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03. Januar 2018 | Autor: Jennifer Gregorian

Alte Frau schonend entsorgt

Über den Umgang mit alten Frauen in den westlichen Zivilisationen

Alte Frau im Rollstuhl abgestellt / © Robert Kneschke - Fotolia.com
Alte Frau im Rollstuhl abgestellt / © Robert Kneschke - Fotolia.com

Ein undefinierbares Komplex aus bunten Blumen, Schleifen, Girlanden und grünen Punkten ziert ihre Bluse. Welche Drogen braucht man eigentlich, um so ein Muster zu entwerfen? Darüber die obligatorische Weste, graues Sauerkraut auf dem Kopf und Rollator. Im Gesicht ein Kilo Makeup und rosa Kreise auf den Wangen. So geht's zum Teddybären-Ausschneiden, die anschließend ans Fenster der Cafeteria geklebt werden. Sie ist keine sie mehr. Sie ist jetzt ein Neutrum, wie einst als Kind. Das hat was Befreiendes. Sie muss nicht mehr fickbar sein. Aber viele wollen es noch, denn sie hatten sonst nichts, womit sie sich identifizieren konnten. Aus der Geile-Schlampen-Zeit bleiben ihnen nur ein paar Fotos. Alt sein ist aber auch alles andere als cool: Man sieht aus wie ein Clown, bewegt sich wie eine Schnecke und wird nicht ernst genommen. Nicht, dass Frauen jemals ernst genommen wurden. Aber alte Frauen werden nicht einmal von anderen Frauen ernst genommen. Sie stehen noch tiefer auf der Skala. Nicht fickbar, also nutzlos. Kinder gekriegt, Mann den Arsch hinterher getragen, Soll erfüllt. Irgendwann  muss auch gut sein! Aber Menschen zu entsorgen, ist in Deutschland offiziell nicht mehr so angesagt, insbesondere nach den 30er und 40er Jahren. Auch wenn die betreffenden noch nicht zur Menschheit zählen, darf man sie nicht einfach erschießen, vergasen oder vergiften. Obwohl, Letzteres schon, aber langsam und unauffällig. Jede alte Frau braucht natürlich unbedingt eine Schachtel mit vielen Fächern für bunte Pillen. Spätestens mit 60 sollte frau damit anfangen. Die Entsorgung läuft zudem parallel in allen Bereichen weiter: Die Alte kriegt Kaffee und Kuchen mit Diabetes-Pillen und Blutdrucksenkern serviert. Dann darf sie Topflappen häkeln, Ostereier bemalen und stumpfsinnige Lieder singen. Das ist die geistige Regression, der Zerfall, der totale Abstieg. Ist sie an einen gewissen Punkt angelangt, darf die kommende Generation sie für verrückt erklären und ihre Erspartes auf den Kopf hauen. Dann geht es ab ins Siechtum.