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04. Dezember 2015 | Autor: Jennifer Gregorian

So wenige Ehrenmorde?

Über ein ignoriertes Verbrechen

Gedenkstein für Hatun Sürücü (* 17. Januar 1982 in Berlin; † 7. Februar 2005), von ihrem Bruder erschossen. // Urheber: LezFraniak / CC BY-SA 3.0
Gedenkstein für Hatun Sürücü (* 17. Januar 1982 in Berlin; † 7. Februar 2005), von ihrem Bruder erschossen. // Urheber: LezFraniak / CC BY-SA 3.0

Laut der Infoseite ehrenmord.de gab es 2015 10 Fälle von dokumentierten Ehrenmorden in Deutschland, im Vorjahr 20. In den anderen Jahren wurden ebenfalls nicht viel mehr Fälle registriert. Nach einer Untersuchung der USA soll es weltweit rund 5.000 Ehrenmorde pro Jahr geben. Jeder einzelne Fall ist einer zuviel. Dennoch, bei den geringen Zahlen legt sich der Schluss nahe, dass man dieses Verbrechen ignorieren könnte. Und genau das wird auch getan, von Seiten der Politik, der Justiz und der Gesellschaft. Dabei führt die Ignoranz wiederum zu einer unvollständigen Statistik, die ebenfalls darauf schließen lässt, Ehrenmorde seien eine Randerscheinung. Dieser perfide Kreislauf führt dazu, dass schon seit Jahrzehnten die Opfer im Stich gelassen werden.
Im Folgenden finden Sie einige Hintergründe, weshalb so wenige dieser Verbrechen registriert werden.


Hohe Dunkelziffer

Nach Schätzungen der UNO werden alljährlich weltweit 5000 Mädchen und Frauen ermordet, weil sie die Ehre ihrer Familie verletzt haben sollen. Die Dunkelziffer liegt laut ehrenmord.de allerdings bei etwa 100.000 Morden pro Jahr. Das ist eine enorme Diskrepanz.
Die wenigsten dieser Fälle kommen zur Anzeige oder werden in irgendeiner Weise verfolgt. Gar nicht belangt werden die Täter in extrem patriarchalen Staaten, Gemeinden oder Regionen. Dort gilt der „Ehrenmord“ als legitime Lösung für angebliche „Grenzüberschreitungen“ von Mädchen und Frauen und als Mittel zur Aufrechterhaltung der „Sexualmoral“. Das ist unter anderem in Jordanien und Pakistan der Fall. In einigen Regionen stellt „Ehrenmord“ eine gesellschaftliche Norm dar. Kaum ein Mann wagt, sich ihr zu widersetzen, da er sonst geächtet wird und keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt.
Am häufigsten wird der „Ehrenmord“ in Nordafrika, Zentralasien sowie im Nahen und Mittleren Ostens verübt. Nach Schätzungen sind die Täter in 90 Prozent der Fälle islamischen Glaubens. Dabei verbietet der Prophet jegliche Art von Mord in Friedenszeiten, insofern die betreffende Person nicht selbst jemanden getötet hat. Sogar in der islamischen Gesetzgebung, der Sharia, steht auf „Ehrenmord“ die Todesstrafe.

Die Dunkelziffer ist sicherlich auch in den westlichen Zivilisationen recht hoch, obwohl „Ehrenmord“ dort als Verbrechen geahndet wird. Die Gründe hierfür erschließen sich aus den anderen hier angeführten Punkten.


Verschleierte „Ehrenmorde“

In Staaten, wo jegliche Art von Mord unter Strafe steht, werden die Täter „kreativ“: Sie lassen den Mord an der Ehefrau, Schwester oder Tochter so aussehen, als sei er ein Unfall, ein Suizid oder die Folge einer plötzlichen Erkrankung (z. B. Herzstillstand). Im Gegensatz zu den Kriminalfällen im Fernsehen wird in der Realität nicht weiter ermittelt und der Fall schnell zu den Akten gelegt. Die Täter sind ja schließlich nicht allgemeingefährlich, sondern nur für die Frauen ihres Clans und auf die kann man zur Not verzichten.

