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02. Juli 2009 | Autor: Jennifer Gregorian

Aufgezwungene Genderidentität

Rollenerwartungen entsprechend des biologischen Geschlechts stellen heute noch die Regel dar. Um die normative Zweigeschlechtlichkeit aufrechtzuerhalten werden biologisch zwischengeschlechtliche Menschen zu einem Geschlecht hin umoperiert. Diese Menschenrechtsverletzungen sind auf John Money, zurückzuführen.

Die Genderidentität aufzuzwingen ist eine Menschenrechtsverletzung.  Hermaphroditen-Symbol / ©ParaDox, CC BY 3.0
Die Genderidentität aufzuzwingen ist eine Menschenrechtsverletzung.
Hermaphroditen-Symbol / ©ParaDox, CC BY 3.0

Die Erwartungen an das Verhalten und Erleben von Mädchen und Jungen verändern sich zwar ständig, sind aber nach wie vor vorhanden. Wenn sie den Kindern von klein auf als Selbstverständlichkeit übermittelt werden, stellen die wenigsten sie später in Frage. Viele leiden unter diesem Druck. Viele wissen nicht, dass ihr Unbehagen daher rührt.
Am schlimmsten trifft es Intersexuelle. Kinder, die Merkmale beider anerkannter Geschlechter aufweisen, werden zu einem hin umoperiert und diesem hormonell sowie psycho-sozial zwangsangepasst. Diese Praxis geht auf John Money, Forscher und Psychiater am Johns-Hopkins-Krankenhaus in Baltimore zurück.

John Money

Money prägte 1955 den Begriff gender um das Erleben und Verhalten intersexueller Menschen darzustellen. Der Terminus wurde in den deutschen Sprachgebrauch eingeführt, wo bis dahin eine Differenzierung zwischen biologischem (sex) und sozialem Geschlecht (gender) fehlte.

Popularität erlangte Money u. a. durch seine öffentlichen Auftritte, bei welchen er jegliche Tabus brach und sich für Bisexualität und Gruppensex aussprach. Seine Absagen an die Konventionen überschritt allerdings die Grenzen des guten Geschmacks, oder besser gesagt der Menschenrechte und -würde: Er akzeptierte sämtlicher Perversionen, wie Kindesmissbrauch und Mord, als „Paraphilien“ (= abweichende Präferenzen).

Der Fall David Reimer

1967 versuchte Money den zwei Jahre alten Bruce, dessen Penis bei einer Beschneidung unabsichtlich verstümmelt worden war, operativ und hormonell zu Brenda umzufunktionalisieren. Daraufhin wuchs das Kind als „Mädchen" mit sämtlichen typischen, tradierten Rolleninhalten neben seinem Zwillingsbruder auf. Mit fortschreitendem Alter zeigte er Unbehagen an der zugewiesenen Rolle und protestierte gegen die Dauerbehandlung bei Money. Nachdem sein Vater ihm entgegen Anraten des Arztes die Wahrheit verriet, ließ Bruce sich umoperieren und nannte sich David. Im Alter von 38 Jahren, zwei Jahre nach seinem Bruder, beging er Selbstmord.
Aus der Leidensgeschichte von David (die auch verfilmt wurde) wird offensichtlich, dass Zwangoperationen an Kindern und aufgezwungene Genderidentitäten ein Verbrechen sind. Heute noch werden Zwitterkinder diesen Prozeduren unterzogen.

Moneys Welle der Menschenrechtsverletzungen

Der Einsatz des berühmt-berüchtigten Psychiaters für eine Operation von Säuglingen, die biologische Merkmale beider offiziell anerkannter Geschlechter in verschiedener Ausprägung aufweisen – nach dem Motto: was nicht passt, wird passend gemacht – leitete eine bis heute anhaltende Welle an Menschenrechtsverletzungen ein. Intersexuelle wehren sich seit über einem Jahrzehnt zunehmend gegen diese Praxis sowie gegen die entsprechende anmaßende Bevormundung. Sie möchten nicht länger als Menschen mit sogenannten "Fehlbildungen" angesehen werden.

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“,

verkündete bereits 1949 die politisch engagierte Schriftstellerin, Philosophin und Feministin, Simone de Beauvoir, in ihrem Werk „Das andere Geschlecht“, welches die zweite Welle der feministischen Bewegung in entscheidender Weise beeinflusste.
Rollenerwartungen hinsichtlich einer konstruierten Models mit zig Empfindens- und Verhaltensvorschriften können für Kinder jedes biologischen Geschlechts belastend sein.
"Geschlechtstypische Einstellungen und Verhaltensweisen werden durch die Sozialisation in der Kindheit geprägt. Auf diese Weise werden aus Menschen, die zu Beginn, im Säuglingsalter, scheinbar gleiche Möglichkeiten hatten, Frauen und Männer geformt." So beschreibt es die Diplom-Sozialpädagogin Margarete Blank-Mathieu in ihrer Dissertation. Diese Sichtweise entspricht Judith Butler, der US-amerikanischen Professorin für Rhetorik und vergleichende Literaturwissenschaft an der European Graduate School und an der University of California, Berkeley. Sie sieht Genderidentitäten als Konstrukte, die im öffentlichen Diskurs erzeugt wie gefestigt werden und somit auch dekonstruierbar sind.

Rollen-Konventionen

Auffallend bei den geschlechtsspezifischen Rollenoptionen ist immer noch die Verankerung der traditionellen Zuteilung. So werden heute noch Männerrollen überwiegend mit Tätigkeiten (Kraft, geschicktes Wirtschaften, intellektuelle Leistung) assoziiert und Frauenrollen mit Untätigkeit bzw. Handlungsunfähigkeit (Magermodels, Kleidung, die die Bewegungsfreiheit begrenzt), ausgenommen der finanziell sowie sozial gering honorierten Versorgungstätigkeiten, und einer Entäußerung ihres Körpers.
Dass ein Leben als Hermaphrodit äußerst problematisch ist, liegt nicht an dem Vorhandensein physischer männlicher sowie weiblicher Geschlechtsmerkmale als vielmehr an der Ausschließlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit, die in unseren Gesellschaftsformen die Norm bildet. Diese Norm grenzt das Dritte Geschlecht aus allen formellen und sozialen Bereichen aus.

Kreativer Widerstand

Der "Schönheits“wahn wird inzwischen sogar schon offiziell angegangen. Der formelle sowie der informelle Widerstand lassen in Punkto Kreativität nicht zu wünschen übrig. In sämtlichen Städten der Welt finden alternative Modeschauen statt, in Wien wurde eine "Feministische Aktionsgruppe dicker Frauen" gegründet und in Deutschland kann man dem "Club der Hässlichen" beitreten.
Zwitter organisieren sich und gehen mit den an ihnen begangenen Menschenrechtsverletzungen an die Öffentlichkeit.
Zudem ist eine Vervielfältigung von Rollenbildern, die sich zunehmend von den Zuschreibungen des biologischen Geschlechts lösen, zu beobachten. Beispiele hierfür sind Femmes und Butches, Drag Kings, die Queer Bewegung und Crossdresser. Diese bunte Gendervielfalt verspricht eine Zukunft, in der fast alles möglich ist.