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15. Juli 2016 | Autor: Jennifer Gregorian

Ein Aberglaube - international und hartnäckiger als jede Religion

Die Rollenzuschreibungen und Erwartungen an Frauen beruhen auf Annahmen, die noch nie bewiesen wurden. Dazu widerlegen sie sich selbst durch ihren Wandel und ihre kulturellen Differenzen. Folglich handelt es sich bei den Rollenzuschreibungen um einen bloßen Aberglauben. Dennoch werden sie als unumstößliche Wahrheiten behandelt, mit fatalen Folgen.

Frauen, Frauenparkplatz / Urheber: Metropolico.org / flickr
Frauen, Frauenparkplatz / Urheber: Metropolico.org / flickr

Frauen werden in der Regel aufgrund des biologischen Geschlechts Emotionalität, körperliche Schwäche, Unfähigkeit zum logischen Denken etc. zugeschrieben. Männern Rationalität und physische Stärke. Frauen und Männer haben sich zudem für unterschiedliche Dinge zu interessieren. Diese willkürlich vorgenommenen Differenzierungen, die sich wie eine rote Linie durch die Menschheit ziehen, werden zusätzlich durch unterschiedliche Kleidung, Accessoires und Alltagsrituale gefestigt. Wir reproduzieren Genderrollen im alltäglichen Diskurs (Judith Butler)

Geht es um Dispositionen von Frauen und Männern verhalten sich selbst aufgeklärte Menschen der Dienstleistungsstaaten als befänden sie sich im tiefsten Mittelalter. Manche sind brillante Religionskritiker oder Sektenforscher, aber sobald es um die willkürliche Verknüpfung von Biologie mit Charakterzügen und Kompetenzen geht, verteidigen sie vehement den Aberglauben. Vielmehr sogar: Sie pathologisieren die Kritiker dieser willkürlichen Konstrukte und verlangen von ihnen Beweise. Genauso könnten sie die Betreffenden auffordern zu beweisen, dass es keine Dämonen, Kobolde und Engel gibt.

Trotz der Absurdität der Sache, wollen wir hier ein paar Aspekte zusammentragen, um aufzuzeigen, dass es keine Dämonen gibt, pardon, dass Genderrollen lediglich sozial-politische Konstrukte sind.


Kulturelle Unterschiede von Genderrollen

In Saudi Arabien und Pakistan, zum Beispiel, gilt es als unnatürlich, wenn Frauen arbeiten. Dieses Privileg haben sich nur wenige erkämpft. In den westlichen Zivilisationen sowie in Osteuropa ist das längst Gang und Gebe. Während Frauen in streng islamistischen Ländern ihr gesamtes Dasein in Gefangenschaft fristen und Heim und Herd ihre einzigen Betätigungsfelder sind, verbringen westliche Frauen „nur“ den Großteil ihrer Existenz im Haushalt und können eigenständig das Haus verlasen.

Die biologische Unfähigkeit zu arbeiten, die den Frauen in zahlreichen Staaten der Welt unterstellt wird, ist also Nonsens. Der Beweis dafür sind Frauen in den Dienstleistungs- und Industriestaaten, die sehr wohl arbeiten. Auch und insbesondere in Drittweltstaaten arbeiten Frauen sehr schwer. Und damit wären wir bei dem nächsten Aberglauben, dass Frauen physisch schwach seien. Während Männer in den Industrie- und Dienstleistungsstaaten ihren Frauen das Gepäck hinterhertragen, alles im Haus reparieren und die Dame, die sie zu ihrem Besitz zählen, beschützen, schuften andernorts Frauen auf Baumwollplantagen oder im Steinbruch. Selbst in den westlichen Ländern gibt es Frauen, die auf dem Bau, im Lager oder als Türsteher arbeiten. In den KZ und im sowjetischen Gulag gab es auch keine Sonderbehandlung von Frauen. Und nach dem Zweiten Weltkrieg haben Frauen Deutschland wieder aufgebaut. Folglich kann man nicht mehr von Ausnahmen reden, wie etwa von „maskulinen“ Frauen. Somit ist der Aberglaube bezüglich der Schwäche der Frau widerlegt. Dennoch ist er nach wie vor hartnäckig in den Köpfen der Menschen verankert.

Ein weiteres Beispiel ist das Autofahren: In Saudi Arabien dürfen Frauen keinen Wagen fahren, angeblich da sie es nicht könnten. Dieser Aberglaube ist so lächerlich, dass man ihn gar nicht zu widerlegen braucht.