Selbst in den seltenen Fällen, wo die Täter gestellt werden, geben nicht alle Täter zu, einen Ehrenmord begangen zu haben. Totschlag im Eifer des Gefechts bei einem Familienstreit reduziert das Strafmaß. Vor allem wenn entfernte Verwandte mit der Tat beauftragt wurden, liegt eine flexible Motivauswahl nahe, um Verständnis für ihr Vorgehen zu generieren.

Fehlende Forschung

Der „Ehrenmord“ als Verbrechensart ist noch gänzlich unerforscht. Es gibt keine Statistiken, kaum Dokumentationen von Fällen und erst recht keine Untersuchung der Fälle. Es werden keine Täterprofile angeltet. Es wird nicht festgehalten aus welchen Kulturen, die Opfer und Täter stammen, wie lange sie schon in Deutschland oder einem anderen westlichen Land leben, welche Umstände in den meisten Fällen zum Mord geführt haben usw. In Deutschland existiert bislang nur eine einzige recht magere Studie des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht (MPICC) in Freiburg aus dem Jahre 2011, die das Bundesministerium des Innern in Auftrag gegeben hat. Sie erstreckt sich auf den Zeitraum von 1996 bis 2005 und untersucht 78 Fälle aus Prozessakten und aus den Medien.


Um Studien anzufertigen, bräuchte man natürlich auch Untersuchungsmaterial. Das kommt allerdings nicht zusammen, da weder die Opfer geschützt werden noch anschließend ordentlich ermittelt wird.

Nur Frauen

Da in über 90 Prozent Frauen die Opfer sind, handelte es sich beim „Ehrenmord“ um ein Verbrechen, dass man innerhalb partiarchaler Strukturen schon mal ignorieren kann. Auch die westlichen Zivilisationen, in welchen „Gleichberechtigung“ groß geschrieben wird, sind nach wie vor Patriarchate. Frauen anderer (zum Teil unliebsamer) Kulturen belegen nur Randpositionen auf der Werteskala.

Gefügige Opfer muss man nicht töten

Der „Ehrenmord“ ist bloß die Spitze des Eisbergs. Dem gehen Jahre oder gar Jahrzehnte der Folter und Demütigung voraus. Vielen Frauen wird da bereits der Wille gebrochen, so dass es gar nicht erst zum Äußersten kommen muss. Andere trauen sich nicht, dieses Risiko auf sich zu nehmen, insbesondere da sie von Außen keine Hilfe erhalten.

Gesellschaft, Politik, Polizei und Justiz in der Verantwortung

Für Öl oder um Waffenabsatzmärkte zu schaffen, marschiert man schon mal in ein Fremdes Land ein. Um Frauen zu schützen, die gefoltert und ermordet werden, rührt niemand auch nur einen Finger. Selbst wenn die Verbrechen in unserer Mitte stattfinden wird weggeschaut. In vielen Fällen wurden Überschreitungen des Annäherungsversuchs erst nach dem Mord sanktioniert. So zum Beispiel im Fall der 24-jährigen Sazan Bajez-Abdullah, deren Ehemann sie in München auf offener Straße lebendig verbrannte. Ebenso verhielt es sich im Fall der 29-jährigen Deutsch-Jordanierin Hanna H., die drei kleine Kinder zurückließ. Bajez-Abdullah hatte sogar Prozesskostenhilfe beantragt um gegen ihren Ex-Ehemann vorzugehen. Diese wurde ihr verwehrt, weil es sich angeblich nur um Familienangelegenheiten gehandelt hätte. Der 20-jährigen Kurdin Banaz Mahmod verweigerte die Polizei in Birmingham ihre Hilfe trotz konkreter Hinweise.  


Gesellschaft, Politik, Polizei und Justiz sind nun gefordert, die Augen nicht mehr zu verschließen und sich auf die Seite der Betroffenen zu stellen – allein schon als Wiedergutmachung der vergangenen Versäumnisse, die viel zu viele Frauen mit dem Leben bezahlen mussten.