-OP. Mein Busen war zu klein. Kein Wunder, ich hatte ja Untergewicht. Aber ich fühlte mich stets zu fett.
Die Schule habe ich vernachlässigt. Die Arbeit in der Boutique machte mir viel mehr Spaß. Außerdem wollte ich Modell werden. Und natürlich einen reichen Kerl heiraten, der mir alles kauft, was ich will. Dafür braucht man keine Schule. Die Schule ist was für die Hässlichen, ich hatte mehr vor. Ich wollte was aus meinem Leben machen.

Als ich 14 war, wurde ich bei einer Party von drei älteren Jungs vergewaltigt. Das war ein tiefer Einschnitt in mein bis dato (vermeintlich) unbeschwertes Leben. Damals dachte ich: "So darf man nicht mit Frauen umgehen." Männer müssten Frauen auf Händen tragen und ihnen Geschenke kaufen, bevor diese (freiwillig?) die Beine breit machen. Ich war derzeit auch keine Jungfrau mehr. Für ein nobles Essen, eine schöne Handtasche oder exklusive Unterwäsche habe ich schon so die eine oder andere Perversion über mich ergehen lassen. Ich fand das spannend und war stolz auf mich, dass ich das durchgehalten hatte. Sex war für mich ohnehin eine eklige, schmerzhafte Angelegenheit, die zugleich ein Machtmittel der Frau darstellte. Aber dieses Mittel dürfte den Frauen niemand aus der Hand nehmen. Und genau das hatten die drei Jungs getan. Ich war sauer, enttäuscht, verwirrt, ...

Durch eine Freundin bekam ich Kontakt zur schwarzen Szene. Da war ich 15 Jahre alt. Dort gab es viele Frauen, auch richtig schöne Frauen, wie ich eine war, die mal vergewaltigt wurden. Sie sprachen offen darüber. Viele von ihnen gingen zu SM-Parties. Es dauerte nicht lange, bis ich in den internen Kreis kam und mich fast nackt an Kreuze und Folterbanken fesseln ließ. So konnte ich meine Ohnmacht in meinem kranken Hirn in Macht umwandeln. Es war eine Art Verarbeitung des Erlebten. Außerdem fühlte ich mich als was Besonderes. Die gängigen Bitsches, wie ich einst eine war, waren nur noch Nullnummern für mich. Ich war krasser, besser, interessanter. Mir konnte niemand das Wasser reichen. Ich war als Sub total beliebt und suhlte mich in dieser Beliebtheit.

Das ging so weiter, bis ich 18 Jahre alt war. Danach viel ich in eine Depression und wurde magersüchtig. Ich verbrachte mehrere Jahre in einer Klinik. Dort war alles so hell, bunt und unsexy. Ich fühlte mich leer und träumte nur von der Zeit, in der ich endlich wieder sexy sein könnte. Nach wie vor identifizierte ich mich ausschließlich über mein Äußeres. Meine Mutter kam zu Besuch und brachte mir ein Schminkset, mit Glitzer! Ich fand es toll. "Damit du dich hier etwas zurecht machen kannst und besser fühlst. So bereitest du dich schon mal auf da draußen vor", hatte sie gesagt. Ich freute mich riesig und mir ging es tatsächlich zunehmend besser. In der Klinik war ich ohnehin die geilste Bitch. Ich war die geilste Bitch, die diese Klinik je gesehen hatte! Das hielt ich mir immer vor Augen und das gab mir Kraft. Ich musste nur aufpassen, dass ich dürr bleibe, ohne zu verhungern. Das würde ich schon hinkriegen. Dass ich nichts gelernt hatte und nichts konnte, störte mich nicht im Geringsten. Schließlich war ich schön und sexy. Ich war noch (!) jung genug für einen reichen älteren Herren. Gott musste uns nur noch zueinander führen.

Als ich herauskam, nahm ich mir eine kleine Wohnung und lebte vom Staat. Auch das störte mich nicht, da ich ja supersexy war und bald schon den reichen Kerl angeln würde, der mir jeden Wunsch erfüllt – wenn ich nur etwas "nett" zu ihm bin. Ich hatte ganz verdrängt, wie befreiend es in der Klinik war, zu niemandem "nett" sein zu müssen.