Beispiele für den Aberglauben bezüglich der Genderrollen innerhalb der gleichen Kultur

Nicht nur kulturelle Differenzen widerlegen die Rollenklischees, auch Differenzen innerhalb derselben Kultur zeigen den Unsinn dieses Aberglaubens auf. Hier ein Beispiel: Es existiert ein Vorurteil, wonach Männer nicht kochen könnten. Das wird dadurch widerlegt, dass die Starköche männlich sind. Das heißt, die Herren können/könnten kochen. Allerdings wollen sie nicht – außer, es gibt dafür Geld und soziale Anerkennung.

Ein weiteres Beispiel betrifft wieder den Mythos von der körperlichen Schwäche: In den Dienstleistungsstaaten wird den Frauen Schwäche zugeschrieben und sie werden u. a. auf dem Bau diskriminiert. Die Pflege, die körperlich fordernder ist als die Baustelle gilt allerdings als Frauendomäne. 

Wandel der Genderrollen

War es kürzlich noch unnatürlich, dass Frauen studieren, etwa wegen ihrer angeblichen Unfähigkeit zum logischen Denken und ihrer natürlichen Bestimmung für Haushalt und Kindererziehung, sind heute Frauen an Universitäten längst keine Sensation mehr. Sogar als Dozentinnen treten sie in Erscheinung. Sicherlich ist dieses Bild nur in wenigen  Ländern ( u. a. in den westlichen Zivilisationen sowie in den meisten Osteuropäischen Ländern) normal – womit wir wieder bei den kulturellen Unterschieden wären. 

Einst durften deutsche Frauen nicht zur Bundeswehr oder zur Polizei. Zu schwach, zu langsam, zu ungeschickt, ... lauteten da die Vorurteile, die inzwischen überholt sind. Das war alles bloß Aberglaube, wie sich mittlerweile herausgestellt hat.

Ebenso durften Frauen nicht schauspielern. Bei den ersten Aufführungen, spielten Männer Frauenrollen.

Auch galt es einst als unnatürlich, dass Frauen Hosen tragen. In vielen Kulturen ist das immer noch der Fall. Zurzeit gilt es innerhalb westlicher Zivilisationen hingegen, weitgehend als unnatürlich, wenn Männer Röcke tragen. Dabei existiert keine biologische Disposition für das eine oder andere Kleidungsstück.


Kulturelle Differenzen, Differenzen innerhalb der gleichen Kultur sowie Wandel der Genderrollen: Beweise für den Aberglauben

Die kulturellen Unterschiede der Frauen- und der Männerrolle sowie ihre Änderungen im Laufe der Geschichte sollten als Beweis dafür ausreichen, dass es sich bei den Rollen nicht um unumstößliche Vorgaben der Natur handelt. Sie sind der Beweis dafür, dass Genderrollen freie Erfindungen sind, oder mit Judith Butler gesagt "Konstrukte", die man "dekonstruieren" kann.

Folgen des Aberglaubens

Infolge dieses Aberglaubens wird weltweit und durch alle Schichten und Kulturen hinweg die Hälfte der Menschheit unterdrückt und ausgebeutet (kostenfreie Arbeitskräfte, Gebärmaschinen). Dazu kann man ihnen weiß machen, dass der Aberglaube und somit die Genderrollen naturgegeben sind und dass man daran nicht rütteln könne - denn genau das soll mit allen Mitteln verhindert werden.

Wo die Zwänge nicht ganz so starr sind, z. B. in Nordamerika, Deutschland, Dänemark, Schweden und in anderen Dienstleistungsstaaten, versucht man den Frauen ihre untergeordnete Rolle schön zu reden. Dazu werden sie mit rollenkonformen Systemen überhäuft und geradezu vereinnahmt. Beispiele hierfür wären der Magerwahn, der Großteil der Modeindustrie, vermeintliche Vorteile durch die angebliche „Schwäche“, die dazu von klein auf kultiviert wird usw. 

Ferner wird die Welt aufgrund des Aberglaubens für Frauen zu einem gefährlichen Ort und ihre Abhängigkeit wird zementiert. Lesen Sie hierzu: Sicherheit für Frauen.

Wir schreiben das Jahr 2016. Es ist an der Zeit, den Aberglauben loszulassen. Nur so kann die Frau zum Menschen werden.