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24. April 2017 | Autor: Felice

Weil ich ein Mädchen bin

Frau, Baustelle / © Wellnhofer Designs - Fotolia.com
Frau, Baustelle / © Wellnhofer Designs - Fotolia.com

Ich bin leidenschaftliche Fotografin. Wie einige es sich denken können, ist das Equipment sacke teuer. Da habe mir überlegt, während meines Sommerurlaub zu jobben. Meine Freude ist riesig, als ich gleich in der Nähe drei Ausschreibungen für den Bau entdecke. Die suchen sowohl Fachkräfte als auch Menschen mit Erfahrung. Eine Ausbildung kann ich in dem Bereich nicht vorweisen. Aber ich habe bereits mehrere Jahre als Bauhelferin im Abbruch gejobbt und Maurerarbeiten erledigt. Da kenne ich mich aus und genau das wird auch - nur 10 Minuten von meiner Wohnung entfernt - gesucht. Also rufe ich dort an.
- "Richtig, die Stellen sind noch zu vergeben, für wen rufen Sie an?"
- "Wie für wen?"
- "Na für wen Sie anrufen. Für wen soll der Job sein?"
- "Für mich!???"
- "Sie hören sich an wie eine Frau, sind Sie eine Frau?"
- "Ja."
- "Das ist aber ein Knochenjob und da muss man oft schwer heben."
- "Ich weiß, ich habe über fünf Jahre auf dem Bau gearbeitet. Und ich kann bis zu 120 Kilo heben. Reicht das? Meiner Erfahrung nach ist so viel niemals notwendig."
- "Haben Sie denn eine Ausbildung in den Bereichen?"
- "Nein, aber Erfahrung. Ich rufe ja auch nur für den Aushilfsjob an."
- "Der ist schon weg, wir suchen nur noch qualifizierte Maurer."
- "Vorhin sagten Sie aber, die Stellen seien noch frei."
- "Ich habe mich getäuscht. Wir suchen nur noch Fachkräfte."

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Der Gesprächsbeginn ist bei den anderen beiden Stellen fast identisch. Der eine verspricht, mich zurück zu rufen und der andere gibt an, dass die Stellen schon alle vergeben seien. Allerdings sucht er danach noch drei Monate lang Personal. Mit gleichem Erfolg versuche ich es auch in anderen, weiter entfernten Stadtteilen. Schließlich gebe ich resigniert auf. Dabei hatte ich mir alles schon so schön ausgerechnet und ausgemalt. Also nichts mit neuem Equipment und Teilnahme am Fotowettbewerb.

Circa zwei Wochen später: Meine Nachbarin kommt mit Hund vorbei und wir laufen zusammen um die Häuser. Ich habe die erlebte Diskriminierung bereits verdrängt, als wir an der einen Baustelle vorbeikommen, bei welcher ich abgelehnt wurde. Dort hängt immer noch ganz groß ein Schild, auf dem steht, dass sie Mitarbeiter suchen. Daneben kauert ein hagerer älterer Mann auf dem Boden, zieht sich gierig eine Zigarette rein, hustet dabei und rotzt auf den Boden. Dann macht er die Kippe aus und versucht aufzustehen. Dabei gerät er ins Wanken und muss sich an dem Schild mit der Stellenausschreibung festhalten. Unten liegt ein leerer Flachmann. Ich denke erst, der Alte hätte eine Pause eingelegt und sei zufällig des Weges gekommen. Aber dann wankt er auf das Gelände und schnappt sich eine Schubkarre voller Schutt. Man hat den Eindruck, dass die Karre ihn mehr im Griff hat, als er sie. Dann ruft ein Dicker einem schmächtigen Jüngling etwas Unverständliches zu. "Was?" brüllt der Kleine. Anscheinend sprechen sie doch nicht die gleiche Sprache. Der Dicke setzt an, sich zu wiederholen. Aber er ringt noch nach Luft.

- "Hättest du dich nicht hier beworben?", fragt Peggy völlig fassungslos.
- "Jep."
- "Und haben die nicht gesagt, sie hätten keine Stellen mehr?", sie deutet auf das Schild.
- "Und was sind das für Gestalten? Hast du die gesehen? Haben sie die dir vorgezogen?"
- "So sieht es aus."
- "Aber wieso? Du bist fit, trinkst nicht, rauchst nicht, hast Erfahrung, sprichst Deutsch, ..."
- "Weil ich ein Mädchen bin."

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