Doch dann kam alles anders als erwartet. Ich verliebte mich in eine Frau und sie sich in mich. Sie war wunderschön! Auch sie war sexy, trug extrem kurze Röcke und hatte Extensions bis zur Hüfte. Wir trafen uns fast täglich und klönten bei einer oder mehreren Flaschen Prosecco, während wir uns schick machten. Wir gingen zusammen shoppen, gingen in Diskos, auf Partys und schleppten sogar gemeinsam die Typen ab. Es war ein Traum! Bis auf die Kerle: Ich fand es nach wie vor eklig und unangenehm mit ihnen. Aber ich dachte, so ist Sex nun mal, das gehört dazu. Mit ihr war es hingegen ganz anders. Ich liebte sie und hatte zum ersten Mal Spaß an Sexualität. Sex war nicht mehr das notwendige Übel, wie ich es bisher kannte. Ihr ging es anscheinend nicht wie mir, mit den Männern: Schließlich traf sie sich ohne mich mit einem der Kerle. Das kam immer häufiger vor, bis sie mich wegen ihm sitzen ließ. Wir hatten bereist zusammen gewohnt und unsere Zukunft geplant. Alles war dahin!
Aber wie planen zwei Schlampen ihre Zukunft? Nach Mallorca ziehen, dort in einer Striptease Bar arbeiten und ab und zu gut zahlende Typen abschleppen. Das war für uns das Non plus ultra. Wir malten es uns immer wieder in den schillerndsten Farben aus. Mal lagen wir oben ohne in einem Pool und schlürften Cocktails, dann wurden mit einem Ferrari zum Shoppen gefahren und durften alles mitnehmen, wonach unser Herz begehrte.

Aber daraus wurde nichts und ich war wieder allein. Es folgte wieder eine Depression. Diesmal ließ ich mich aber nicht in die Klinik einweisen. Stattdessen ging ich nach fast einem Monat Stillstand spontan auf eine Lesbenparty und hoffte, dort eine Bitch zu treffen, die mich über den Verlust hinweg tröstet. Aber dort waren nur diese Hässlichen: Glatzen, Kurzhaarfrisuren, Latzhosen, ... Ich fand das schrecklich. Aber sie waren so freundlich, dass ich nicht gleich abhauen wollte. Ich fiel auf mit meinem weinroten Satin-Minirock und den Highheels. Ich wirkte deplatziert, auch mit meiner Kriegsbemalung, den langen Fingernägeln und den Extensions. Manche schauten etwas argwöhnisch, aber ich fühlte mich im Recht. Ich war eine Frau, die nicht! "Die sind falsch!" dachte ich. Ich empfand sie als Beleidigung der Natur, die ja Frauen zu Sexobjekten gemacht hat. Ich wollte aber nicht abhauen. Ich wollte nicht wieder alein sein. Stattdessen wollte ich mich in Gesellschaft besaufen, ganz egal, welche Gesellschaft das auch sein mochte. Ich habe an dem Abend über 80 Euro versoffen. Die Barkeeperin musste mein Prosecco-Glas immer wieder auffüllen. Zwischendurch durfte es auch noch ein Aprikosenschnaps sein. "Du bist zum ersten Mal hier, oder?", wollte sie wissen. Schon bald kannte sie Story mit meiner Ex, Mallorca und den Kerlen. Immer wieder betonte ich, nicht lesbisch zu sein (was nach der Story mit der Ex nicht ganz authentisch rüber kam) und dass sie nicht mein Typ sei. Aber ich fand sie in Wirklichkeit sehr interessant. Sie hatte große rehbraune Augen. Die kamen, obwohl sie keinen Eyliner benutzte, umso mehr zur Geltung, da sie ihr Haar bis auf zwei Millimeter abrasiert hatte. Sie war schlank und dennoch zeichneten sich Muskeln auf ihren Armen ab. Sie trug ein ärmelloses Oberteil und eine Jeansweste, so dass man ihre kräftigen Oberarme richtig sehen konnte. Das imponierte mir. "Diese Frau wird nicht vergewaltigt." dachte ich mir. "Die weiß das zu verhindern." Bedauerlicher Weise interessierte ich mich mehr für sie als sie sich für mich. Sie lebte derzeit in einer glücklichen Beziehung. Aber das war okay für mich, da ich mir das Interesse an ihr nicht einmal selbst eingestehen wollte. Sie gab mir dennoch eine Adresse von einer Bar, in der sie arbeitete und ich kam immer dorthin, wenn ich mal trinken und quatschen wollte. Ich fühlte mich einfach wohl in ihrer Nähe und wir freundeten uns an. 

Meine Extensions lösten sich und ich hätte sie wieder anbringen lassen müssen. Aber ich fand das nun irgendwie affig. Ich hatte doch genügend eigene Haare und zwar schöne Haare. Auch wenn die nicht bis zum Arsch reichten, waren sie okay. Ich entfernte alle künstlichen Strähnen und schnitt mein Haar selbst bis auf Schulterlänge ab. Es fühlte sich dicht und gesund an. Ich war begeistert. Als ich draußen war und der Wind durch mein Haar wehte, hatte ich das Gefühl der Freiheit, bzw. der Befreiung von einer Last. Kurz darauf landeten auch meine künstlichen Fingernägel und Wimpern in der Tonne. Ich ließ meine Augenbrauen wieder wachsen, denn schließlich hatten sie eine schönere Form, als der Strich, den ich mir aufgemalt hatte, nachdem ich sie entfernt hatte. Ich kaufte mir dann ein paar Turnschuhe und genoss dieses bequeme Laufgefühl. Das kannte ich gar nicht. Im Alltag trug ich dennoch überwiegend Pumps mit hohem Absatz. Ich empfand es immer noch als Vernachlässigung, wenn eine Frau mit Turnschuhen rumläuft. Das änderte sich aber zunehmend und meine Pumps standen bald bei Ebay zum Verkauf. Darauf folgte meine erste Jeans, die nicht oberhalb der Hälfte der Pobacken abgeschnitten war. Ich merkte selbst nicht, wie ich mich nach und veränderte.
In der Lesbenbar kam ich mehr und mehr mit feministischen Theorien in Berührung. Dort lagen Bücher aus und die Frauen diskutierten viel. Ich begann zu lesen. Erst war es eine Neugierde, die aus Widerwillen gespeist war, nach dem Motto: "Ich will mal sehen, was diese Mannsweiber für Unsinn schreiben und wie sie denken." Ich sog alles diesbezügliche, was mir in die Hände fiel, mit großem Interesse auf und machte mir Gedanken. Ich lag tagelang wach und stellte sogar meine gesamte Existenz in Frage. Das ein oder andere erschien mir plausibel. Mein Denken und Handeln wandelte sich stetig, bis zu einer Umdrehung von 180 Grad. Bald schon diskutierte ich sehr kontrovers mit den Frauen über diese Themen. Mein Alkoholkonsum wurde durch Bücherkonsum abgelöst. Der Suchtdruck wich einem Wissensdurst. Ich hatte ständig hunderte von Fragen.

Schließlich fand ich es gar nicht mehr Erstrebenswert von Stütze zu leben und auf einen reichen Sack zu warten, der mich für Geld vergewaltigen darf. Ich holte den Realabschluss und nachher das Abitur nach. Dazwischen arbeitete ich in einem kleinen Frauenbuchladen, mit integriertem Cafe - was ganz anderes als die Schickimicki-Boutique. So wie ich jetzt aussah, hätten die mich dort nicht einmal mehr herein gelassen. Ich trug mittlerweile auch Cargohosen und ärmellose Shirts. Ich hatte mit Fitness angefangen, Muskeln aufgebaut und spielte Basketball und Fußball. Mein schulterlanges Haar trug ich zu einem Zopf zusammengebunden und hatte die Seiten abrasiert. Und schminken? Wozu? "Ich sehe doch so schon bezaubernd aus!"
Meine Mutter hielt das für eine spätpubertäre Phase. Sie war so froh, dass ich in der Pubertät so ein wunderhübsches, braves Mädchen war und konnte nicht verstehen, weshalb mich nun so "verwahrloste". Dazu fragte sie ständig, ob ich denn nun endlich mal jemanden kennen gelernt hätte. Langsam würde es nämlich spät werden, da man nur in jungen Jahren einen guten Fang machen könne.  

Heute bin ich radikale Feministin. Mir ist bewusst, dass ich ein Opfer des Patriarchats war, wie die meisten Frauen es sind (mehr oder weniger). Ich studiere Soziologie, arbeite weiterhin in dem Buchladen und in einem Café, engagiere mich politisch für feministische Belange und spiele Fußball. Ich bin frei und glücklich. Um ein Haar hätte ich mein ganzes Leben  weggeschmissen. Ich danke der Göttin, dass kein reiches perverses Arschloch meinen Weg gekreuzt hat, als ich noch noch in den Fängen des Patriarchats festhing.